Helge: Jenseits aller Normen

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Musiker und Komiker: Helge Schneider

Salzburg - „Wullewupp Kartoffelsupp“ - Helge Schneider kommt nach Salzburg. Am 4. Juli gibt er sein neues Programm im Salzburg Congress zum Besten. Hier ist er im Interview.

Herr Schneider, Ihr neues Programm hat den Namen Wullewupp Kartoffelsupp - Sie sind ja bekannt für Ihre skurrilen Ausdrücke. In welchen Situationen fällt Ihnen so etwas ein?

Helge Schneider: Eigentlich immer und überall, oder monatelang gar nicht. Das ist Zufall. Manchmal sogar, wenn man abends im Begriff ist einzuschlafen, auf einmal hat man so eine Idee. Und wenn die gut ist, schreibt man sie dann auf, sonst vergisst man sie.

Beschreiben Sie uns doch kurz Ihr neues Programm. Worum geht es da?

Helge Schneider: Da gibt es nichts zu beschreiben. Kann man nicht beschreiben. Ich kann doch nicht ein Bild malen und vorher sagen, was ich malen werde. So sehe ich eben das, was ich auf der Bühne mache.

Sie haben gerade Ihre Biographie „Bonbon aus Wurst“ geschrieben. Bei einem Auftritt bei Stefan Raab wurden Sie gefragt, warum gerade dieser Titel. Ihre Antwort war, Sie müssten selber noch darüber nachdenken. Sind Sie schon zu einem Ergebnis diesbezüglich gekommen?

Helge Schneider: Nein, noch nicht.

Haben Sie vor, diese Lebensgeschichte fortzusetzen? Oder planen Sie so etwas nicht?

Helge Schneider: Nein, das ist überhaupt nicht geplant, das passiert, oder eben nicht, mal gucken…

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie von Leuten wie Marcel Reich-Ranicki kritisiert werden? Er hat Sie ja schon mehrmals über Ihre Arbeit ausgelassen, zum Beispiel über Ihr Buch.

Helge Schneider: Ich hab da gar keine Berührungsängste auf der einen Seite, auf der anderen Seite interessiert mich das auch gar nicht. Er darf über mich sagen, was er will. Das ist ja sogar sein Beruf, glaub ich, oder? Immer so meckern. Nun wollen wir den mal nicht brotlos machen.

Und würden Sie sich auf eine Diskussion mit ihm einlassen, zum Beispiel in einer Talkshow oder ähnlichem?

Helge Schneider: Klar, das würd’ mich freuen. Ich rede gerne mit jedem. Ich würde nie sagen, mit dem rede ich nicht. Es ist ja auch reizvoll, mit jemanden zu reden, der was gegen einen hat. Aber das weiß ich ja gar nicht, ob der was gegen mich hat, bloß weil er da mal was über meine Arbeit gesagt hat. Wer weiß, wie er privat ist. Ich kenne den doch gar nicht. Er kennt mich auch nicht. Ich lehne das auf jeden Fall nicht ab, Kontakt zu haben.

Bei Ihnen hat man aber das Gefühl, dass eigentlich niemand richtig etwas gegen Sie hat. Sie sind der Liebling der Masse und wo Sie auftauchen sind die Leute glücklich. Das war ja ein langer Prozess, oder?

Helge Schneider:Ja, das wollte ich auch immer so haben, dass die Leute glücklich sind, wenn sie zum Konzert kommen. Aber das muss man sich natürlich hart erarbeiten. Das ist ein langer Weg. Aber das ist normal, glaub ich, es ist eine natürliche Entwicklung, die man da mitmacht. Und anders herum ist es eben nicht so langlebig. Man muss die Menschen ja auch erst kennen lernen, man hat erst noch wenig Publikum. Und wenn man die Leute nicht begeistert, dann kommen sie eben nicht.

Bei Casting-Shows, zum Beispiel, ist das ja anders, eine eher unnatürliche Entwicklung. Von heute auf morgen ist da gleich viel Publikum. Ist das etwas, was Sie auch konsumieren? Schauen Sie zum Beispiel auch „Deutschland sucht den Superstar“ an?

Helge Schneider: Ja klar, manchmal guck’ ich das auch, aber ich hab da überhaupt keine Wertungsfaktoren. Mich interessiert alles. Mich interessiert auch der Aspekt, was das eigentlich ist, wo das herkommt und was machen die Leute später. Die geraten da in Mühlen und der eine kann gut damit umgehen und der andere vielleicht nicht so, viele sind sehr naiv. Aber das ist ein zweifelhafter Ruhm, glaub ich. Ich glaube auch, dass die Leute da mit nicht besonders viel Selbstbewusstsein gesegnet sind, wenn sie über Nacht berühmt werden. Das kann ja gar nicht so schnell gehen, zu Selbstbewusstsein gehört auch Selbstkritik, dass man über die Sache, die man da macht selbst urteilt.

Sie haben in einem anderen Gespräch mal gesagt, dass Sie diesen Comedy-Hype, der im Moment im Fernsehen herrscht, nicht lustig finden und auch nicht darüber lachen können. Worüber können Sie lachen?

Helge Schneider: Immer, wenn man sich unterhält, sich gegenseitig zum Lachen bringt. Auch über Witze, abstrakte Situationen, eigentlich wie jeder andere auch.

Aber dieses Erzwungene im Fernsehen ist nichts für Sie?

Helge Schneider: Meistens ist das halt nicht so locker. Mir sagt sofort jemand mehr zu, der das was er macht auch selbst erfunden hat oder improvisiert. Das berührt mich viel mehr, als wenn ich weiß, aha, der Typ, der auf der Bühne steht, ist nicht gleichzeitig der Autor, von dem was er sagt. Dann gibt es oft noch einen Regisseur, der ihm sagt, wenn du den Mund auf diese und jene Art bewegst, dann wirkst du auf die Leute lustiger. Und das ist mir alles zu sehr wie eine DIN-Norm. Dieses Genormte passt aber zur Gesellschaft, die ist ja auch genormt. Es werden ja bestimmte Kleidergrößen bevorzugt, die Frauen wollen immer 36, mittlerweile auch 34, trotzdem aber 1,90 m groß sein.

Das sind so Normen. Aber Sie passen ja in diesen Normen nicht hinein und haben trotzdem Erfolg. Ist es manchmal doch so, dass man etwas will, was außerhalb der Norm liegt?

Helge Schneider: Ich glaube, dass die Menschen selbst eigentlich gar keine Norm wollen. Im Urbewusstsein wollen sie keine Normen, zwar wollen sie Grenzen gesetzt bekommen, in denen sie erst beweglich werden, aber sie wollen keine Normen. Es sei denn, diese Normen sind so althergebracht, wie zum Beispiel DIN-A-4 oder DIN-A-5, aber das sind Normen, die man wenigstens noch aussuchen kann. Erst gestern hatte ich eine Unterhaltung über den so genannten „Casual Friday“ in Amerika, das heißt, Typen wie Banker, die den ganzen Tag im Anzug rumlaufen, halten sich dann an die Norm, am Freitag mit Jeans und Polohemd aufzukreuzen. Und wer aus Versehen seinen Anzug anhat, der muss wohl doof sein. Also das ist auch so eine Norm. Auch wenn jemand aus der Norm ausbricht, sagt jemand in diesem Moment: „Das ist jetzt die neue Norm.“ Und das ist etwas, wogegen ich immer ankämpfe. Schon bevor ich auf der Bühne aufgetreten bin, wollte ich immer diese Kleidernormen nicht erfüllen. Ich hab dann halt die Hosen aufgeschnitten oder so.

Aber damit sind Sie damals wahrscheinlich auch angeeckt, oder? Sie sind jetzt nicht aus einer allzu großen Stadt, da ist man dann wahrscheinlich eher der Sonderling, oder?

Helge Schneider: Also die Stadt war schon so groß, dass man da nicht als der und der erkannt wurde. Aber ich war sehr, sagen wir mal, extrovertiert in der Erscheinung. Andere Jungs hatten dann mit 17 Jahren Jeans und T-Shirt an und ich bin eben im grünen Anzug rumgelaufen. Eigentlich so wie nachher dann Guildo Horn auf der Bühne, so bin ich damals rumgelaufen… Jetzt mach ich das nicht mehr! Obwohl man das vielleicht sogar von Ihnen erwarten würde… Naja, jetzt ist das halt Norm…

Sie haben fünf Kinder. Wie reagieren Ihre Kinder auf einen Vater außerhalb der Norm? Finden sie Ihren Humor und das, was Sie auf der Bühne machen, lustig? Oder interessiert sie das vielleicht auch gar nicht?

Helge Schneider: Das sind genauso Kinder wie andere Kinder auch. Es ist immer so, dass die Kinder irgendwann wegwollen und dann aber wiederkommen. Also wenn sie älter werden, da versuchen sie einen zu verstehen. Aber in dem Alter so ab 12, 13, 14 bis 23, da waren sie genauso wie andere Kinder auch. Da haben sie sich auch teilweise gar nicht dafür interessiert und dann plötzlich doch.

Gab es mal eine Situation, wo eines Ihrer Kinder gesagt hat: „Papa, das ist peinlich.“ ?

Helge Schneider: Ja, klar. Das kehrt sich immer so um, wenn die Eltern besonders freizügig sind, zum Beispiel immer nackt rumlaufen, dann laufen die Kinder eines Tages angezogen herum, weil sie das peinlich finden. Und irgendwann relativiert sich das wieder. Und umgekehrt war es damals so, als ich Jugendlicher war, da wollten wir nicht so sein, wie unsere Eltern. Mein Vater rannte den ganzen Tag im Anzug rum, es gab ja nichts anderes für die älteren Leute. Und dann haben wir natürlich Jeans getragen, ist ja klar. Das war damals gar nicht so selbstverständlich. Aber das ist alles schon sehr lange her…

Wenn man jetzt auf Ihren Berufsweg schaut, tut man sich schwer, sie einzuordnen. Sie sind Musiker, Schauspieler, Zeichner, Komiker. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?

Helge Schneider: Musiker und Komiker. Und schwingt da ein bisschen Clown auch mit? Ich hatte Clowns schon als Vorbild, aber bei meiner Arbeit schwingt am meisten die Musik mit und das ist dann der Untergrund für meinen Humor. Ich will auch, was Musik angeht, immer Qualität haben. Meine Arbeit gelingt am besten auf guter Musik.

Sie spielen ja unglaublich viele Instrumente. Haben Sie sich das alles selbst beigebracht?

Helge Schneider: Das Klavierspielen nicht, das habe ich studiert, aber dann abgebrochen, weil ich keine Lust hatte, Klassik zu spielen. Ich wollte damals schon improvisieren. Aber hätte ich nicht schon als kleines Kind das Klavierspielen gelernt, dann würde ich natürlich nicht so spielen können. Dazu gehört eben eine richtige Ausbildung.

Sie sind 2008 auch als Klavierspieler des Jahres ausgezeichnet worden. Freuen Sie sich darüber?

Helge Schneider: Das kommt natürlich von der Instrumentenindustrie, aber das macht ja nichts, ich freu mich da schon darüber. Ich freue mich eigentlich über jede Auszeichnung, auch über kleinere.

Stehen die dann bei Ihnen zu Hause herum?

Helge Schneider: Nein, ich hab da so eine Plastikkiste dafür bei mir im Keller. Ich stell mir die Sachen bei mir zu Hause nicht hin. Ach doch, ich hab da für die deutsch-polnische Freundschaft einen Preis gekriegt, der heißt Neptun, den hab ich draußen auf dem Gartentisch stehen. Hoffentlich ist er noch nicht geklaut.

Jetzt sind Sie ja schon seit 35 Jahren auf der Bühne. Gibt es bei Ihnen noch so etwas wie Lampenfieber?

Helge Schneider: Nein, hab ich auch noch nie gehabt. Wahrscheinlich hab ich da auch so etwas wie eine Sonderstellung, weil ich von Anfang an alles selber kreiert habe. Lampenfieber hat stark etwas mit Druck von außen zu tun. Ich habe keinen Druck von außen, sondern nur meinen eigenen Anspruch. Und warum soll ich vor mir selbst Lampenfieber haben? Das ist aber auch eine Psycho-Sache. Es gibt, glaub ich, Leute, die haben so ein krankhaftes Lampenfieber, die haben dann Durchfall, schwitzen, kriegen Fieber und so. Aber so etwas gibt es meistens in Berufen, wo der Druck sehr von außen kommt. Beispielsweise ein bekannter Opernsänger hat unheimlich Druck, die Stimme darf nicht versagen. Und bei mir ist dieser Druck nicht da. Wenn meine Stimme versagt, mach ich eben was anderes. Ich weiß nicht, ob Luciano Pavarotti Lampenfieber hatte. Ich könnte es mir aber vorstellen. Da waren ja tausende Augen und Ohren auf ihn gerichtet und horchten, ob er auch wirklich das bringt, was sie sich vorstellen.

In letzter Zeit haben Sie öfter gesagt, Sie wollen kürzer treten. Was heißt das?

Helge Schneider: Nicht so viele Interviews geben, kürzere Interviews…

Was kommt nach „Wullewupp Kartoffelsupp“?

Helge Schneider: Die nächste Tournee nächstes Jahr. Und vielleicht ein Film nächstes Jahr.

Aber dann wieder in eigener Regie, oder? Oder können Sie sich noch einmal so etwas wie mit Dany Levy („Adolf Hitler – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“) vorstellen?

Helge Schneider: Nein, also so etwas mach ich nicht mehr. Ich hab keine Lust mehr, eine Rolle zu spielen. Es sei denn, bei Sergio Leone, da spiele ich gerne.

Der Film war also keine positive Erfahrung für Sie?

Helge Schneider: Doch, das war schon positiv. Ich saß jeden Morgen vier bis fünf Stunden in der Maske, aber es war trotzdem lustig. Ich hab es selber nicht verstanden, aber da fünf Stunden zu sitzen und sich in diesen Typen zu verwandeln, war schon gut. Und ich hab alles eher am Rande erlebt. Die anderen haben gegessen und ich musste Suppe mit dem Strohhalm trinken. Ich war immer im Hintergrund und konnte nichts Essen. Ich hab dann einfach immer über mich selbst gelacht, das ist einfach lustig, wenn da einer mit so einer blöden Maske steht und nichts essen kann. Und dann ist das auch noch der Hauptdarsteller. Und jeden Tag aufs Neue hab ich mich kaputtgelacht. Ich bin auch gerne noch in der Maske nach Hause gefahren und hab aus dem Auto geguckt.

Dann haben wir ja noch mal was, worüber Sie lachen können…

Helge Schneider: Ja genau. Zum Schluss, was würden Sie sich wünschen, dass Leute, die in Ihrer Show sind, nach der Show sagen. „Aaaah, ich hab nicht alles verstanden, da muss ich noch mal hin!“

Das Interview führte Simone Kainhuber

Wullewupp Kartoffelsupp mit Helge Schneider

Zu sehen am 4. Juli, Salzburg Congress (direkt am Mirabell-Garten), Auerspergstr. 6, A-5020 Salzburg. Einlass: 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Tickets unter www.lba-music.com, beim Kartenservice Scharf unter Telefon 08652/2325 sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.

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