Verbraucherschützer warnen

Ärzte als Verkäufer: Die IGel-Abzocke

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München - Die IGel-Liste – was so nett klingt, ist oft nur eine Abzocke von Patienten. Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, schlägt Alarm.

Denn mit den Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die der Patient voll selbst zahlen muss, machen die Arztpraxen in Deutschland mindestens 1,5 Milliarden Euro jährlich Umsatz (Grafik: Die am häufigsten verkauften IGel-Leistungen). Dabei ist der Nutzen für die Patienten umstritten. Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, schlägt Alarm: „Viele Ärzte nutzen das Vertrauen der Patienten aus, wenn sie vom Helfer zum Verkäufer werden.“ Mit dem Gesetzentwurf den die schwarz-gelbe Regierung noch in diesem Jahr verabschieden will, sollte der Patient eigentlich mehr Rechte bekommen – aber es wird alles noch schlimmer! Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen zu den teuren Vorsorgeuntersuchungen.

Was genau fällt unter diese Zusatzleistungen?

Der IGel-Katalog umfasst nicht zwingend notwendige medizinische Vorsorgeleistungen (siehe Beispiele). Außerdem gehören sport- und reisemedizinische Untersuchungen dazu sowie „komfort“-medizische Wunschleistungen wie beispielsweise alternative Heilmethoden. Einiges ist inzwischen auch in den Katalog der gesetzlichen Krankenversorgung aufgenommen worden (z. B. Akupunktur und bestimmte Leistungen der Umweltmedizin).

Was kosten die IGel-Leistungen?

Die Verbraucherschützer wollten zwar einen Überblick über die geltenden IGel-Honorare erarbeiten – aber angesichts der gewaltigen Preisunterschiede zwischen einzelnen Arztpraxen war dies unmöglich! „Die Preisspanne beispielsweise bei der professionellen Zahnreinigung liegt zwischen 40 und 100 Euro“, so die Gesundheitsreferentin Ilona Köster-Steinebach zur tz. Die Ärzte haben laut Gesetz das Recht, ohne Begründung die in den Gebührenordnungen festgelegten Sätze um das bis zum 3,5-Fachen zu überschreiten. Die Verbraucher-Expertin rät: Informieren Sie sich im Bekanntenkreis, was dort für die Zahnreinigung oder die Augendruckmessung verlangt wird!

Werden Patienten ausreichend über Kosten und Nutzen der IGel-Leistungen informiert?

Nein! Laut einer Online-Umfrage der Verbraucherzentrale unter 1700 Patienten gab jeder vierte Arzt (24 Prozent) dem Patienten vor der Behandlung überhaupt keine Information über die Kosten, bei jedem Fünften gab es am Ende noch nicht einmal eine Rechnung.

Was sind die am häufigsten verkauften IGel-Leistungen?

Die Umfrage ergab, dass Ärzte Verbrauchern besonders oft eine Glaukomfrüherkennung, Ultraschall, den PSA-Test und zahnärztliche Behandlungen verkaufen (siehe Grafik). Mit 82 Prozent kamen die meisten Behandlungen nicht auf Initiative der Patienten zustande, obwohl eine Selbstverpflichtung der Ärzte das vorsieht. Nur jeder Vierte erinnerte sich daran, dass er über Risiken aufgeklärt wurde; über den Nutzen fühlte sich nur jeder Zweite informiert. Ausreichende Bedenkzeit gab es nur in jedem zweiten Fall.

Was ist im neuen Patientenrechtegesetz geplant?

Eigentlich hätte das Patientenrechtegesetz besseren Schutz vor unseriösen Praktiken bringen sollen. Doch die Unions-FDP-Regierung schrieb eine Formulierung ins Gesetz, die nach Meinung der Verbraucherschützer die Ärzte von jeder Haftung bei Zusatzleistungen befreit: „Die Behandlung hat nach allgemeinen medizinischen Standards zu erfolgen, soweit nicht etwas anderes vereinbart wurde“, heißt es da. „Das nimmt den Patienten jede Chance, sich gegen Behandlungsfehler zu wehren“, so Verbraucherschützerin Köster-Steinebach.

Was fordern die Verbraucherschützer?

Es solle verboten werden, mit den Ängsten der Patienten für Selbstzahlerleistungen zu werben, fordern die Verbraucherschützer. Zudem sollen die Patienten immer 24 Stunden Bedenkzeit bekommen, falls der Arzt ihnen eine kostenpflichtige Behandlung vorschlägt. Der Gemeinsame Bundesausschuss mit Vertretern aus Ärzteschaft, Kassen und Verbänden sollte zügiger entscheiden, für welche Leistungen die Krankenkassen zahlen. Sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen oder Behandlungen fallen dann schnell aus der IGel-Liste raus.

KR

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