Morgensteifigkeit als Warnhinweis

Rosenheim - Ein Experteninterview zum Thema Morbus Bechterew, die Ursachen für diese Krankheit und was dagegen zu tun ist.

Im Interview Prof. Dr. Jürgen Braun, Ärztlicher Direktor des Rheumazentrums Ruhrgebiet in Herne und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie.

 

1. Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Inwiefern unterscheidet sich die Beschwerden bei Morbus Bechterew von anderen chronischen Rückenleiden?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Typische Symptome bei der entzündlich-rheumatischen Rückenerkrankung Morbus Bechterew sind tief sitzende Rückenschmerzen, die eher langsam einsetzen und häufig nachts und in den frühen Morgenstunden auftreten, und die nicht selten mit Morgensteifigkeit einhergehen. Die Schmerzen bessern sich meist bei Bewegung. Wenn derartige Schmerzen bei jungen Patienten auftreten, kann dies ein Hinweis sein, dass es sich um den Beginn eines Morbus Bechterew (auch axiale Spondyloarthritis, kurz AS) handelt.

2. Wie häufig tritt die rheumatische Erkrankung auf und wie ist ihr Verlauf?

Prof. Dr. Jürgen Braun: In Deutschland geht man davon aus, dass etwa einer von 200 Menschen an Morbus Bechterew erkrankt ist. Jedoch wird die Diagnose häufig erst sehr spät im Krankheitsverlauf gestellt. Der Verlauf von Morbus Bechterew kann ganz unterschiedlich sein. Man kann sagen, dass 20 bis 30 Prozent sehr stark betroffen sind, 40 Prozent mittelstark und 20 Prozent leicht. Unbehandelt kann die Erkrankung zu einer Versteifung und Verkrümmung der Wirbelsäule führen. Oft sind Gelenke und Sehnenansätze, aber auch andere Organe wie die Augen beteiligt.

3. Welche Ursachen kommen für die Entstehung von Morbus Bechterew infrage?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Die genauen Ursachen von Morbus Bechterew sind nicht geklärt. Wir gehen aber davon aus, dass genetische Ursachen in Verbindung mit einer Störung des Immunsystems vorliegen. Man weiß auch, dass mechanischer Stress und Rauchen den Krankheitsverlauf verschlechtern können.

4. Früher hieß es, Frauen würden seltener erkranken. Trifft diese Einschätzung nach heutigen Erkenntnissen noch zu?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Früher hat man AS eher als Männerkrankheit gesehen. Doch heute weiß man, dass Frauen nahezu genauso häufig betroffen sind wie Männer. Frauen entwickeln aber deutlich seltener die krankheitstypische erhebliche Knochenneubildung.

5. Die Diagnose wird häufig erst nach etlichen schmerzvollen Jahren gestellt. Woran liegt das? Welche Folgen hat dies für den Krankheitsverlauf?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Leider vergehen bis zur Diagnosestellung durchschnittlich fünf bis acht Jahre. Das liegt daran, dass Rückenschmerzen ein sehr häufiges Symptom sind und fälschlicherweise oft andere Ursachen für die Schmerzen verantwortlich gemacht werden. Dabei geht wertvolle Zeit verloren, in denen die Patienten meist keine adäquate Behandlung bekommen und die Entzündung in den Wirbelkörpern ungehindert fortschreitet.

6. Wie sieht heutzutage ein modernes, ganzheitliches Behandlungskonzept aus?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Die Behandlung sollte heute alle Aspekte der Erkrankung berücksichtigen und damit sowohl die Reduktion der Entzündung als auch die Verminderung der Versteifung und der Knochenneubildung zum Ziel haben. Die medikamentöse Therapie richtet sich vor allem nach den Symptomen des Patienten, den Schmerzen, der Funktionseinschränkung, der Lebensqualität. Standardmäßig werden entzündungshemmende Medikamente aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAR) eingesetzt, doch reichen diese häufig nicht aus. Nicht selten müssen sie auch wegen Nebenwirkungen abgesetzt werden. Hier stellt die Behandlung mit TNF-alpha-Blockern eine mögliche Alternative da. Die medikamentöse Therapie sollte durch spezielle Krankengymnastik begleitet werden.

7. Welche Möglichkeiten bieten moderne Therapiemethoden? Für welche Patienten sind diese Medikamente zu empfehlen?

Prof. Dr. Jürgen Braun: TNF-alpha-Blocker sind die aktuell am stärksten wirksamen entzündungshemmenden Stoffe. Sie sind bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität und entzündungsbedingten Schmerzen, die trotz konventioneller Behandlung anhalten, zu empfehlen.

8. Können krankengymnastische Übungen und tägliche Haltungskontrolle den Krankheitsverlauf beeinflussen und wenn ja, wie?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Ja, sehr sogar. Aktive Bewegungsübungen und langfristige physiotherapeutische Betreuung sind in jedem Stadium der Erkrankung von wesentlicher Bedeutung, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu erhalten.

9. Verändert sich die Erkrankung mit den Jahren? Worauf sollte ein Patient, der bereits lange Jahre erkrankt ist, mit zunehmendem Alter besonders achten?

Prof. Dr. Jürgen Braun: Ältere Patienten müssen generell darauf achten, nicht zu stürzen, da die Häufigkeit von Wirbelkörperbrüchen bei Patienten mit Morbus Bechterew um das Sechs- bis Achtfache erhöht ist. Wenn der Erkrankungsbeginn schon viele Jahre zurückliegt, haben sich die Betroffenen oft schon an die Schmerzen und zum Teil auch an erhebliche Einschränkungen gewöhnt und sich damit arrangiert. Manchmal wird dann eine weitere Verschlimmerung der Erkrankung nicht mehr richtig wahrgenommen. Deshalb ist es wichtig, dass auch Patienten, die schon länger erkrankt sind, regelmäßig ihren Arzt aufsuchen, damit die Therapie überprüft werden kann.

Pressemitteilung Birgit Fink & Carmen Weigel

Rubriklistenbild: © Birgit Fink & Carmen Weigel

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