Der Bayreuther "Parsifal" - eine einzige Bettszene

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"Parsifal": 1. Aufzug Christopher Ventris (Parsifal) und Kwangchul Youn (Gurnemanz).

Bayreuth - Nein - eine Oper wird der “Parsifal“ nie. Das Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen von Richard Wagner bleibt auch fast 130 Jahre nach seiner Uraufführung (26. Juli 1882) mehr als nur Musiktheater.

Ein Mythos vielmehr, eine Art Gottesdienst für die einen, feierlicher Weiheakt für die andern. Daran ändert auch die vielschichtige, streckenweise recht irdische Deutung des Wagnerschen Spätwerks durch den norwegischen Regisseur Stefan Herheim nichts.

Da können noch so viele Soldaten in SS-Uniform und Trümmerfrauen aufmarschieren, am Ende faszinieren doch wieder die Gralszenen mit dem leuchtend gelben Weihgefäß und heiligem Speer am meisten. So musste sich Herheim am Sonntagabend beim ersten “Parsifal“ der diesjährigen Bayreuther Festspiele etliche Buhrufe für seine allzu politische Auslegung des Werkes anhören. Die Wiederaufnahme der Neuinszenierung von 2008 - auch da gab es schon Buhs - bildete zugleich den Abschluss der Bayreuther Premierenwoche.

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Bis der vom törichten Jungen zum weisen Mann gereifte Parsifal den greisen König Amfortas vom Fluch der Unsterblichkeit befreien darf und damit zum Erlöser wird, muss er sich auf eine lange Wanderschaft begeben - Wagners “Parsifal“ kann auch als wechselvolle Geschichte eines Volkes verstanden werden, die seine unrühmliche Vergangenheit nur schwer aufarbeiten kann.

Der “Parsifal“ - eine einzige Bettszene. Im ersten und zweiten Aufzug steht eine stattliche Schlafstatt inmitten der Bühne. Im Bett wird geboren und gestorben, wird verführt und gelitten. Zu Beginn des zweiten Aufzuges stehen viele Betten auf der Bühne. Verwundete des Ersten Weltkrieges liegen im Lazarett und kaum dass sie das Schlimmste überstanden haben, treiben es die Krankenschwestern und Blumenmädchen mit ihnen in den Feldbetten.

Geschickt greift Herheim auf, dass Wagner den “Parsifal“ eigens für sein Festspielhaus komponierte. So siedelt er die Handlung zeitweise in der Stadt Bayreuth an, als Kulisse (Bühnenbild: Heike Scheele) dient Richard Wagners Wohnhaus Wahnfried. Später werden Hakenkreuzfahnen aufgezogen, martialisch auftretende Soldaten der Waffen-SS versetzen Juden auf der Flucht in Angst und Schrecken, ehe Nazi-Deutschland in Schutt und Asche sinkt.

Beginnen lässt Herheim seine Zeitreise durch die jüngere deutsche Geschichte im Wilhelminischen Kaiserreich. Im Garten von Haus Wahnfried versammelt sich eine illustre Gesellschaft, Wagnerianer wohl, die in ihrer Erlösungssehnsucht zum Grab ihres Meisters Richard Wagner pilgern. Die Erlösung des Amfortas durch Siegfried verlegt Herheim in den alten Bonner Bundestag des demokratischen Nachkriegsdeutschland.

Am Schluss steht die Weltkugel als Symbol der Vereinten Nationen über dem Bundestag, und über allem leuchtet die Friedenstaube, während der Souverän, das Volk, sich in Gestalt der Festspielbesucher im Bühnenhintergrund spiegelt. Auch dank einer ausgefeilten Lichtregie (Ulrich Niepel) und üppiger Kostüme (Gesine Völlm) ist Herheim eine packende Inszenierung gelungen. Doch hätte der Regisseur auf manche filmische Einblendung von Krieg und Zerstörung verzichten sollen.

Zwischen den unterschiedlichen musikalischen Interpretationen des “Parsifal“ kann eine volle Stunde Spielzeit klaffen, Daniele Gattis mehr als viereinhalbstündiges Dirigat gehört zu den längeren. Allzu gedehnte Tempi nehmen der Musik Wagners nicht selten den Spielfluss. Das überträgt sich auch auf die Personenregie - die Protagonisten auf der Bühne bewegen sich im Zeitlupentempo.

Die Stars des Bayreuther “Parsifal“ sind Christopher Ventris in der Titelpartie, Kwangchul Youn als Gurnemanz und Mihoko Fujimura als Kundry. Ventris gibt einen heldenhaften Parsifal mit allerdings leicht nasaler Stimmführung, Youns Bassbariton kommt ungemein sonor daher und Fujimura ist eine hinreißend wandelbare Kundry, die alle Schattierungen ihres Soprans voll auskostet. Nicht minder überzeugend Detlef Roth als Amfortas, Diógenes Randes als Titurel und Thomas Jesatko als Klingsor. Ein auftrumpfendes Festspielorchester und der stimmgewaltige Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) sind Garanten des Bayreuther “Parsifal“ im Jahr zwei seiner Neuinszenierung. Am Ende frenetischer Beifall für die Sänger und nicht zu überhörende Buhrufe für Regisseur Herheim sowie Dirigent Gatti.

Die Bayreuther Festspiele dauern noch bis zum 28. August.

Von Paul Winterer

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