Wie nach einem Tornado

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Auch mehrere Tage nach dem Festival sind die Spuren auf dem benachbarten Campingplatz noch unübersehbar.

Übersee - Mehrere Monate Vorbereitung, drei Tage Musikspektakel pur, sechs Tage Aufräumen. Mindestens. Der Chiemsee Reggae Summer in Übersee hat mal wieder seine Spuren hinterlassen.

War noch während des Festivals laufend herumliegender Müll entsorgt worden, ging das große Reinemachen Montag dieser Woche richtig los. Bis heute, Samstag, sollen die Spuren im Ortsteil Almau weitgehend beseitigt sein.

Chiemsee Reggae Summer: Ein Bild der Verwüstung

Noch am Donnerstagnachmittag sah der Campingplatz direkt neben dem Festivalgelände so aus, als wäre er gerade von einem Tornado heimgesucht worden. Als hätten die Besucher ihre Schlafstätte fluchtartig verlassen: verwüstete Zelte, verbogene Campingstühle und -tische sowie Einweggeschirr ohne Zahl wartete darauf, endlich abtransportiert zu werden. Hinzu kommen ausrangierte Sofas und Matratzen von "Trittbrettfahrern", also nicht Festivalbesuchern, die das Chaos ausgenutzt und Hausmüll illegal entsorgt haben. Auch für den Abtransport solch artfremden Unrats zahlt ungewollt der Veranstalter.

Essen und Trinken ist vergessen, das Geschirr geblieben.

Wie jedes Jahr geht der Maschinenring (MR) Traunstein, angeleitet vom kommunalen Sicherheitsbeauftragten Max Posselt, nach dem gleichen Schema vor. Nämlich von außen nach innen. Das heißt, erst nehmen sich die 30 bis 40 MR-Angehörigen des Bahnhofs an, anschließend nähern sie sich Straße für Straße dem harten, sprich: am meisten verunreinigten Kern.

In erster Linie mit der Hand, mit Zangen sowie selbst gebauten, nach dem Staubsaugerprinzip verfahrenden Geräten versuchen die Landwirte, den Unrat zu beseitigen.

Dabei war der vermeintliche Wohlstandsmüll anfangs noch gar nicht als solcher zu erkennen. Nach Posselts Angaben waren die Zelte in den allermeisten Fällen noch durchaus brauchbar, auch wenn manche "abgefackelt" wurden (wir berichteten). Doch Plünderer und auch der Sturm zu Wochenbeginn hätten für das Tohuwabohu gesorgt. Bevor nämlich die eigentlichen Reinigungskolonnen anrückten, haben sich klammheimlich andere Gestalten nach Brauchbarem umgesehen. Und dabei ihrer Zerstörungswut freien Lauf gelassen.

Gleichwohl kann Posselt dieser "Nachlese" auch etwas Gutes abgewinnen: So hätten Kinder ihr Taschengeld mit gefundenen Münzen oder Leergut aufbessern können. Ein Asylbewerber will für eingesammelte Flaschen sogar knapp 1000 Euro kassiert haben. Noch brauchbare Campingausrüstung wird sich demnächst wohl auf Flohmärkten wiederfinden.

Auf die Kommune, die ein Fundbüro eingerichtet hat, kommt die Aufgabe zu, gefundene Portemonnaies, Ausweise sowie Kreditkarten den Besitzern zu schicken.

7000 bis 8000 Zelte wurden nach Posselts Schätzung zurückgelassen - manche in durchaus noch gebrauchsfähigem Zustand. Doch der Dauerregen - der Pegel der nahen Tiroler Ache war während der Reggae-Gaudi von 1,70 auf vier Meter angestiegen - hat die mitgebrachten Unterkünfte wie auch so manch andere Textilien derart durchnässt, dass die Jugendlichen einfach keinen Bock hatten, sich damit abzuschleppen. Die Deutsche Bahn dürfte es gefreut haben, von solchen Mitbringseln weitgehend verschont geblieben zu sein.

Schlamm und Chiemsee Reggae Summer scheinen eine schicksalshafte Symbiose einzugehen. Auch wenn das Terrain unmittelbar vor der Bühne heuer dem Nass etwas besser als in den Vorjahren getrotzt hat: Dort, wo die "Nonfood"-Buden standen, und erst recht im Campingplatzbereich, bot sich das vertraute Bild: In tiefem Morast, bis zu den Knöcheln mit Schlamm bedeckt, versuchten die Reggae-"Freaks", sich ob des Latinosounds ein sonniges Gemüt zu bewahren.

Die Gemeinde will für die kommenden Festivals weitere Quadratmeter mit dem Schotterrasen versehen und auch ein paar Bäume anpflanzen. So soll das Gelände an 360 Tagen im Jahr einem Park ähneln.

Chiemgau-Zeitung

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