Prallbunter bayrischer Bilderbogen

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Flintsbach - Wenn die Flintsbacher „Theaterer“ ein Stück wie „Die Pfingstorgel“ von Alois Johannes Lippl dreimal spielen in ihrer bald 200-jährigen Theatergeschichte, muss das seinen Grund haben.

Nein, es hat sogar zwei Gründe. Einmal wird in der Flintsbacher Pfarrkirche heuer eine neue Orgel eingeweiht, zum andern ist Lippls „bayerische Moritat“ ein dankbares, aber auch jede Theatergemeinschaft herausforderndes Stück. Immerhin gilt es 14 verschiedene Bühnenbilder bereitzustellen und 45 Rollen zu besetzen.

Pfingstorgel am Volkstheater Flintsbach

Dafür bietet das Stück aber auch alles, was das bayrische Herz begehrt: Es beginnt mit einer Hochzeit und endet mit einer Prozession. Bauern werden in ihrer Derbheit und Schlitzohrigkeit gezeigt, dazwischen keimt eine Liebesgeschichte auf, einer wird im Wirtshaus derbleckt und ausg’sungen, sogar ein Jahrmarkt wird auf die Bühne gestellt.

Die Flintsbacher, schon immer gerühmt für ihre liebevoll gestalteten Bühnenbilder, übertreffen sich hier selbst: Auf dem Herd in der Wirtshauskuchl dampft riechbar ein Sauerkrautttopf, im Wirtshaussaal wird schäumendes dunkles Bier ausgeschenkt, auf den Troadboden, auf dem die Musikanten schlafen, möchte man gleich selbst schlüpfen, so authentisch schaut er aus, die Kegelbahn mit der schönen Aussicht ins Land hinaus ist mit feinsten Holzverzierungen geschmückt, auf dem Jahrmarkt schaukelt eine echte Schaukel, ertönt Drehorgelmusik, der Hau-den-Lukas knallt hörbar, und am Ende krachen Böllerschüsse.

Die Flintsbacher machen aus Lippls "Moritat" einen prallbunten bayerischen Bilderbogen mit herzlich-handfesten Szenen aus dem dörflichen Leben. Die Bühnenbauer (Martin und Michael Obermair, Matthias und Wolfgang Obermair) und Bühnenmaler (Bernhard und Simon Obermair sowie Resi Westenhuber) dürfen sich rühmen, zum Erfolg dieses Stücks einen großen Teil beigetragen zu haben. Spielleiter Peter Astner lässt das Stück sorgfältig, genau und deutlich ablaufen; langsam entfaltet sich die Handlung. Noch haben die Schauspieler den Text im Kopf und nicht schon im Körper, noch sind die dramatischen Stellen, in denen sich die Handlung zuspitzt, nicht dramatisch gespitzt genug, noch regiert das Wort vor dem Spiel. Das wird sich spätestens nach der dritten Aufführung ändern.

Ganz in ihrer Rolle gehen schon Michael Huber als der Musikant Ambros und Maria Goldes als seine geliebte Bauerstochter auf: Frisch und natürlich spielen sie und anrührend glaubhaft ist das Aufblühen ihrer Liebe auf der Kegelbahn. Franz Huber als Ambros' Vater gibt dem Musiker den ganzen ernsten Musikerstolz mit. Anton Deininger, unerbittlich starr als herzloser Bauer, der seine Tochter nur einem Bauerssohn, nicht einem Musikanten geben will, könnte noch zorniger und wütiger sein.

Köstlich sind Andreas Astner, Stefan Obermair, Andreas Bauer und Günther Westenhuber als die geizigen Mauther Gemeinderäte, ein nett sich neckendes Neben-Liebespaar sind die hübsche Pia Sieraczewski und der immer hungrige Florian Wilhelm, und wie man aus einer kleinen Rolle, einer "Wurzn", wie man im Theaterjargon sagt, eine witzsprühende Figur macht, zeigt Martin Goldes als Basstubist, der nicht nur auf seiner Tuba, sondern auch mit dem Publikum spielt.

Das können auch die beiden Moritatensänger Max Dirl und Lydia Huber, die genüsslich-gemächlich einzelne Szenen vorher besingen wie in einem Brecht-Theater. Die Moritat ist am Schluss aber keine, weil keiner stirbt, sondern alles gut endet. Aber was wäre, wenn der Ambros nicht so märchenhaft plötzlich reich würde: Gehört doch nur Bauer zu Bauer, Stand zu Stand? Wollte Alois Johannes Lippl, ehemaliger Präsident des Bayerischen Jugendrings, uns das sagen? Wenn Ambros arm bliebe, wär's vielleicht wirklich eine schröckliche Moritat. Aber das ist eine andere Geschichte…

Zum Inhalt: Die reichen Bauern von Mauth sind notorisch geizig, haben deshalb nicht mal eine Orgel in ihrer Kirche, und im Opferstock für eine neue Orgel befinden sich nur Knöpfe. Da kommt Amor zu Hilfe: Die Bürgermeisterstochter ist verliebt in den Bettelmusikanten Ambros. Der Bürgermeister will seine Tochter nicht einem Musikanten geben, und so beschuldigt er die Musikanten, den Opferstock aufgebrochen zu haben. Ehe - so spricht er - ist an Pfingsten eine Orgel in der Kirche, als dass er seine Zustimmung zur Heirat gebe. Doch da helfen alle fahrenden Leute zusammen und spenden den Mauthern zu deren Beschämung heimlich eine Orgel, die sie vor dem Pfingsttag aufstellen. Nun muss der Bürgermeister sein Wort einlösen und das Liebespaar zusammengeben, was ihm doch nicht so schwer fällt, weil Ambros sich märchenhafterweise als Erbe eines großen Gutes erweist.

Weitere Aufführungen Das Stück wird im Flintsbacher historischen Theaterhaus bis zum 18. August an 19 Abenden, mal dienstags, mal donnerstags, freitags oder samstags gespielt. Karten gibt es montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr unter der Telefonnummer 08034/8333 oder Fax 08034/908385 oder an den Spieltagen an der Theaterkasse. VON RAINER W. JANKA

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