Petrenko neuer Generalmusikdirektor in München

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Kirill Petrenko

München - Diskussionen, Streit, Rücktritte: Die Münchner Musikszene hat in jüngster Zeit nicht gerade positive Schlagzeilen gemacht. Mit der Berufung Kirill Petrenkos zum künftigen Generalmusikdirektor sollen kritische Stimmen verstummen.

Die traditionelle Kritikerumfrage der Zeitschrift “Opernwelt“ brachte es auf den Punkt: Das “Ärgernis des Jahres“ war eine “kopflose“ Münchner Kulturpolitik. Denn die Kulturmetropole München hat in jüngster Zeit vor allem durch Streitereien und Querelen von sich reden gemacht. Mit der Berufung des russischen Dirigenten Kirill Petrenko (38) zum künftigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper kommt jetzt eine gute Nachricht aus München. Bayerns Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Opernintendant Nikolaus Bachler sprechen von einem Glücksfall.

Und genau das könnte Petrenko für die Staatsoper werden - und für die Kulturmetropole München, in der in der jüngeren Vergangenheit eine Diskussion um Personalien die andere jagte. Eine weniger hochkarätige Besetzung hätte kaum zu einer Beruhigung der Musikszene beigetragen.

Erst gab es Streit zwischen den Münchner Philharmonikern und Christian Thielemann, dann zwischen Minister Heubisch und Ulrich Peters, dem Intendanten des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Und schließlich - das stieß den Kritikern der “Opernwelt“ besonders übel auf - führten die Auseinandersetzungen zwischen Bachler und seinem Generalmusikdirektor Kent Nagano zu einem unrühmlichen Ende von deren Zusammenarbeit.

Entnervt warf Nagano das Handtuch und gab bekannt, dass er für eine Verlängerung seines Vertrages über 2013 hinaus nicht zur Verfügung steht. “Angesichts der kulturpolitischen Entwicklungen der letzten Monate in München“ wolle er sich zurückziehen, schrieb Nagano damals in einem offenen Brief. Er fürchte um die “Folgen sowohl für den Ruf dieser Institutionen als auch für den der Stadt“. Minister Heubisch hatte sich auf die Seite von Bachler gestellt, derzeit laufen auch mit ihm die Vertragsverhandlungen.

Und so ist die Entscheidung, die Heubisch am Mittwoch in München verkündete, eigentlich konsequent: Petrenko, galt schon lange als Wunschkandidat des Intendanten, diesem Wunsch kam Heubisch nun nach. Der Russe teilt Bachlers Liebe zur italienischen Oper, für die sein Vorgänger Nagano sich stets nur wenig begeistern konnte. “Es ist auch ein schöner Tag für mich“, sagte ein sichtlich gut gelaunter Opernintendant am Mittwoch und dankte Heubisch für die gute Zusammenarbeit bei der Suche nach einem Nachfolger für Nagano. “Der Vorgang war vorbildlich.“ Heubisch selbst sagte: “Ich halte mich da - wie Sie wissen - gerne raus, wenn es um die künstlerische Ebene geht.“

Das russische Musikgenie - von eben dieser “Opernwelt“ schon zwei Mal zum Dirigenten des Jahres gekürt - hat nun eine große Aufgabe vor sich: Er muss nicht nur neben dem impulsiven Platzhirsch Bachler bestehen und diesem, dem er körperlich nur bis zu Schulter reicht, fachlich auf Augenhöhe begegnen - er muss auch das Münchner Opernpublikum auf seine Seite bringen, das aus seiner Bewunderung für Nagano keinen Hehl und seiner Verärgerung über dessen bevorstehenden Abgang deutlich Luft gemacht hat.

Das allerdings dürfte dem in Sibirien geborenen 38-Jährigen kaum schwer fallen. Seine Virtuosität steht außer Frage, mit Zweifeln über seinen angeschlagenen Gesundheitszustand räumte er bei seiner Vorstellung auf. Er sei nicht schwer krank gewesen, leide lediglich manchmal unter Rückenproblemen, sagte er. “Wenn Sie mir einen Orthopäden besorgen, dann klappt das schon.“ Ein umstrittenerer Kandidat hätte es wahrscheinlich noch schwerer gehabt, die Wogen in München zu glätten. Das war wohl auch Heubisch bewusst: “Ich brauche für die Staatsoper einen Musikdirektor von internationaler Reputation“, sagte er vor rund einem Monat.

“Heubischs mangelndes Fingerspitzengefühl im Umgang mit international anerkannten Künstlern hat viel Porzellan zerschlagen, das jetzt mühsam aufgeklaubt werden muss“, sagte der Chef der Landtags-SPD, Markus Rinderspacher. “Was wir jetzt brauchen, ist Orientierung, Kontinuität und Stabilität.“ Mit Petrenko könne das Opernhaus “ein neues Zeitalter des Aufbruchs einläuten“. Petrenko - mit einem Fünf-Jahres-Vertrag an München gebunden - hat dafür ein eigenes Rezept: Teamarbeit. “Wenn man von Anfang an zu Teamarbeit bereit ist, erübrigen sich viele Widersprüche“, sagte er. Das sei wie bei einer Bootsfahrt. “Wenn man mittendrin aussteigt, geht das Boot unter.“

All das ist freilich noch Zukunftsmusik. Noch drei Jahre dauert es, bis Petrenko sein Amt antreten und zum Jahrestag der Wiedereröffnung des Nationaltheaters erstmals als Generalmusikdirektor im Orchestergraben stehen wird. Bis dahin müssen Bachler und Nagano sich zusammenraufen. “Entgegen manch anders lautenden Gerüchten gibt es keinen Kampf“, betonte Bachler.

dpa 

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