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Interview

Angst in Krisenzeiten: Psychologe erklärt, warum „gewohnte Tagesstrukturen“ wichtiger denn je sind

Besorgte Frau steht am Fenster
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In Krisenzeiten nehmen Angst und Sorgen zu (Symbolbild).

Unsicherheit und Angst beeinflussen den Alltag in Krisenzeiten enorm. Wieso ein Ausbruch aus gewohnten Mustern falsch ist, verrät ein Psychologe.

Die Bewältigung des Alltags in düsteren Zeiten ist für viele keine einfache Aufgabe. Der Ukraine-Krieg und das damit verbundene Leid sowie die Energiekrise bewegen aktuell Menschen auf dem ganzen Globus und beeinflussen die Gefühlslage vieler.

Prof. Dr. Roland Weierstall-Pust, Direktor Forschung der Oberberg-Kliniken und Psychotraumatologe, rät zur Besonnenheit: „Es ist schon viel gewonnen, wenn wir als Gegengewicht zu Angst und Unsicherheit, Sicherheiten und Gewissheiten schaffen.“ Der Experte klärt im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news auf, weshalb „gewohnte Tagesstrukturen” aktuell wichtiger denn je sind.

Verstärkt die ständige Präsenz von Schreckensbildern in den Nachrichten die Ängste vieler Menschen? 
Prof. Dr. Roland Weierstall-Pust: Man muss differenzieren, dass es Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen gibt. Ein wesentliches Bedürfnis ist der Wunsch, in Situationen, deren Ausgang unvorhersehbar ist, Kontrolle zurückzuerhalten. Die mediale Berichterstattung gibt uns subjektiv die Möglichkeit, eine realere Einschätzung der Situation vornehmen zu können. Wir überlassen sie damit nicht nur unserer Fantasie.
Eine sachliche Berichterstattung ist elementar, da Menschen in der gegenwärtigen Situation und der mit ihr verbundenen Ängste empfänglich für emotionale Inhalte sind und sich auch leichter beeinflussen lassen als in einer Zeit, die nicht so bedrohlich ist. Es gibt auch viele Menschen, die sich durch derartige Bilder verängstigt und beunruhigt fühlen. Ebenso gibt es Menschen, die selbst einen Flucht- und Kriegshintergrund haben und nun an eigene Traumata erinnert werden. Das gilt es bei der Berichterstattung zu berücksichtigen.
Wichtig scheint mir vor allem eine Berichterstattung, welche darauf abzielt, die Würde der betroffenen Menschen zu wahren und sie nicht in ihrem Leid zur Schau zu stellen. Vor allem aus traumatherapeutischer Perspektive wissen wir, dass der Schutz der Betroffenen oberstes Gebot besitzt. Jede weitere Destabilisierung sollte vermieden werden. Es ist wichtig, dass die Menschen, welche die Berichterstattungen lesen oder anschauen, die Möglichkeit haben, sich frei dafür entscheiden zu können, entsprechendes Bildmaterial und Darstellungen anschauen zu wollen oder nicht. Verstörende Bilder sollten nicht plötzlich überfluten, da Erfahrungen nicht zurückgedreht werden können.

Depression bis Alkoholsucht: Die häufigsten psychischen Krankheiten im Überblick – Jeder dritte ist betroffen

Eine Frau hält ein gefülltes Sektglas in ihrer Hand.
Alkoholsucht zählt zu den am dritthäufigsten diagnostizierten psychischen Leiden. Mit der Medikamentenabhängigkeit zusammen entfallen 5,7 Prozent der Diagnosen auf die Alkoholabhängigkeit. Etwa jeder siebte Erwachsene trinkt Alkohol in gesundheitlich riskanten Mengen. Damit ist Alkohol nach Nikotin das häufigste Suchtmittel in Deutschland, so die Bundes Psychotherapeuten Kammer. 1,8 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, weitere 1,6 Millionen trinken Alkohol in schädlichen Mengen, heißt es weiter. (Symbolbild) © Bode/Imago
Medikamentensucht bei Senioren
Neben der Alkoholsucht zählt die Medikamenten-Abhängigkeit zu den am dritthäufigsten verbreiteten psychischen Erkrankungen in Deutschland.  © Jens Kalaene/dpa
Frau schaut aus Fenster
Die sogenannten affektiven Störungen zählen zu den psychischen Erkrankungen, die am zweithäufigsten in Deutschland vorkommen. Die Depression ist wohl der bekannteste Vertreter aus dieser Gruppe. Der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (dgppn) zufolge, entfallen fast 10 Prozent der Diagnosen auf diese Krankheitsgruppe. Alleine 8,2 Prozent sind von einer unipolaren Depression betroffen. Depressionen gehören damit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Rund 16 Prozent der Bevölkerung leiden mindestens einmal in ihrem Leben an einer depressiven Störung, innerhalb eines Jahres sind es ungefähr 8 Prozent, informiert die Bundes Psychotherapeuten Kammer. (Symbolbild) © Fabian Sommer/dpa
Junge Frau vor dem Schrankspiegel
Angststörungen sind am weitesten verbreitet. Der dgppn zufolge entfallen 15,4 der Diagnosen auf Angststörungen wie Panikattacken, Angst vor weiten Plätzen etc. Bei Betroffenen ist das Angstgefühl so übermächtig, dass es den Alltag immens einschränkt. Beschwerden wie Herzrasen, Schwitzen und Zittern zählen zu den Symptomen einer Angststörung. (Symbolbild) © Imago
Frau mit Maßband in der Hand
Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht sind zwar insgesamt gesehen weniger weit verbreitet als oben genannte Krankheiten. Doch in der weiblichen Bevölkerung zwischen Pubertät und dem 30. Lebensjahr gehören die Essstörungen zu den häufigen psychischen Erkrankungen, informiert die Bundes Psychotherapeuten Kammer. Etwa ein Prozent der Frauen erkrankt während ihres Lebens an einer Magersucht, rund zwei Prozent leiden im Laufe ihres Lebens an einer Bulimie. (Symbolbild) © Sergiy Tryapitsyn/Imago
Wie reagiert man auf die Ängste der Mitmenschen und Kinder?
Weierstall-Pust: Es ist schon viel gewonnen, wenn wir als Gegengewicht zu Angst und Unsicherheit, Sicherheiten und Gewissheiten schaffen, soweit bei aller Unsicherheit möglich. Hierzu zählt, verlässlich, zugewandt und klar zu sein, und vielleicht auch Konflikte, die unter den gegebenen Umständen an Größe verlieren, zurückzustellen. Auf gesellschaftlicher Ebene können wir uns so solidarisch miteinander zeigen, dass wir für die Bewältigung der Probleme eine soziale Stabilität für jeden einzelnen wahren. Je mehr wir es schaffen, dass jeder seiner gewohnten Tagesstruktur nachgehen kann, seine Wohnung als sicheren Ort zu behalten, finanzielle Stabilität zu erhalten, oder auch Bezugspersonen sicher zu wissen, desto eher ist dies auch ein Garant dafür, dass jeder einzelne von uns mit den neu in unsere Leben gekommenen Stressoren einen Umgang finden kann oder zumindest auf Ebene der Psyche die freien Ressourcen hat, um diesen zu begegnen.
Eltern können versuchen, ihren Kindern diese Stabilität zu schaffen. Zu ihren wesentlichen Grundbedürfnissen zählen der Wunsch nach Bindung, der Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit und der Wunsch nach einem positiven Selbstwert. Hier können Eltern durch einen bedürfnisorientierten Umgang mit ihren Kindern eine Stabilität fördern, welche es erleichtert, mit den neuen und beängstigenden Eindrücken umzugehen. Als Take-Home-Message zusammengefasst: Alle unnötigen Stressoren zurückstellen und uns gegenseitig entlasten, damit wir die von uns geforderte Anpassungsleistung an eine neue Situation meistern können.
Hilft die Aufnahme von Flüchtlingen oder das Entsenden von Hilfspaketen bei der Angstbewältigung?
Weierstall-Pust: Spenden- und Hilfsangebote stellen eine Möglichkeit dar, aus dem Gefühl der Tatenlosigkeit und Hilfslosigkeit herauszufinden. Es passiert derzeit etwas Schreckliches in einem Teil der Welt, der räumlich nicht weit weg ist, der aber für die meisten von uns nicht im direkten Einflussgebiet liegt. Ein wesentliches Element von Trauma kann das Erleben sein, mit unaushaltbaren Ereignissen konfrontiert zu sein und keinen Ausweg zu finden und keine Macht zu haben, etwas an der eigenen Lage zu verändern. Die Traumatisierung, welche viele Menschen in der Ukraine erleben, rührt auch uns an. Die Beteiligung an entsprechenden Aktionen kann einer Angst entgegenwirken. Im Fokus aller Bemühungen sollte jedoch stets die Frage stehen, ob diese zum Wohl der Betroffenen erfolgen oder primär uns dienen, um ein besseres Gefühl zu bekommen. Letzteres sollte bei allem nicht der Fall sein. Wenn Hilfe aber dort ankommt, wo sie gebraucht wird, und im Sinne der Betroffenen erfolgt, dann ist es meiner Einschätzung nach auch legitim, wenn es auch unserer Psyche Entlastung verschafft. 
Ab wann sind schöne Ablenkungen pietätlos?
Weierstall-Pust: Was pietätlos ist und was nicht, ist sicherlich eine Meinungsdebatte, aus psychologischer Sicht schwer sinnvoll zu beantworten. Was unumstritten ist, ist, dass die Arbeit mit Traumaüberlebenden herausfordernd ist und es, auch in der Zeit nach einem Krieg, Menschen geben muss, die sich das Schöne erhalten haben und einen Gegenpol zu dem schaffen, was zerstört wurde. Es gibt Bilder von Kindern, die im Krieg geboren werden, und Eltern, die trotz der desaströsen Umstände in diesen Momenten Glück empfinden können. Es gibt Traumaüberlebende, die sich Mitgefühl wünschen und gleichzeitig nicht bemitleidet werden wollen.
Positive und negative Emotionen schließen sich nicht aus, sondern gehören zum vollständigen Spektrum unseres menschlichen Erlebens. Ein Mensch, der in einer vom Krieg zerstörten Stadt Häuser wieder aufbaut und nicht schläft und nicht isst, wird schnell seine Kraft verlieren und seiner Aufgabe nicht mehr nachgehen können. Einseitigkeit, in die eine oder andere Richtung, ist aus psychologischer, psychotherapeutischer Sicht oft damit verbunden, dass Menschen oder Systeme in eine Schieflage kommen. Welches Verhältnis von negativen und positiven Emotionen jedoch angemessen oder pietätlos ist, hängt von der Sicht der Gesellschaft und des Einzelnen ab. (eee/jok/spot)

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