Bandscheibenvorfälle heilen meist von selbst!

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Schonende Therapien unterbrechen den Schmerzkreislauf: Dr. Martin Marianowicz (li.) und Osteopath Jörgen Bodstangen behandeln die Wirbelsäule einer Patientin mit sanften Griffen

Es geht auch ohne Skalpell. Sagt Dr. Martin Marianowicz (55). Der Orthopäde behandelt seit 25 Jahren Rückenpatienten mit sanften Therapien, Injektionen und minimal-invasiven Mikro-Techniken.

Zur Operation rät er nur in ganz seltenen Fällen. Trotzdem werden seine Patienten sogar dann wieder gesund, wenn sie unter einem schweren Bandscheibenvorfall leiden. „Weil 90 Prozent aller Bandscheibenvorfälle von selbst ausheilen“, so Marianowicz. „Der Körper und seine Selbstheilungskräfte schaffen das in der Regel von ganz allein. Man muss ihm nur die nötige Zeit dafür geben.“ Diese Zeit beziffert der Rückenspezialist auf etwa sechs bis zwölf Wochen. Natürlich kann und soll der Arzt dem Körper dabei helfen. Dann können konservative Therapien wie Krankengymnastik, Schmerzmittel und Injektionen diese Zeit deutlich verkürzen.

Bei vielen Eingriffen bildet sich Narbengewebe

Dr. Marianowicz mit Röntgen- und Kernspinbildern der Wirbelsäule. Dort sichtbare Bandscheibenvorfälle müssen nicht immer weh tun.

Trotzdem werden viele Patienten und leider auch ihre Ärzte schon nach kurzer Zeit ungeduldig. Und viel zu oft greift der Doktor vorschnell zum Skalpell. Rund 300.000 Wirbelsäulen-Operationen finden pro Jahr in Deutschland statt, darunter fast 230.000 Bandscheiben-OPs. „80 Prozent davon sind unnötig“, warnt Marianowicz. „Jeder dritte dieser Eingriffe bringt nicht den gewünschten Erfolg. Viele Operierte haben auch hinterher noch Schmerzen, obwohl die Chirurgen technisch gut gearbeitet haben.“

Ein Grund dafür: Bei vielen Eingriffen bildet sich Narbengewebe, das hinterher erneut auf die empfindlichen Nerven neben der Wirbelsäule drücken kann. Wie oft hierzulande operiert wird, macht Marianowicz an vier einfachen Zahlen deutlich: „Während die Anzahl der Operationen pro 100.000 Einwohner in England nur bei 100 liegt, sind es in Frankreich 250, in Deutschland 450 und in München sogar 1000.“ Ein trauriger Rekord.

Seinen Patienten rät der Doktor zu mehr Bewegung

Schuld daran ist zum einen die hohe Zahl von Wirbelsäulen-Operateuren, die sich immer öfter im attraktiven München niederlassen. Meist sind es Neurochirurgen. Allein deren Zahl hat sich in den letzten sechs Jahren von 54 auf 140 fast verdreifacht. Denn ein Neurochirurg kann im Gegensatz zum Orthopäden in München jederzeit eine Praxis eröffnen, weil in diesem Fachgebiet keine Zulassungsbeschränkung wie in anderen Fächern herrscht. Zweitens gibt es in München mittlerweile die wahrscheinlich höchste Dichte an Kernspintomographen, die Bandscheibenvorfälle besonders gut sichtbar machen.

Dr. Marianowicz sieht in diesen beiden Tatsachen den eigentlichen Grund der viel zu häufigen Eingriffe: „Die vielen Operateure wollen natürlich viel operieren. Und mit den vielen Kernspintomographen werden mehr Patienten als früher untersucht. Da entdeckt man natürlich mehr Bandscheibenvorfälle. Allerdings muss ein im Kernspin sichtbarer Bandscheibenvorfall noch längst nicht die Ursache für die Schmerzen sein. Für eine richtige Diagnose muss man lange mit dem Patienten sprechen und seinen Körper gründlich untersuchen. Das und die konservative Behandlung werden jedoch von den Kassen im Vergleich zur OP nicht ausreichend bezahlt. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass viele Ärzte ihre Rückenpatienten in die Klinik schicken, wo der Chirurg schnell zum Messer greift.“

Dr. Martin Marianowicz: „Aufs Kreuz gelegt“, 287 Seiten, Goldmann- Arkana-Verlag, 17,95 Euro

Wie gut dagegen die konservativen Therapien wirken, weiß Marianowicz nicht nur von seinen bisher über 12.000 behandelten Patienten. Er hat es am eigenen Leib erfahren. Denn der Orthopäde hat bereits selbst vier schmerzhafte Bandscheibenvorfälle erlitten. Den ersten bereits als Student mit 21 Jahren. Der wurde damals operiert, die Schmerzen jedoch blieben noch lange bestehen. Es folgten drei weitere Vorfälle, der hoffentlich letzte vor sieben Jahren. Marianowicz erinnert sich: „Das waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je erlebt habe. Doch durch eine intensive Schmerztherapie und konservative Methoden wurde ich wieder schmerzfrei. Auf den Kernspinbildern meiner Wirbelsäule sieht es jedoch aus wie auf einem Autofriedhof. Trotzdem tut mir seit sieben Jahren nichts mehr weh.“

Michael Timm

Der 5-Stufen-Plan für Ihren Rücken

So winzig ist der Bandscheibenlaser

Jahrelange Studien der verschiedensten Schmerztherapien, seine eigenen vier Bandscheibenvorfälle und die Erfahrung mit 12.000 behandelten Patienten hat Dr. Marianowicz genutzt, um einen 5-Stufen-Plan für den Rücken zu entwickeln, der allein mit sanften und minimal-invasiven Behandlungsmethoden auskommt. 80 Prozent aller Patienten werden dadurch nach kurzer Zeit schmerzfrei.

1. Stufe: Sanfte Therapien

Muskeltraining lindert Schmerzen und hilft, aus der ungesunden Schonhaltung wieder herauszufinden. Zusätzliche Reiztherapien wie Massagen, Wärme, Kälte, Chiropraktik, Akupunktur und Osteopathie unterbrechen den Schmerzkreislauf. Entspannungsmethoden und Verhaltenstherapie wirken gegen stressbedingte Schmerzen. Schmerzmittel von ASS bis Opioiden unterdrücken die Höllenqualen. Bewegung wie Pilates, Yoga oder Gyrotonic macht die Wirbelsäule wieder fit.

2. Stufe: Injektionen

Betäubende, entzündungshemmende und durchblutungsfördernde Mittel umfluten die entzündeten Nervenwurzeln. Spritzen helfen auch bei Verschleiß der kleinen Wirbelgelenke (Facetten-Infiltration).

3. Stufe: Mikrotherapie

Schmerzkatheter, Laser und Hitzesonde können selbst bei massiven Befunden eine Operation meist noch vermeiden.

4. Stufe: Minimale Eingriffe

Eingebrochene Wirbelkörper bei Osteoporose oder nach Stürzen lassen sich durch Ballonsonden und Injektionen von Knochenzement wieder aufrichten. Abstandhalter aus Titan können einen verengten Wirbelkanal wieder erweitern. Im schlimmsten Fall kann das vorgefallene Bandscheibengewebe mit einem Endoskop schonend entfernt werden.

5. Stufe: Komplextherapie

Bei chronischen Schmerzen können in einer Rückenklinik alle sanften Therapien kombiniert und durch intensive psychologische Hilfe ergänzt werden.

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