Liebe in den Zeiten des Internets

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Unter guter Beleuchtung: Sarah Fischbacher als Emmi Rothner, Daniel Burton als Leo Leike.

Rosenheim - Einmal sagt Emmi, die weibliche Hauptfigur, zu Leo, ihrem männlichen Gegenpart „Ich schlafe schlecht bei Nordwind, Sie aber sind fantastisch gut dagegen.“

Das heißt, sie sagt es zwar auf der Bühne, aber eigentlich schreibt sie es als eine von unzähligen E-Mails, die sich nach einer falsch adressierten Nachricht von Emmi zwischen beiden entwickeln. Daniel Glattauer hat die moderne Version eines Briefromans, der sich auch gut als Hörspiel eignen würde, 2006 geschrieben. „Gut gegen Nordwind“ war der erste Roman des Wiener Journalisten. So erfolgreich wie das Buch entwickelte sich auch das gleichnamige Theaterstück, das Gabriela Schmidt jetzt für das Theater am Markt Ost in Rosenheim inszenierte.

Zwei nebeneinander liegende Zimmer zeigt das Bühnenbild (Gabriela Schmidt). Der linke Raum ist Emmis Zuhause, rechts wohnt Leo und an die große Schiefertafel im Hintergrund schreiben sie abwechselnd den Zeitverlauf zwischen ihren E-Mails oder schon einmal emotionale Ausbrüche.

Sarah Fischbacher spielt Emmi, eine verheiratete hübsche, junge Frau, deren lange rote Haare in hervorragender Lichtsetzung (Carsten Schmidt) attraktiv zur Geltung kommen. Leo, ein Sprachpsychologe, geht anfangs eher zurückhaltend auf den sich zufällig ergebenden Kontakt ein und braucht dazwischen Ruhephasen. Daniel Burton gibt ihm von Beginn an authentische Umsetzung.

Amüsant wird in Szene gesetzt, wenn beide Personen gleichzeitig in getrennten Räumen identische oder ganz konträre Alltagsabläufe demonstrieren. Ob sich Emmi immer wieder an-, aus- oder umkleidet und dabei chice Dessous zeigt, Leo die Dartscheibe bewirft, jongliert, Morgengymnastik treibt oder meditiert, Emmi auf ihrem bunten Bett kauert und Leo im Sessel einschläft - immer zieht mittig die lange rote Bank die Demarkationslinie.

Nach jedem Austausch am Computer geht das Licht auf der Bühne kurz bis zum nächsten Kontakt aus, nur die Bildschirme leuchten im Dunkeln. Langsam baut sich eine emotionale Annäherung zwischen den zwei Personen auf, die nichts voneinander wissen, im luftleeren Raum kommunizieren und auch später nur Bruchteile aus dem Leben des anderen erfahren.

Leos langjährige Beziehung zu Freundin Marlene ging eben in die Brüche, Emmi beschreibt ihre Ehe als sehr glücklich, über ihren Mann und dessen Kinder erfährt man nichts Näheres. Was sich in der realen Welt der E-Mail-Schreiber tut, sind Randerscheinungen, dafür wird ihre Beziehung im virtuellen Raum des Internets immer intensiver.

Emmi ist süchtig nach dem Kontakt zu Leo, und dieser fühlt sich bald auch erotisch von Emmi angezogen. "Sie schreiben jünger als sie sind", bemerkt Leo, der Sprachpsychologe. Sich den anderen in seinem physischen Erscheinungsbild vorzustellen ist reizvoll für beide. Im Unterschied zu Daniel Burton, dem es gelingt, Leo in all seinen Facetten zu sein, spielt Sarah Fischbacher die Rolle der Emmi oft als künstliches Wesen, das neurotisch, fordernd und besitzergreifend ist - schwer erklärlich, dass Leo sich trotzdem in sie verliebt.

Nach der Pause intensiviert sich das Spiel. Das gegenseitige Besprechen auf dem Band des Telefons bringt die Stimmen als weiteres und erotisches Puzzle mit ins Bild der zwei Personen. Als Emmis Mann die E-Mail-Aufzeichnungen liest, spitzt sich die Situation zu. Beim letzten Versuch eines konkreten Treffens hält Angst Emmi zurück. Sarah Fischbacher findet in dieser Szene zu gefühlvollem und berührendem Ausdruck. Am Ende ist Leo auch per Internet nicht mehr erreichbar.

In Zeiten, in denen das soziale Netzwerk "Facebook" zum täglichen Leben zu gehören scheint, hat diese Geschichte mehr denn je Aktualität. Gabriela Schmidt hat in ihrer ersten Regiearbeit eine gelungene Inszenierung zwischen leiser Komik und Melancholie geschaffen, wobei etwas Straffung der Aufführung mehr Stringenz verleihen würde.

Die Zuschauer, unter ihnen viele Kollegen aus der Rosenheimer Theaterszene, zollten der Regisseurin mit ihren Darstellern und dem ganzen Team großen, langanhaltenden Beifall.

Oberbayerisches Volksblatt

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