FCKW-Schlacht am Rhein: „Hairspray“ feiert Premiere

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„Hairspray“ ist Kult: Vor allem Uwe Ochsenknecht (Edna Turnblad) tritt ein schweres Erbe an. John Travolta spielte in dem gleichnamigen Film die Edna Turnblad so überzeugend, dass selbst „Divine“ vor Neid erblasst wäre.

Köln - Tracy Turnblad und ihre Mutter Edna im Kampf gegen Rassentrennung in den 60er Jahren, die Geschichte ist Kult. Die deutsche Auflage des Musicals feierte jetzt in Köln Premiere.

Farbenfroh, temporeich und druckvoll hat die deutsche Version des amerikanischen Erfolgsmusicals “Hairspray“ Premiere in Köln gefeiert. Die von John Waters mit subversivem Witz erzählte Geschichte des pummeligen Teenagers Tracy Turnblad eroberte das Publikum im Sturm. Maite Kelly als Tracy, Uwe Ochsenknecht als schwergewichtige Mutter Edna Turnblad und das absolut mitreißende Ensemble wurden am Donnerstagabend mit Ovationen gefeiert. Nicht mehr als zwei Lieder braucht “Hairspray“, um das Publikum auf die Seite der Turnblads - der komische Scherzartikelerfinder Wilbur Turnblad wurde von Leon Van Leeuwenberg mit der nötigen Balance zur monströsen Leistung Ochsenknechts gegeben - zu ziehen. Maite Kelly überraschte mit dem Schwung und der Dynamik, mit der sie den naiven, aber charakterstarken Teenager mit Übergewicht und dem Traum spielte, Star einer von einer Haarspray-Firma gesponserten Tanzshow zu werden.

Das Musical spielt 1962, genau zwischen Elvis Presley und der kurz darauf folgenden Revolution der Jugendkultur durch die Beatles. Die Musik ist vom Rock'n'Roll und Soul der Schwarzen dominiert, im Land herrschte aber noch Rassentrennung und Diskriminierung. Im örtlichen Fernsehsender von Baltimore bedeutet das, dass sechs Tage die Woche ein Tanzwettbewerb für Weiße und nur einmal eine Tanzshow für Schwarze stattfindet. Tracy, die der bösen Tochter der Produzentin den Freund und Sänger Link Larkin wegschnappt, lernt ihre besten Tanzschritte beim Nachsitzen in der High School von ebenfalls zum Nachsitzen verdonnerten schwarzen Mitschülern.

Niemand stoppt den Beat

Mit ihrem kindlichen Gerechtigkeitssinn rebelliert sie dagegen, dass Schwarze und Weiße nicht zusammen in einer Tanzshow auftreten dürfen. Das bedeutet Revolution, in der die Story nun vollends turbulent wird und Edna und Wilbur Turnblad zu heldenhaften Eltern einer heldenhaften Tochter machen. Freiheit entfaltet sich nicht in der Konformität eines Schönheitsideals, was nur ein anderes Wort für eine Vorschrift ist, schwingt es zwischen den Beats der flotten und scheinbar unwichtigen Tanzmusik. Freiheit hängt von Respekt und Toleranz für die Menschen ab, von denen keiner wie der andere ist: Dick oder dünn oder Hautfarbe wird hier unwichtig, wenn das Herz auf dem rechten Fleck schlägt.

Seit Jahren am Broadway

Am New Yorker Broadway und im musical-verwöhnten Londoner Westend hat “Hairspray“ gewaltige Erfolge gefeiert und ist mit 31 internationalen Auszeichnungen überschüttet worden. Für die Kölner Produktion ist das Empfehlung und Belastung zugleich: Empfehlung, weil die Story und die Musik offenkundig auf beiden Seiten des Atlantiks funktionieren. Belastung, weil die Übersetzung angloamerikanischen Witzes ins Deutsche immer voller Tücken steckt, insbesondere beim heiklen Thema Rassendiskriminierung. Die Übertragung ist bis in die Liedtexte gelungen. Sicherlich klingt “It Takes Two“ im Englischen erst einmal besser. Da die Songtexte fürs Verständnis eine wichtige Rolle spielen, ist eine Übersetzung auch der Lieder wohl die bessere Lösung. Aus dem glorreichen Finale “You Can't Stop The Beat“ wird “Niemand stoppt den Beat“. Funktioniert.

Vorurteile durch Humor überwinden

“Man kann die Meinung der Leute nur ändern, indem man ihnen sein Anliegen humorvoll nahebringt“, erklärt John Waters in einem Pressetext der Veranstalter Michael Brenner und Marek Lieberberg. “Und dieser Humor ist politisch. Sie werden ihre Meinung nicht ändern, wenn man ihnen nicht ein Lachen oder auch nur ein Lächeln entlockt. In der Schule hat man mich nie verprügelt, weil ich die Schlägertypen zum Lachen brachte. Das war meine Verteidigung. Humor ist eine Bastion, eine Waffe.“ Allein acht Tony-Awards- das Broadway-Äquivalent zum Film-Oscar - heimste “Hairspray“ in den USA ein. Waters, nach Filmen wie “Mondo Trasho“ (1970) und “Pink Flamingos“ (1972) zum “Pope of Trash“ - Schundpapst - gekürt, wurde vom Out- zum Insider.

Das sei die “ultimative Ironie“, sagt Waters, beweise, “das alles möglich ist, wenn man nur fest genug daran glaubt... Alles geht, wenn man will.“ Humor und Willen bringt Maite Kelly aus eigener Lebenserfahrung ein: “Mit Humor kann ich als Dicke überleben hier in dieser Welt“, sagte sie im AP-Interview zu “Hairspray“. “Man kann, man darf sich auch mit seinen Schwächen lieben.“ Broadway-Regisseur Jack O'Brien hat die deutsche Version überwacht, sieben Millionen Euro haben Lieberberg und Brenner nach eigenen Angaben in die Show investiert und hoffen, mit “Hairspray“ einen ähnlichen Publikumsmagneten wie das Queen-Musical “We Will Rock You“ nach Köln geholt zu haben. Der Presse-Premiere folgt am Sonntag die Gala-Premiere mit zahlreichen prominenten Gästen. Danach gibt es täglich Vorstellungen im Musical Dome am Hauptbahnhof.

AP

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