Die Moritatensingen in Rosenheim

Rosenheim - Auf der Sommerreise durch die Städte und Märkte Oberbayerns kommen die Moritatensänger des Bezirks Oberbayern auch nach Rosenheim - wie seit vielen Jahren!

Die Tour führte die Moritatensänger an den vergangenen Samstagen im Sommer 2009 zum Beispiel von Neuburg an der Donau nach Mühldorf, dann nach Bad Tölz, Hofstetten bei Eichstätt und München, Au in der Holledau, Bad Reichenhall und nach Starnberg. Am Samstag, 18. Juli, sind die Moritatensänger des Bezirks Oberbayern in Rosenheim zu Gast, von 10 bis 12 Uhr am Max-Josefs-Platz in der Fußgängerzone. In Kooperation mit dem Stadtarchiv Rosenheim findet diese gesellige Mitsingveranstaltung schon seit vielen Jahren statt - in der Regel am Mittertor, heuer am Max-Josefs-Platz. Passanten und Besucher sind bei Sonne oder Regen zum Mitsingen und Mitmachen eingeladen - oder einfach auch zum Zuschauen.

Die Lieder der Moritatensänger des Bezirks Oberbayern sind gesungene Geschichten, Erzähllieder - ernsthaft oder humorvoll. Da gibt es die oft über 300 Jahre alten Balladen wie das "Bettl-mandl", die "Markgräfin" oder die "Brombeerpflückerin", wo es bei einer Fassung, die wir von Fritz Huber, dem ehemaligen Postboten in Ostermünchen, aufgeschrieben und ergänzt haben, heißt:

Ein Mädchen wollte früh aufstehn,

wollt gehen in den Wald.

Wollt in den Wald spazieren gehn,

halli, hallo, spazieren gehn,

wollt Brombeern brocken ab.

Und wenn einer eine Schwiegermutter hat,

dann schickt er s' in den Wald.

Denn im Wald, da sind die Räuber

halli, hallo, die Räuber,

die machen jede Schwiegermutter kalt.

Die oft schaurigen Moritaten transportieren die Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts: "Sabinchen war ein Frauenzimmer", "Lenchen ging im Wald spazieren", "Mariechen saß weinend im Garten" oder die "Gärtnersfrau". Weitere Ereignislieder, die in ernsthafter oder humorvoller Weise von Wildschützen, Dieben und bayerischen Helden berichten, wie zum Beispiel dem Matthias Klostermeier, vulgo "Boarisch Hiasl" oder dem "Wildschützen Jennerwein" oder vom "Kneißl Hiasl" stellen den Regionalbezug zu Oberbayern her.

Die Geschichte vom "Braunbär Bruno" auf die Jennerwein-Melodie zeigt, wie gegenwärtig Volkssänger ihre Lieder über "unerhörte Ereignisse" dichten und als Regierungskritik unter die Leute bringen. Das war immer auch eine Aufgabe der Volkslieder!

Es war ein Bär in seinen Jugendjahren,

der wurde weggeputzt von dieser Welt,

von Jaagern wurde er erschossen

beim Spitzingsee ward er gestellt.

Die Abbildungen an der Moritatentafel lassen die gesungenen Geschichten in verschiedenen Abschnitten vor den Augen der Betrachter erscheinen. Die Moritatensänger des Bezirks Oberbayern laden alle Besucher zum Mitsingen ein, dazu gibt es kleine Taschenliederheftchen, auch zum "Mit-nach-Hause-Nehmen".

Zur Geschichte: Immer schon hat es "fahrende Sänger" gegeben, die ihre Lieder an immer wechselnden Orten einem sesshaften Publikum vorgetragen haben. Sie waren teils angesehen wegen ihres besonderen Könnens, ihres Unterhaltungswerts und ihrer Fähigkeit, Menschen zu fesseln - teils standen sie außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, waren "vogelfrei", geduldet oder verfolgt.

Mit Lizenzierungsverfahren versuchte die Obrigkeit, diese Sänger bei öffentlichen Auftritten zu reglementieren. Trotzdem oder gerade deswegen waren diese fahrenden Sänger wichtig für das Wohl und die Entwicklung der Bevölkerung: Ihr Singen lieferte Unterhaltung und Information, Zeitvertreib und Nachrichtenvermittlung.

Die Sänger verkauften vielfach ihre Liedtexte in kleinen Liedflugschriften, als "Flugblattlieder" - diese Lieder gingen teilweise in das Singrepertoire der Bevölkerung ein. Die Melodien zu den Flugblatt-Liedertexten wurden den fahrenden Sängern nachgesungen, nachempfunden oder völlig aus den eigenen aufwendigen Melodien dazugestaltet. Somit sind die von den fahrenden Sängern auf Straßen und Plätzen vertriebenen Liedflugblätter wichtige Elemente des Volksgesangs geworden.

Fahrende Sänger, Bänkelsänger, Moritatensänger vermitteln auch den Blick in die "große weite Welt" - ob die Inhalte ihrer Lieder nun der Wirklichkeit und den Tatsachen entsprachen oder nicht. Wie bei der heutigen Regenbogenpresse und den Klatschmagazinen, bei den Groschenromanen oder einschlägigen Fernsehserien - oder auch den Historienspielen - ging und geht es nicht primär um die Beschreibung der Wirklichkeit, sondern um die verarbeitete Wirklichkeit: Was ist, was war, was hätte sein können - also die "persönliche Wahrheit", wenn man es so nennen kann.

Und es ging und geht um das Absingen von Bekenntnissen der Freiheit, um Auflehnung gegen Normen, gegen heuchlerische Moralvorstellungen, gegen die Obrigkeit, um Volksgerechtigkeit, um Freiheitsliebe, um Selbstbestimmung - alles Themen, die auch heute ansprechen und die Menschen bewegen.

Das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern versucht diese pluralistische und demokratische Variante des überlieferten Volksgesangs wieder ganz natürlich populär zu machen. Seit Jahren ziehen die Moritatensänger mit ihren Liedern, der Moritatentafel und den Heftchen zum Mitsingen von Ort zu Ort und laden in der öffentlichkeit, auf Straßen und Plätzen zum Verweilen, Zuhören und Mitsingen ein. Gerade in Fußgängerzonen und Einkaufsvierteln lassen sich viele Menschen, zum Beispiel am Samstagvormittag, von dieser Art der Liedvermittlung ansprechen. Aber auch auf den großen und kleinen Märkten und Markttagen sind die Moritatensänger des Bezirks Oberbayern gern gesehene Gäste. Seit über 15 Jahren kommen auf diese Weise in traditionell-gegenwärtiger Form die "Lieder der Straße" wieder zu den Menschen in Oberbayern - und am Samstag, 18. Juli, nach Rosenheim.

Rubriklistenbild: © guide to bavaria

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