Gelebte Gleichberechtigung

Aschau im Chiemgau - Ludwig van Beethoven nannte seine zehn Violinsonaten „Sonaten für Klavier und Violine“. Aber das sagt nur wenig über die Gewichtung der Instrumente und das Wesen der Werke aus.

Es ist erstaunlich, wie weit Beethoven die Gleichberechtigung der beiden Instrumente vorantreibt - schon in seinen ersten Beiträgen. Deswegen ist die interpretatorische Herausforderung weitaus geringer, die Kontraste von Ausdruck und Dynamik zu schärfen.

Bei Beethoven muss diese Schärfung ohnehin umgesetzt werden, weil sie zu dessen Stil gehört. Vielmehr siegen in den Violinsonaten solche Interpreten, die diese fortgeschrittene Emanzipation zwischen Klavier und Violine umsichtig nachvollziehen. Genau das haben Alexander Janiczek (Violine) und Llyr Williams (Klavier) bei ihrem "Festivo"-Gastspiel mustergültig geschafft. Beim Aschauer Kammermusikfestival realisierte das perfekt aufeinander eingespielte Duo an drei Abenden in der Högermühle Hohenaschau alle zehn Violinsonaten.

Überhaupt punktete das Duo mit dem eher schlanken Ansatz, der gepflegt und gelebt wurde. Darüber hinaus erkannten die Musiker zudem den subtilen Humor in den Werken. Da ist etwa die "Vogelruf-Geste" im langsamen Mittelsatz aus Opus 30, Nr. 2, die unvermittelt und knapp in der Violine auftaucht und gerne überhört wird: Es scheint hier die Lerche zu rufen. In der Romantik wird sie - ähnlich wie die Nachtigall - mit Tod, Vorahnung und Verklärung in Verbindung gebracht. Von zwei Lerchen, die "nachträumend in den Duft" steigen, schreibt etwa Joseph von Eichendorff in seinem todesdüsteren Gedicht "Im Abendrot". Richard Strauss wird dieses Gedicht in seinen "Vier letzten Liedern" vertonen. Was der kurze und knappe Vogelruf im langsamen Satz aus Beethovens Violinsonate op. 30, Nr. 2 soll, bleibt ein vieldeutiges Mysterium. Dass ihn Janiczek und Williams als solchen zu erkennen gaben, ihn schärften und verlebendigten, ist jedoch schon sehr viel.

frm/Oberbayerisches Volksblatt

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