Mörderisches Kammerspiel

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Wasserburg - Richard, Herzog von Gloucester, gilt als einer der skrupellosesten Regenten in der Geschichte Englands. William Shakespeare hat dem verachtenswerten Herrscher mit seinem Drama „Richard III.“ um 1593 ein literarisches Denkmal gesetzt.

Regisseur Uwe Bertram verwandelte das elisabethanische Historienstück im Wasserburger Thetaer Belacqua in ein brillantes, mörderisches Kammerspiel.

Gerade einmal zwei Jahre sollte seine Regentschaft als König überdauern. Durch ein perfides Intrigenspiel brachte sich Herzog Richard an die Macht. Dabei zog er eine Spur der Blutgier hinter sich her: Er mordet oder lässt morden, er heiratet, wenn es dem Machterhalt dient. Während Gattin Anne noch auf den Scheiterhaufen um ihr Leben fleht, wirbt er schon um Elisabeth, deren Vater er ebenfalls auf dem Gewissen hat. Selbst treueste Gefolgsleute wie der Herzog von Buckingham landen auf dem Schafott.

Doch mit jeder weiteren Bluttat verschlechtert sich allmählich Richards Position. Längst hat sich im Hause Tudor eine Armee formiert, um die Schreckensherrschaft zu beenden. So begegnen dem Tyrannen am Vorabend der Entscheidungsschlacht bei Bosworth im Traum die Geister seiner ermordeten Blutsverwandten und prophezeien ihm den Untergang. Richards Truppen werden am Morgen in die Flucht geschlagen, sein Pferd wird getötet. "Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd" - wahnsinnig und in auswegloser Situation schneidet er sich die Kehle durch. Die Rosenkriege um die Thronfolge sind endlich beendet.

Abstoßend und zugleich faszinierend war dieser von Markus Menzel gespielte Richard: von Geburt an lahm, nicht tauglich für den Krieg, von den Frauen verachtet und dennoch zugleich Verführer, wenn auch mit Gewalt.

Uwe Bertram ergänzte das Spiel mit Elementen des modernen Tanztheaters, um die multiple Persönlichkeit Richards auf den Punkt zu bringen. Tomaz Simatovic tanzte den berechnenden Verführer, Regina Semmler, die Unheil bringende Figur. Beide wirkten in ihrer Darbietung ungemein stimmig, und besser lässt sich Richards Charakter in tänzerischer Bewegung wohl kaum zum Ausdruck bringen.

Aber auch die Besetzung der weiteren Sprechrollen war exzellent gewählt. Alexander Wagner spielte Richards Bruder George und vier weitere Adelige aus dessen Umfeld. Auch Richard Aigner wechselte mehrfach seinen Part - mal gedungener Meuchelmörder, dann aber wieder Ehrenperson wie der Lord Mayor, Bürgermeister von London.

Imponierend waren auch die Frauenrollen besetzt. Annett Segerer gab Lady Anne, Susan Hecker Königin Elisabeth. Doris Buchrucker überzeugte als verbannte Königin Margaret, ebenfalls von Richard zur Witwe gemacht. Treu an Richards Seite stand Hilmar Henjes als Herzog von Buckingham. Leicht sächselnd und beinahe tragisch-komisch spielte er zudem die zweite Mörderrolle. Wohl auch gewollt erinnerten die Killer an Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction". Zunächst plagte beide das Gewissen, bis das Geld Oberhand gewann. Ohnehin hat man ja nur im Auftrag gehandelt.

Von Henjes stammte auch das durch geniale Einfachheit geprägte Bühnenbild. Gespielt wurde auf einem riesigen, treppenförmigen Podest mit einem Graben für schnelle Bildabgänge. Von der Decke hingen große transparente Banner, bedruckt mit im Art-deco-Stil gekleideten Personen herab. Je nach Bedarf wurden diese wie ein Vorhang hin und her geschoben und brachten formale Struktur in die einzelnen Aufzüge. Die Tanzszenen wurden musikalisch vom Falsettgesang aus "Freakshow" von den Tiger Lillies begleitet - schräg, bizarr und passgenau zu Richards Persönlichkeit. Mit Auszügen aus Loriots politischer Rede beendete Annett Segerer schließlich das Spiel: Halbsätze, leere Worthülsen und Unverbindlichkeiten als Anspielung auf die politische Botschaft der Gegenwart.

Die Umsetzung von Shakespeares Königsdrama im Theater Belacqua war klar, zeitgemäß und einfallsreich. Auch ohne Detailkenntnisse zu den englischen Renaissance-Herrschern war der Handlung gut zu folgen. Regisseur Bertram rückte den knallharten Politthriller in den Mittelpunkt, ohne den historischen Kontext dabei außer Acht zu lassen, eine Inszenierung, zu der man nur gratulieren kann.

Weitere Aufführungen sind jeweils freitags, samstags und sonntags bis 7. März im Theater Belacqua, jeweils um 20 Uhr; Kartenvorbestellung unter der Telefonnummer 08071/ 103261.

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