Andreas Altmann: Vernarrt ins Leben

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Autor Andreas Altmann: Einmal mehr hat er Faszinierendes zu Papier gebracht, einmal mehr über die Welt.

Burghausen – Er hat es ein weiteres Mal geschafft: Autor Andreas Altmann. Eine Stunde 300 offene Ohren, 300 wache Augen und keine Fragen – zum zweiten Mal in Burghausen.

Er, der 63-jährige Wahl-Pariser, der Schonungs- und Gnadenlose, der nach Geschichten jagende, weltweit, überall, in den einsamsten Ecken dieses einzigartigen Erdballs. Er las, im Jazzkeller-Gewölbe, in der Altstadt, im Schatten der Burg: Ausdrucksstark, ohne Versprecher, ohne Wackler, ohne einen Blick in die begeisterten Antlitze seiner Leserinnen und Leser. Eine Stunde mit einem selbsternannten Selbstverherrlicher, einem „heute ausnahmsweise friedlichen Schandmaul“, mit der Maske des Guten. Lieber noch ein Kapitel vorlesen, ehe gar noch ein Dialog zustande käme. Eine offenbar grauenhafte Vorstellung für den Monologist: Er hasst langweilige Fragerunden, weist Fotografen in die Schranken und liebt die Empathie.

Endlich das Geld loswerden

Ausdrucksstarke Lesung.

Wer es doch wagt, etwas zu fragen - so viel hat sich aufgetan - erhält leise Genuscheltes, gar unverständlich, tief im Stimmenkeller, seitlich am Fragenden vorbeigehaucht. Schnell das nächste Buch signieren, immerhin mit Zeitzugeständnis für den Namen des braven Käufers. Auf fast nichts anderes zielt eine Leserfangreise quer übers Land ab. Das Bestreben wird erreicht, der reiche Gabentisch leert sich beängstigend - immer wieder. „Sie scharrten ja schon mit den Füßen, um endlich ihr Geld loszuwerden“. Christin Moll, die Leiterin der Stadtbibliothek, hat ihn mit ihrem Team organisiert, den spannenden, mitreißenden, den spektakulär unspektakulären Abend in überfüllten, mittelalterlichen Gemäuern.

Nein, nein, er, der Altmann, geboren in Altötting, das er autobiographisch längst abgesch(l)ossen hat, samt Würdenträgern, Offiziellen, Ehrenamtlichen, Bewohnern, entkommt schon mal ein Lächeln. Er ist ja doch auch Mensch, kann übliche Wesensreaktionen nicht ganz unterdrücken - er täte es wohl ganz gern. Doch dann: Plötzlich eine Umarmung. Einzelne Sympathiebekundungen, Werte, Freundlichkeit gar. Ein ganzes Kapitel widmet er dieser schwindenden Tugend, ohne die er sich einsam fühlt, draußen in der Welt. Von Angesicht zu Angesicht wirkt er zurückhaltend, menschenscheu, die Freundlichkeit weicht zugunsten Anspannung, Konzentration. Ist es Unsicherheit? Jemand, der so exorbitant gut schreiben, sich kaum treffender ausdrücken kann. Sein Geheimnis.

Ein Vorbild in Sachen Leben?

Andreas Altmann, der Reisende und nach Augenblicksglück spähende: Es spricht alles offen aus ihm heraus, schonungslos, ohne Rücksicht - und kaum jemand nimmt es ihm übel. Weil wir alle gern so leben würden? Selbstbestimmt, material-scheu, ja - getrennt, die Welt kennenlernend, mit wenigen Habseligkeiten? Ein zweistelliger Platz in der Spiegel-Bestenliste für seinen neuesten Erguss bislang - „Gebrauchsanweisung für die Welt“ - ist Beweis genug. Besitz erdrückt, die Menschen dürsten nach Altmanns Wortwitz und -intelligenz, den grandiosen Schöpfungen, obwohl nie gehört sofort verständlich, klar und rein. Faszination.

Christin Moll, Leiterin in der Stadtbibliothek, organisierte mit ihrem Team den Abend im Jazzkeller.

Auch in Burghausen hingen sie ihm, dem Reporter, an den Lippen, lachten über seine trockenen, fast verschluckten Witzeleien, sehnten sich nach einem anderen Leben, draußen in der Welt, außerhalb der gerade in Burghausen dicken Mauern, woll(t)en gleich am nächsten Morgen etwas ändern. Wer hat es gemacht? Bei all den Verpflichtungen, den Zwängen, dem Alltag... Gäbe es Chaos, würde jeder tun, was er wollte?

Vielfach verliebt

Altmann wird nicht müde, uns Buch für Buch aufzufordern endlich aufzuwachen. Ganz ohne religiösen Hintergrund. Mit Gott kolportiert er nicht. Mit der Sprache schon, närrisch vernarrt in Deutsch, hoffnungslos verliebt in Englisch, und die ganze Welt. Er, der Preisgekrönte, will viel sein und viel weniger haben, außer Geld. Altmann besitzt es, durchaus, die Autoren-Hitparade verrät ihn, ohne Wenn und Aber.

Sonst besitzt er wenig bis nichts: Eine Wohnung in Paris, ja. Und weiter? Hemden, Hosen, Schuhe, Teller, Gläser, Löffel, Messer, Gabeln, alles in zweifacher Ausführung, aber keinen Herd. „Ich gehe dreimal am Tag ins Restaurant. Der Wirt bringt mir alles was ich will und spült auch noch mein dreckiges Geschirr ab - er ist (m)ein Held - was für ein Leben“. Altmann isst, was auf den Tisch kommt: „Ich bin anspruchslos“. Und doch gibt es die eine Lust, die eine Sucht: Nach Leben.

Mit einem Wort im Duden

Vor allem beim Reisen: Stubenhockerei und Muttersöhnchen werden verteufelt, Aufstehen, Rausgehen, Weggehen, Mut, Tapferkeit, Liebesverschwendung, Sehnsucht, „Weltwachheit“ gefordert. Bis in den Duden hat er es geschafft, mit seiner Worterfindung, der heute Nimmersatte, Tramper, Hilfsbereite, der frühere Straßenbauarbeiter und Buchclubvertreter, Spüler, Privatchauffeur und Anlageberater, Nachtportier, Dressman, Postsortierer, Parkwächter und Fabrikarbeiter. Seine Erfahrung, die noch nicht beendet ist: „Der Prolo hat die Weltherrschaft übernommen“, vor allem in den bösen und faszinierenden USA.

In seinem gut 200 Seiten, wahrlich starken Werk nimmt er uns mit auf eine Weltreise, in alle Kontinente. Berichtet über Angenehmes und Unangenehmes, über geistige Vielfalt und noch mehr Armut. Letztlich als Liebeserklärung an die Welt, die der Altmann da - „es ist mir eine Ehre“ - mit „größtmöglichem Bemühen“ (O-Ton des einsamen Autors) hingezaubert hat. Kein Buch, welches mit erregtem Zeigefinger geschrieben worden wäre. Mitnichten. Es gibt „nur“ Tipps, Ratschläge, weist hin, macht aufmerksam, wach – und ist sagenhaft leicht und zügig zu lesen. Große Kunst. Ein echter Altmann, ungeschminkt, wahrhaftig, nicht ein Blatt vor den Autoren-Mund nehmend.

Es ist wie so oft: Die einen lieben ihn, und der Rest macht genau das Gegenteil oder bleibt davon gänzlich unberührt.

bit

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