Liebesgrüße aus Moskau

Rosenheim - Hier finden Sie eine Leseprobe aus dem neuen Wendelstein-Kalender 2010: Die Geschichte „Luebesgrüße aus Moskau“ von Werner Krämer.

Als Journalist kommt man manchmal auf ganz unerwartet Weise zu einem „G`schichtl“. Vor allem wenn man die Berufsbezeichnung „Lokalredakteur“ wörtlich nimmt und seine „Lauscher“ (Ohren) am, oder in der Nähe eines Stammtisches „aufstellt“.

So erfuhr ich, dass der Xaver ein pfunds Kamerad und immer da ist wo er gebraucht wird, oder in irgendeiner Weise helfen kann. Der Xari, so nennen ihn seine Freunde, ist auch Präsident eines Kegelklubs in einem Ort bei Rosenheim.

So nett und liebenswürdig er ist, so mächtig konnte er auch aufschneiden. Eins seiner Lieblingsthemen waren die Frauen, die ihm „nie widerstehen“ konnten. So auch eine Ärztin in einem russischen Gefangenenlager, in dem der Xari nach dem Krieg als junger Wehrmachtsangehöriger gesteckt wurde. Immer wieder erzählte der Xari seinen Kegelbrüdern von der tollen Romanze mit seinem „Gspusi“, der heißblütigen Katinka, die ihn nicht mehr nach Deutschland zurückgehen lassen wollte.

Eines tags wurde der Xari ziemlich kleinlaut. Im Kegelklub verkündete er nur noch die Vereinsregularien, und was seinen Kegelbrüdern am meisten auffiel: Der Xari erzählte nichts mehr von seinem russischen „Gspusi“ und den Bettgeschichten mit anderen Frauen. Aber guten den Spezln blieb nichts verborgen. Auch nicht, dass beim Xari seit einiger Zeit der Haussegen schief hing.

Die Ursache dafür brachten sie nicht heraus. Auch der Xari schwieg einige Wochen lang über seinen Kampf in seinem Inneren. Nach einigen Gläsern Bier vertraute er sich schließlich seinen Kegelbrüdern an und schilderte ihnen, dass er kürzlich einen Brief aus Moskau erhalten habe, aus dem hervor ging, dass eine Russin nach langem Forschen endlich die Adresse ihres Vaters ausfindig machen konnte.

Wenn die Angaben, so schrieb die Frau, ihrer Mutter richtig seien, müsse er, der Rosenheimer, ihr Vater sein. Sie habe deshalb einen Aussiedlungsantrag gestellt und diesen mittlerweile bekommen. Sie werde also in Kürze nach Rosenheim übersiedeln.

Wörtlich hieß es: „Ich habe mit Dir lieber Vater, viel zu sprechen, vor allem über Geld.“ Als der Xari den letzten Satz las, dachte er, er müsse für all die Jahre die Alimente nachzahlen. Vor lauter Aufregung ließ er den Brief daheim in der Küche liegen, so dass ihn seine Frau in die Hände bekam und las.

Von da ab war`s für den Xari aus mit der häuslichen Gemütlichkeit. Während der Beichte des Xari am Stammtisch fingen seine Kegelbrüder an zu grinsen und brachen schließlich in ein schallendes Gelächter aus, über das sich der Xari angesichts seiner miesen Lage keinen Reim machen konnte.

Als sie sich wieder beruhigt hatten, gestanden die Kegelbrüder, daß sie sich einen Scherz erlaubt hatten, weil der Xari jahrelang mit der Liebschaft mit der Lagerärztin geprahlt hatte. Den von den Kegelbrüdern gemeinsam verfaßten Brief hatte die Sekretärin eines Keglers bei einer Moskaureise abgeschrieben und dort aufgegeben.

Während für den Xari der Fall mit den Worten: „Ös Sauhund!“ abgetan war, zumal er froh war, dass er so glimpflich davon kam, ließen Xaris Frau alle Beteuerungen, dass es sich tatsächlich nur um einen Scherz der Kegelbrüder handelte kalt. Sie wollte der Sache erst dann Glauben schenken, „wenn de G`schicht` in da Zeitung steht.“

Über das, was ich hörte, berichtete ich im Oberbayerischen Volksblatt. Darüber wunderte sich der Xari, weil er sich keinen Reim darauf machen konnte, wie diese Begebenheit in die Zeitung kam. Er konnte auch nicht ahnen, daß ein aufmerksamen „Lokal“ - Redakteur am Nebentisch saß. Jedenfalls war er heilfroh, daß die „Sache“ für ihn gut ausging, die „Forderung“ seiner Frau erfüllt wurde und der „Haussegen“ wieder in Ordnung war — wenn auch auf eine, für ihn rätselhafte Weise.

Rubriklistenbild: © fkn

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