Exponate werden ins Schloss Herrenchiemsee geliefert - Auch viele private Leihgaben

Ein Puzzle aus 300 Teilen

Herreninsel - Im Rahmen der Ausstellung über den "Märchenkönig" laufen die Arbeiten auf Herrenchiemsee auf Hochtouren: Viele Teile werden nun sorgfältig an den richtigen Platz gesetzt.

Als die Waffen wieder schwiegen, lagen 7550 Patronenhülsen auf dem Boden. So oft hatten die Bayern, die zusammen mit den Preußen gegen die Franzosen im Feld standen, mit ihrem "Feldl-Geschütz" in der Schlacht von Coulmiers am 9. November 1870 auf ihre Feinde geschossen. Aus 16 Rohren feuerten sie anfänglich 450 Schuss pro Minute ab, am Ende waren nur noch drei einsatzfähig. Eine furchtbar blutige Spur hinterließ die Waffe. "Ein Hohlweg war von toten Pferden, zerschossenen Wägen, Leichnamen, Kanonen, Tornistern überfüllt", berichtete ein fränkischer Sanitätsgehilfe.

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Das "Feldl-Geschütz", das im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 zum Einsatz kam, hatte Ingenieur Johann Feldl in der Maschinenfabrik Augsburg entwickelt. Als eines der Exponate ist diese Waffe, die als einer der Vorläufer des Maschinengewehrs gilt, in der Landesausstellung "Götterdämmerung. Ludwig II. und seine Zeit" im Schloss Herrenchiemsee zu sehen, die am 14. Mai ihre Pforten öffnet. Und auch dieses Geschütz steht für den krassen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, der dem berühmten König aus dem Hause Wittelsbach zeit seines Lebens doch so sehr zu schaffen machte. Verhasst war ihm der Militarismus, doch weil sich Bayern mit Preußen hatte verbünden müssen, war er gezwungen, in den Krieg gegen Frankreich zu ziehen.

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Auf Hochtouren laufen die Arbeiten in den unvollendeten Räumen des Schlosses, die im Rahmen der Ausstellung über den "Märchenkönig" nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Stück für Stück stellen, setzen und legen die Handwerker, betreut und beaufsichtigt von den Wissenschaftlern, die Exponate an ihre Plätze. Wie ein Puzzle werden in diesen Tagen viele Teile zu einem großen Ganzen zusammengefügt. "300 Exponate aus den wichtigsten Museen in Zentraleuropa" zeige das Haus der Bayerischen Geschichte, so Dr. Richard Loibl, der Leiter der im Rahmen der Ausstellung federführenden Einrichtung - große, schwere wie das "Feldl-Geschütz", aber auch kleine, leichte wie die Uhr, die der "Kini" trug, als er am 13. Juni 1886 im Starnberger See zu Tode kam.

"Wir sind sehr stolz, dass wir so viele Exponate von privaten Leihgebern bekommen haben", sagt Loibl. Und aus diesem Fundus stamme etwa auch die Uhr des Königs. Und mit leichtem Schmunzeln um die Mundwinkel fügt er hinzu: Viele Uhren seien im Umlauf, deren Besitzer behaupten, der König habe sie an seinem letzten Tag getragen - "Wir sind uns aber sicher, dass wir die richtige haben."

Laut Loibl kostet die Ausstellung über den berühmten Monarchen rund 1,5 Millionen Euro. Nicht berücksichtigt sind dabei die Ausgaben für die Sanierung der Rohbauräume und die Einnahmen aus dem Sponsoring. Kostspielig ist die Beschaffung der Exponate - aufwändig und alles andere als leicht zu bewerkstelligen, schließlich dürfen die kostbaren Exponate möglichst keinen einzigen Kratzer bekommen.

Im Spagat, einerseits schwere Gegenstände in die Räume zu hieven, andererseits aber mit Samthandschuhen zu Werke zu gehen, wartet auf die Handwerker gerade in den nächsten Tagen eine besonders große Herausforderung: Aus Schloss Nymphenburg in München kommt ein großer Schlitten des Königs - und auch er muss fach- und sachgerecht an seinen Ort in der Ausstellung gebracht werden.

Wie all die anderen Exponate bringt auch dieses gute, alte Stück eine interessante Geschichte mit. "Der Schlitten ist wahrscheinlich das erste beleuchtete Fahrzeug", sagt Dr. Loibl. Und er verweist auf ein kleines Detail in der technischen Ausstattung, die seinerzeit ihresgleichen suchte: auf die Glühbirne, die damals Ludwig II. offensichtlich den Weg leuchtete. Auf des Königs Schlitten habe schon eine Glühbirne gebrannt - und zwar noch bevor Edison sein Patent angemeldet habe.

Zum Special "Landesausstellung"

Auch "bedeutsames Papier" ist in der Ausstellung zu sehen. So bekommt der Besucher etwa den "Kaiserbrief" zu lesen: jenes Schriftstück, in dem Ludwig II. - auf Druck von Bismarck - im Namen der Fürsten dem preußischen König die Kaiserwürde antrug.

Ein Mythos entsteht

Neben Dokumenten, auf denen der "Staub der Geschichte" liegt, zeigen die Ausstellungsmacher auch Exponate aus jüngerer Vergangenheit. Um die Entstehung vom Mythos Ludwig II. zu erklären, laufen zum Beispiel auch Filme - so der 1972 von Luchine Visconti gedrehte Streifen über den bayerischen Monarchen mit Helmut Berger als Ludwig und Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth. Und neuesten Datums ist der Film, den Satiriker Christoph Süß eigens für die Ausstellung auf der Herreninsel produzierte - und in dem er auf seine Weise auf die Freundschaft des Königs mit dem Komponisten Richard Wagner blickt.

Gernot Pültz (Oberbayerisches Volksblatt)

Rubriklistenbild: © bef

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