Gleitschirmfliegerin Ewa Wisnierska hat nach Ende ihrer Profikarriere Neustart gewagt

"Birdy" legt die Ohren an

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Ewa Wisnierska in ihrem liebsten Element. Doch mittlerweile hat die 39-Jährige gelernt, auch am Boden neue Ziele zu entdecken.

Samerberg - Es ist diese grenzenlose Freiheit ohne vorgegebene Wege und Abzweigungen, die sie immer und immer wieder in die Luft gehen lässt.

Ewa Wisnierska, eine der besten Gleitschirmfliegerinnen der Welt, packt die Faszination, die dieser Sport zwischen Himmel und Erde auf sie ausübt, sehr anschaulich in nur wenige Worte.

Für die zierliche blonde Frau mit dem sympathischen Lachen ist das "die einfachste Art, ohne fremde Hilfe, nur mit einem Stück Stoff, in Dimensionen vorzudringen, die nur wenigen vorbehalten sind."

Acht Mal gewann Wisnierska, die seit gut einem Jahr in Ried am Samerberg wohnt, den Weltcup, flog bei Europameisterschaften an die Spitze und landete zigmal bei Deutschen Meisterschaften auf dem Siegerpodest. Selbst nach zwei schweren Unfällen, bei denen sie gerade mal so am Tod vorbei schrammte, ist ihre Leidenschaft fürs Fliegen zwar ungebrochen; doch hat sich der Blick der mittlerweile 39-Jährigen auf den Sport und viele andere Dinge grundlegend geändert.

Geboren in Polen, lebt Ewa Wisnierska heute am Samerberg.

Knapp 23 war die gebürtige Polin, als sie das erste Mal Gleitschirmflieger sah; gebannt bestaunte sie die Piloten mit ihren bunten Schirmen, die mithilfe einer Schleppwinde in die Luft stiegen, sich mit der Thermik weiter in die Höhe schraubten - und dann einfach wegflogen. Bis zu Wisnierskas Jungfernflug von der Emberger Alm in Kärnten sollten allerdings - vor allem des Geldes wegen - noch einige Jahre vergehen; denn eigentlich wollte die in Polen ausgebildete Veterinärmedizinerin, die unter anderem einige Zeit ein Kulturcafé in Hamburg betrieb, ja studieren, erst Photographie, später Psychologie. Dann aber kam ein Gespräch mit ihrem Bruder dazwischen, der ihr von seinem Gleitschirmkurs erzählte und damit ihr bisheriges Leben vollkommen umkrempelte.

Wenig später, im September 2000, hat Ewa den A-Schein in der Tasche mit dem festen Ziel: "Ich will Fluglehrerin werden." Was folgt, ist ein nahezu kometenhafter Steilflug, der sie binnen kürzester Zeit an die Weltspitze katapultiert. Über jedem Kontinent auf dem Erdball fliegt sie in den kommenden Jahren der Konkurrenz - oft auch den Männern - davon. Um Geld zu sparen, campiert sie sogar drei Jahre lang in einem Auto.

Längst ist die Fliegerei zum alleinigen Lebensinhalt geworden; doch gleichzeitig wächst der Druck, um jeden Preis den überlebenswichtigen Siegprämien nachzujagen - und den Erwartungen gerecht zu werden, die andere aber vor allem Ewa selbst an sich stellt: Die Ausnahmesportlerin verliert gewissermaßen die Bodenhaftung. Die Entscheidung über Starten oder am Boden bleiben, über Abbrechen oder Weiterfliegen überlässt sie nur zu gerne den Wettkampfleitern; selbst wenn diese trotz widriger Wetterbedingungen das Rennen freigeben. Zweifel und Bedenken schiebt sie mit aller Macht in den Hintergrund.

Den Wendepunkt setzt schließlich ein Trainingsflug bei der WM 2007, als die bisweilen überehrgeizige Spitzenpilotin in Australien alle Warnungen in den Wind schlägt, von einem Gewittersturm in fast 10.000 Meter Höhe gerissen wird und diesen Höllenritt bei Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius nur mit sehr viel Glück überlebt. Da macht sie sich ganz bewusst klar: "So geht's nicht weiter. Siegen ist schön, aber nicht um jeden Preis".

Sehr offen erzählt Ewa Wisnierska vom harten Weg, sich die eigenen Schwächen einzugestehen, das Nein-Sagen zu lernen, selbst die Verantwortung fürs eigene Handeln zu übernehmen - und die Vorsätze auch konsequent in die Tat umzusetzen.

Nur wenige Wochen nach ihrem letzten schweren Unfall zieht Ewa zum ersten Mal die Reißleine, sagt wegen schlechter Witterung einen Flug ab und ist darauf noch heute stolz: "Dieses Gefühl war überwältigend, besser als ein erster Platz." Statt der Logos von Sponsoren trägt sie nun einen Sinnspruch von Mahatma Gandhi in die Lüfte: "Be the change you wish to see in the world." Und nicht selten ist sie jetzt bei Wettkämpfen die erste, die wegen einer gefährlichen Wetterlage "die Ohren anlegt" und damit indirekt auch für die Konkurrenz - zu deren Erleichterung - den Startschuss zur vorzeitigen Landung gibt. Für Ewa alias "Birdy", für die sich mit dem EM-Titel 2008 und dem Ausstieg aus der WM 2009 das Kapitel Wettkampffliegen schließt, hat Sicherheit inzwischen uneingeschränkt Vorfahrt.

Am Samerberg - die Hochries mit dem Startplatz im Rücken, die Landewiese gleich hinterm Haus - entdeckt sie nun für sich die Faszination des Fliegens neu, nimmt den Wechsel der Jahreszeiten wieder bewusst wahr und schätzt die Vögel als ihre liebsten Begleiter. Auch ist es dem ehemaligen Mitglied der Nationalmannschaft ein Anliegen, ihren Erfahrungsschatz in Gruppenseminaren und Einzel-Coachings an andere weiterzugeben. Wobei vieles, was beim Fliegen zählt, etwa was Selbstvertrauen und -motivation, den Umgang mit heiklen Situationen oder taktisches Handeln angeht, auch in anderen Lebensbereichen seine Gültigkeit habe. Mit ihrer Flugschule organisiert Wisnierska außerdem Kulturreisen nach Nepal, bei denen sich längst nicht alles ums Gleitschirmfliegen dreht.

Zugleich hat ihr "neues" Leben eine starke soziale Komponente: Unter anderem eröffnet sie in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation "Karuna" mit Gleitschirm-Schnuppertagen Berliner Straßenkindern neue Horizonte.

Marisa Pilger (Oberbayerisches Volksblatt)

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