Taylor Swift - Neues Album "Speak Now"

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Berlin - Am 29. Oktober erscheint Taylor Swifts neues Album "Speak Now". Außerdem ist sie bei "Schlag den Raab" zum ersten Mal im deutschen Fernsehen zu sehen.

Der mit Spannung erwartete neue Longplayer, der am 29. Oktober in Deutschland erscheint, wurde bislang komplett unter Verschluss gehalten; selbst Journalisten, die bereits Interviews mit Taylor führen durften, bekamen im Vorfeld nur eine kleinere Auswahl von Stücken zu hören. Doch jetzt, kurz vor der Veröffentlichung, ist der Punkt gekommen, an dem ausgewählte Kritiker das Werk endlich in voller Länge genießen dürfen – und nun wissen wir auch, was es mit der ganzen Geheimhaltungspolitik auf sich hat. Es geht dabei weniger um die übliche Angst davor, dass die LP vorzeitig im Netz landen könnte. Der wahre Grund ist folgender: Ein paar der neuen Songtexte sind wirklich unglaublich offen und direkt, und zwar selbst für eine wie Taylor „Ich nenne ruhig mal ein paar Namen und nehme kein Blatt vor den Mund“ Swift. Hört man sich nun den Song „Dear John“ an, eine unfassbar krasse Nummer, die allem Anschein nach an Mr. Mayer gerichtet ist, müssen wir zunächst einmal festhalten: Joe Jonas, du kannst aufatmen. Bist damals nämlich noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Als ich vergangenen Monat die Gelegenheit hatte, mich nach einem ersten Höreindruck persönlich mit Taylor über das neue Album zu unterhalten, bezeichnete sie „Speak Now“ ganz offen als eine Art Tagebuch, in dem sie die Geschehnisse der letzten 24 Monate verarbeitet, zwei bekanntermaßen turbulente Jahre also. Zwar würden die Fans letztlich selbst herausfinden müssen, auf welche Beziehungskiste bzw. welches Ereignis sie sich in den einzelnen Texten nun gerade bezieht, doch die Adressaten der Songs würden sich darin sofort wieder erkennen, davon sei sie überzeugt.

„Ich spreche sie alle ganz offen und direkt an“, so Swifts Kommentar. „Jeder einzelne Song funktioniert wie eine Art Landkarte, die aufzeigt, was die jeweilige Beziehung für eine Bedeutung hatte; dazu gibt es noch diverse kleine Hinweise, die vielleicht nicht jeder gleich verstehen wird, aber es gibt da andererseits auch Details, Stellen, an denen Besonderheiten der jeweiligen Beziehung durchschimmern, kleine Andeutungen eben. So funktionieren letztlich alle meine neuen Songs. Sie alle werden sofort wissen, worum es mir geht, was auch bedeutet, dass ich bei diesem Album mal ausnahmsweise keine Mails mit Erklärungen rausschicken muss.“ Da sie und die jungen Männer, an deren Seite sie in den letzten zwei Jahren zu sehen war, allesamt im Rampenlicht stehen, habe sie doch dieses Mal gewiss darauf verzichtet, die Namen der Adressaten zu verwenden, so mein Einwand darauf. „Hm“, antwortete sie darauf, „es gibt da trotzdem noch ein paar Namen, die in den Texten auftauchen. Warte doch einfach mal ab, bis du die gehört hast.“ Genau genommen findet man jedoch nur einem einzigen Namen in den 14 Songs, die auf ihrer neuen LP versammelt sind. Wer also der Meinung war, dass sie sich mit dem Titel „Dear John“ auf den guten alten „Dear-John-Letter“ bezieht, einen klassischen Abschiedsbrief also, sollte das Ganze vielleicht doch noch einmal überdenken. Fest steht nämlich: Swifts Texte waren noch nie so direkt, noch nie so wörtlich zu verstehen.

Bei den meisten Singer-Songwritern, die ihre Sache ernst meinen, würde man wohl kaum auf die Idee kommen, die konkreten Hintergründe einzelner Songs beleuchten zu wollen, weil das zu sehr an Voyeurismus grenzen würde. Swifts Privatleben war jedoch von Anfang an ein offenes Buch für ihre Fans: Schon immer hat sie es drauf angelegt, ihre eigenen Beziehungskisten zu thematisieren, damit jeder die Möglichkeit hat, sie mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen und sich damit zu identifizieren – und sie hat bekanntermaßen ein extrem gutes Händchen darin, autobiografische Dinge und universelle Wahrheiten unter einen Hut zu bringen. Dazu kommt, dass es sich definitiv zu sensationsgeil anfühlen würde, sich ausschließlich auf den Track „Dear John“ zu konzentrieren und dabei den Rest des Albums aus den Augen zu verlieren, wäre dieses Stück nicht dermaßen grandios und der vielleicht beste Song, den sie überhaupt jemals geschrieben hat. Doch es stimmt: „Dear John“ ist der mit Abstand mutigste und ehrlichste Song, den ein großer Name der Popwelt in den letzten Jahren aufgenommen hat. Vielleicht die mutigste Nummer, in der ein Popstar einen anderen Popstar ganz offen und unverblümt adressiert, seit John Lennon in „How Do You Sleep“ mit Paul McCartney abgerechnet hat. Doch während Lennons Stück eher gekränkt und kleinlich wirkte, basiert Swift ihre Abrechnung auf ganz anderen Gefühlen wie der eigenen Verwundbarkeit und Verletztheit, was die ganze Sache noch viel mutiger macht... und zugleich noch schneidender. Der erste Refrain beginnt mit den Worten: „Dear John/I see it all now that you’re gone/Don’t you think I was too young/To be messed with/The girl in the dress/Cried the whole way home/I should’ve known.“ Und später heißt es dann: „It was wrong/Don’t you think nineteen’s too young/To be played/By your dark, twisted games/When I loved you so.“ Deutliche Worte. Er hat nur mit ihr gespielt, hätte vorsichtiger sein müssen. Schließlich sei er doch so viel älter als sie... Als die ersten Gerüchte über eine Affäre von Mayer und Swift die Runde machten, konnten sich das nur die wenigsten von uns vorstellen – schließlich ist sein Ruf in Liebesdingen alles andere als gut, und dann war da ja noch Taylors Mutter, die so gut wie nie von ihrer Seite weicht und sie normalerweise vor allem und jedem beschützt. Doch auch diese Fragen beantwortet Taylor in „Dear John“: „My mother accused me of losing my mind/But I swore I was fine...“ Und weiter im Text: „You’ll add my name to your long list of traitors who don’t understand/And I’ll look back in regret I ignored what they said/‘Run as fast as you can’.“ Hätte sie doch bloß die Finger davon gelassen und schnell das Weite gesucht...

Swift, die im Dezember ihren 21. Geburtstag feiern wird, nennt trotzdem keine Namen. Sie sagt uns nicht, wer genau mit diesen Songs gemeint ist – mit der Ausnahme von „Innocent“, bei dem der Adressat auf den Namen Kanye West hört –, insofern müssen wir einräumen, dass „Dear John“ vielleicht doch von einem noch viel, viel älteren Mann handelt, vor dem ihre Mutter sie da gewarnt hat; von einem anderen Typen, der ebenfalls dafür bekannt ist, dass er eine Frau nach der anderen ausrangiert (Zitat: „all the girls that you run dry“), und vielleicht geht’s hier ja wirklich nicht um den 32-jährigen Mayer... Sagen wir mal, der Song handelt stattdessen zum Beispiel von John Forsythe, der dieses Jahr im Alter von 92 Jahren verstorben ist? Hm. Klingt nicht wirklich überzeugend. Sieht so aus, als müssten wir in diesem Fall wohl doch an unserer ursprünglichen These festhalten. Bestimmt wird es Leute geben, die Swift dafür kritisieren, dass sie ihre Beziehungskisten in Stücken wie diesem und anderen ausschlachtet. Dabei hat die verlängerte Bridge von „Dear John“ (wobei der ganze Song mit seinen sechseinhalb Minuten schon ziemlich „verlängert“ ist) so unglaublich viel reinigende Kraft, dass Taylor damit jeden Boulevardfaktor überwindet: Wenn sie nämlich die triumphierende Zeile „I’m shining like fireworks over your sad, empty town“ singt, wird jeder, der irgendwann einmal das Gefühl hatte, von einem anderen Menschen manipuliert oder ausgenutzt worden zu sein, daraufhin aber die Kraft gefunden hat, um sich aus dieser Situation zu befreien, unweigerlich mitsingen und Taylor für diese Zeile lieben. „Dear John“ ist zwar der eindringlichste Song von „Speak Now“, doch ist es nicht das einzige Stück, das dermaßen leidenschaftlich und emotional daherkommt. Allerdings hält sich Taylor ansonsten mit den Beschimpfungen zurück: „Back To December“ zum Beispiel, ein musikalisches Entschuldigungsschreiben, kann nur an Mr. Lautner adressiert sein, wie auch, wenn wir nicht vollkommen danebenliegen, noch ein paar andere der neuen Stücke; nur kommen sie alle ohne Rachegefühle aus und handeln allesamt vom Glück und der Dankbarkeit über die zugegebenermaßen kurze Zeit, die ihre Affäre dauern sollte. Während Taylor diese Songs geschrieben hat, müssen Lautners spitze Werwolfsohren pausenlos geglüht wenn nicht sogar Feuer gefangen haben. Dabei darf er sich voll und ganz geschmeichelt fühlen, während Mayer aus allen Wolken fallen dürfte.

Da es noch ein paar Tage bis zur Veröffentlichung von „Speak Now“ sind, haben wir schon mal einen ausführlichen Überblick zusammengestellt, in dem wir Song für Song durchgehen, was man von dem mehr als einstündigen Album erwarten darf.

„Mine“

Die erste Single, zugleich das Eröffnungsstück der LP, dürften die meisten Leute bereits kennen, schließlich wurde „Mine“ schon im August in einer Hauruckaktion veröffentlicht, nachdem der Song vorzeitig im Netz gelandet war. Von wem die Nummer handelt? Bestimmt nicht von einem ihrer „festen Freunde“, sondern eher von einem kurzlebigen Schwarm. (Wenn man unbedingt einen Namen finden will, könnte das zum Beispiel Cory Monteith aus der TV-Serie „Glee“ sein, dessen Ist-es-nun-schon-eine-Affäre-oder-nicht-Freundschaftsbeziehung mit Taylor nun schon bald ein Jahr zurückliegt und das Ganze irgendwie auch recht schnell wieder im Sand verlief. Andererseits könnte der Song auch von einer Geschichte handeln, die so flüchtig war, dass wir erst gar nichts davon mitbekommen haben.) Ich habe Swift gefragt, wie „Mine“ denn nun zum Rest der Platte und zum großen Oberthema „autobiografische Geständnisse“ passt, besonders da die Textstellen über das Leben als Ehefrau ja offensichtlich den Rahmen des Autobiografischen sprengen. „Nun ja, es handelt sich dabei trotzdem um eine Art von Geständnis“, antwortete sie darauf. „In diesem Fall war es nämlich so, dass ein Typ, den ich eigentlich kaum kannte, plötzlich den Arm um mich legte, wie wir so am Wasser saßen, und ich vor meinem inneren Auge unsere gesamte gemeinsame Zukunft vorbeiziehen sah – fast schon wie in einem schrägen Science-Fiction-Streifen. Als ich den Song dann geschrieben hatte, ging die ganze Sache wie so oft im Leben schon wieder in die Brüche. Dazu kommt, dass ich mit ihm danach monatelang kein Wort mehr gewechselt hatte. Doch dann wurde der Song veröffentlicht, und prompt hatte ich auch schon eine Mail von ihm in der Inbox. Ich dachte nur“ – an dieser Stelle klatscht sie in die Hände –, „Yes! Gerade weil dieses Stück zu gleichen Teilen aus einem Geständnis und dieser fiktiven Zukunftsprognose besteht. Dass er sich jedoch sofort angesprochen fühlte und mir daraufhin eine Mail schicken musste, zeigte mir, dass meine Worte direkt genug gewählt waren.“ Blieb nur noch die Frage, wie der Protagonist des Stücks denn nun darauf reagiert hat, dass der kurze Flirt eine Vision von einer gemeinsamen Zukunft bei ihr ausgelöst hatte, inklusive sämtlicher Stationen, Streitigkeiten, Zerwürfnissen und der mit Ehering besiegelten Aussöhnung, die dann bis ans Ende ihrer Tage hält? An diesem Punkt wurde Swift ein wenig verlegen. „Hm, ich weiß es nicht. Ich hab nicht so wirklich auf seine Mail geantwortet. Aber er hatte so etwas à la ‘Mir war ja gar nicht klar...’ geschrieben, so à la ‘jetzt erst fällt mir auf, dass ich wohl ziemlich naiv war.’“

„Sparks Fly“

„Sparks Fly“ dürfte wohl der älteste Song zu sein, der auf dem neuen Album gelandet ist: Taylor hat ihn schon 2008 live gespielt, wodurch auch ein erster Mitschnitt davon wenig später im Netz zu finden war. So gesehen dürften ihre treuen Fans das Grundgerüst dieses Stücks bereits kennen, wenn auch nicht den überarbeiteten Songtext und das neue Arrangement. Der Refrain ist immer noch identisch mit der Bootleg-Version, die nun schon seit vorletztem Jahr im Netz kursiert, aber ein paar der Strophen hat sich Taylor für die LP-Aufnahme noch einmal vorgeknöpft und daran Änderungen vorgenommen. Neu ist zum Beispiel die Zeile: „My mind forgot to remind me you’re a bad idea.“ Und manche der neuen Passagen lassen den Adressaten dieses sonst eher ausgelassenen Stücks deutlich eingebildeter wirken. Eine Zeile wurde kurzerhand umgedreht: Aus „Something that’ll haunt me when you’re not around“ geht er nun als Verlierer hervor, wenn sie singt: „Something that’ll haunt you when I’m not around.“ Muss wohl daran liegen, dass sie in den letzten zwei Jahren etwas selbstbewusster geworden ist, was ihre weiblichen Reize betrifft...

„Back To December“

Dieses Stück, das bereits bei iTunes erschienen ist, lässt so gut wie keine Fragen offen, was den Adressaten betrifft, schließlich hat Taylor im Dezember letzten Jahres mit Lautner Schluss gemacht. Ansonsten wurde ja schon viel darüber diskutiert, dass es sich dabei um ihren ersten „Entschuldigungs-Song“ handelt. Was durchaus überraschend ist: Immerhin haben wir es hier mit einer Sängerin zu tun, die eher für Stücke wie „Picture To Burn“ bekannt ist und eben nicht für Texte, in denen sie ganz offen zugibt, dass vielleicht besser ein Foto mit ihrem Antlitz verbrannt worden wäre. Im persönlichen Gespräch macht sie wiederholt klar, dass die Reue, die sie in diesem Fall zeigt, weitaus mehr für sie war als eine bloße Stilübung. „Ich hatte immer den Eindruck, dass die Menschen, die in meinen Songs auftauchen, nur das bekommen, was sie verdient haben“, so ihr Kommentar. „Und bis dato hatte ich nun mal noch nie das Gefühl, mich so richtig bei irgendwem entschuldigen zu müssen. In diesem Fall jedoch war es unvermeidlich. Da ich die Situation am eigenen Leib erfahren habe und immer ehrlich in meinen Texten sein will, konnte ich diesen Teil nicht einfach ausklammern – und ich glaube auch nicht, dass das richtig gewesen wäre. Schließlich sollte man in der Lage sein, sich auch mal bei jemandem zu entschuldigen, und für mich geht das nun mal am besten, indem ich einen Song darüber schreibe. Als ich das Stück dann den Leuten in meinem direkten Umfeld präsentiert habe, meiner Familie und meinen Freunden, wurden sie sofort hellhörig und sagten: ‘Dir ist schon klar, dass du so etwas noch nie gemacht hast, oder? Du hast dich noch nie in einem deiner Songs entschuldigt.’ Ich glaube kaum, dass mir das so ganz klar war, als ich den Song geschrieben habe, weil es einfach nur darum ging, das loszuwerden, was ich da gerade auf dem Herzen hatte. Es war also nicht so, dass ich mich hingesetzt und mir gesagt hätte: ‘Oh, dieses Gefühl habe ich ja noch nie thematisiert – das wäre doch mal was!’ Stattdessen war es einfach ein Gefühl, das ich so noch gar nicht gekannt hatte.“

„Speak Now“

Das Titelstück, ebenfalls bereits bei iTunes erhältlich, ist die seichteste Nummer von Taylors neuer LP, zumindest klingt „Speak Now“ ausgesprochen seicht, weil sie sich hier mit ihrer Stimme in untypische Regionen bewegt: Genau genommen klingt Taylor in diesem Fall eher wie Feist und lässt den „Gesang im Plauderton“, den man sonst von ihr kennt, ausnahmsweise links liegen. „Der Song handelt von der Idee, bei der Hochzeit deines Ex-Freunds einfach so reinzuplatzen und vor versammelter Familie ‘Tu das nicht!’ zu rufen, und ich kam darauf, weil eine meiner Freundinnen mit ansehen musste, wie ein Typ, in den sie schon als kleines Mädchen verliebt war, schließlich doch eine andere heiratete“, sagte sie. „Mir fiel also zunächst diese Frage ein: ‘Nun, wirst du denn jetzt den Mund aufmachen?’ Dann begann ich damit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich wohl tun würde, wenn ich noch immer in jemanden verliebt wäre, der drauf und dran ist, die Falsche zu heiraten. Also schrieb ich ein Stück, in dem ich meinen Schlachtplan für einen derartigen Fall ausformuliere...“ „Wenn es darum geht, den geeigneten Titel für ein Album zu finden“, erklärte sie weiterhin, „gehe ich erst mal die einzelnen Songtitel durch und überprüfe, ob einer davon das übergreifende Thema der Platte zusammenfasst. Dieses Mal hatte ich vielleicht so um die 70 Prozent der Songs fertig, als ich damit begann, mich nach einem Titel umzuschauen, und irgendwie landete ich immer wieder bei ‘Speak Now’, weil dieses Bild einfach so wahnsinnig gut ist: Dieser Moment, an dem es fast schon zu spät ist und du entweder sofort den Mund aufmachen und deine Gefühle artikulieren oder aber für den Rest deiner Tage mit den Konsequenzen deines Schweigens leben musst. Ich finde, dass diese Metapher für ganz viele Dinge zutrifft, die man als Mensch erlebt – diese Momente, wo du was sagen oder aber für immer schweigen musst, gibt es haufenweise. Um diesen Moment und diese Chance geht es mir auch bei diesem Album: Entweder jetzt gleich was sagen – „Speak Now“ – oder für immer schweigen.“

 

„Dear John“

Wir sagen nur: „The girl in the dress wrote you a song...“ Oh ja, das hat sie (siehe Einleitung).

 

„Mean“

Der mit Abstand country-lastigste Song der neuen LP, um nicht zu sagen: der mit Abstand country-lastigste Song, den sie jemals aufgenommen hat. Mit einer Extraportion Mandolinen und Banjos. Man kann sich „Mean“ ohne Weiteres als Hymne oder Schlachtruf der wachsenden Anti-Mobbing-Bewegung vorstellen: Auf schmerzvolle Zeilen wie „Calling me out when I’m wounded/You, picking on the weaker man“ oder „You have pointed out my flaws again, as if I don’t already see them/I walk with my head down, trying to block you out“ folgt ein triumphaler Refrain, der sich gegen alle gemeinen Mädels und Jungs dieser Welt richtet und den Sieg über sie schon so gut wie sicher aussehen lässt. Besagten Refrain könnte man als Rückblick in jene Tage interpretieren, als Taylor noch ein unbekannter Teenager war: „Someday I’ll be living in a big old city/And all you’re ever gonna be is mean.“ Allerdings spielt sie offensichtlich auch auf ein Ereignis aus jüngster Vergangenheit an. Um das zu erkennen, genügt ein Blick auf die abschließenden Worte des Songtexts: „And I can see you year from now in a bar talking over a football game/With that same big loud opinion, but no one’s listening/Washed up and ranting about the same old bitter things/Drunk and talking all about how I... can’t... sing.“ Touché!

„The Story Of Us“

Laut ersten Fan-Spekulationen, die auf im Vorfeld gemachten Andeutungen basierten, sollte diese Nummer angeblich von Joe Jonas handeln. Dabei hatte Taylor ihm schon den Song „Forever and Always“ von ihrem letzten Album gewidmet. Und mal ehrlich: Wer wirklich meint, dass Taylor diese ollen Kamellen nun noch einmal auftischt, der glaubt auch, dass die New York Times heute noch einen Reporter losschickt, um live vom Spanischen Bürgerkrieg zu berichten... „Das ist der letzte Song, den ich für das neue Album geschrieben habe“, berichtete Taylor, „und da geht es um eine Sache, die ich erst vor kurzem erlebt habe. Ich war bei einer Preisverleihung und hatte Stress mit einem Typen, und es gab so viel, was wir uns eigentlich zu sagen hatten, aber wir saßen sechs Plätze voneinander entfernt und gifteten uns daher wortlos an, mit Blicken, die sagten ‘Mir doch egal, dass du auch hier bist’ – ‘Mir auch.’ Es war wirklich grausam.“ Die Wunde war demnach noch frisch, und selbst wenn sich Swift und Jonas in diesem Jahr bei der einen oder anderen Preisverleihung über den Weg gelaufen sind, kann man eher davon ausgehen, dass sie sich mit dem Text auf die Verleihung der People’s Choice Awards im Januar bezieht, bei denen Swift und Lautner es bekanntermaßen gelungen ist, einander aus dem Weg zu gehen, obwohl ihre Trennung da erst drei Wochen zurücklag. Hier zwei Auszüge aus dem Text: „I’d tell you I miss you but I don’t know how/I’ve never heard silence quite this loud.“ Und: „I would lay my armor down, if you would say you’d rather love than fight.“

„Never Grow Up“

Nein, in diesem Fall handelt es sich nicht um einen weiteren Song, der an Kanye West gerichtet ist. (Kein schlechter Tipp allerdings). Obwohl auch dieser Track „Innocent“ heißen könnte, richtet Taylor sich hier an ein echtes Baby, eins aus Fleisch und Blut also: „Never Grow Up“ ist ein wunderschönes Schlaflied, bei dem jedoch auch ein trauriger Unterton bzw. die Art von Verbitterung mitschwingt, die man nur aus der Erwachsenenwelt kennt, wenn Tante Taylor den Säugling mit folgenden Worten ins Bett legt und das Nachtlicht ausknipst: „To you everything’s funny/You’ve got nothing to regret/I’d give all I could, honey/If you could stay like that.“

„Enchanted“

Der mit Abstand romantischste Song der LP – und ein klares Highlight, weil Taylor hier wirklich Blatt vor den Mund nimmt: „Enchanted“ handelt vom Gefühlschaos nach einer kurzen Begegnung mit einem ganz besonderen Menschen, von jenem Moment danach, an dem sie partout nicht sagen kann, ob die Faszination nun auf Gegenseitigkeit beruht oder nicht. „Der Song handelt davon, wie man vor Kummer vergeht, weil man nicht weiß, ob man diesen Menschen jemals wieder sehen wird; von einem viel zu frühen Abschied also“, berichtete Taylor. „Es gab da diesen Typen in New York, mit dem ich schon mal per Mail oder so in Kontakt gewesen war, allerdings war ich ihm noch nie zuvor persönlich begegnet. Doch als ich dann vor ihm stand, dachte ich nur: Ich hoffe wirklich, dass du noch nicht vergeben bist. Ich weiß noch, wie die leuchtenden Gebäude von New York an der Scheibe vorbeizogen, wie ich dann wieder im Taxi saß und auf dem Weg zurück ins Hotel war; und dann saß ich irgendwann einfach nur noch da und fragte mich, ob wir uns wohl jemals wieder sehen würden. Es geht also darum, wie man sich nach einem Liebesabenteuer verzehren kann, das wahrscheinlich so oder so nur eine Traumvorstellung bleiben wird, nur gibt es da eben diesen einen Funken Hoffnung, dass vielleicht doch etwas passieren wird – und die Angst, dass es niemals eintreten wird.“ „Im Hotelzimmer begann ich dann sofort mit der Arbeit an dem Stück, weil ich dieses unglaublich gute und zugleich schwermütige Gefühl im Bauch hatte: ‘Ich will nur, dass du weißt, wie viel mir unsere Begegnung bedeutet hat. Ich hoffe, du weißt, dass das für mich nicht bloß irgendein Zusammentreffen zwischen Tür und Angel war.’ Am besten daran gefällt mir der Teil in der Bridge, wo der Text wie ein Bewusstseinsstrom funktioniert: ‘Please don’t be in love with someone else/Please don’t have somebody waiting on you.’ Denn genau diese Worte hatte ich damals im Kopf. Und es fühlt sich einfach nur gut an, wenn man seine Gefühle und Gedanken ungefiltert in einen Songtext einfließen lässt.“ Allem Anschein nach ist abgesehen von der Tatsache, dass dieser Song daraus entstanden ist, nichts weiter passiert nach dieser Begegnung. So wirkte es zumindest, als Taylor mir erzählte, dass der besagte Protagonist das Stück bislang noch nicht gehört hätte, obwohl sie sich ziemlich sicher sei, dass er sich angesprochen fühlen würde, wenn er „Enchanted“ zu Gehör bekommt: „Davon gehe ich mal aus“, sagte sie und lachte in sich hinein. „Schließlich hab ich das Wort ‘wonderstruck’ nicht ohne Grund verwendet“, womit sie auf die Zeile „I’m wonderstruck, blushing all the way home“ anspielte. „Er hat dieses Wort mal in einer Email benutzt, und ich glaube, dass es das erste Mal war, dass ich diesen Ausdruck gehört habe. Aus diesem Grund taucht das Wort nun auch im Songtext auf, damit er weiß, wer damit gemeint ist.“ (Und spätestens jetzt wird jeder Typ aus New York, der irgendwann mal ein Wort mit Taylor Swift gewechselt hat, folgendes denken: „Ich hab doch damals ‘wonderstruck’ gesagt, oder etwa nicht?“)

 

„Better Than Revenge“

Ein schnellerer Rocksong in der Tradition von Vergeltungsschlägen wie „Picture To Burn“, wobei Taylor in diesem Fall mit einem „Mean Girl“, einem niederträchtigen Mädchen abrechnet: „She underestimated just who she was stealing from...“ Allerdings: Nicht mit Taylor. „I think her ever-present frown is a little troubling/She thinks I’m psycho because I like to rhyme her name with things.“ Und wo wir gerade bei Reimen sind: Im Refrain reimt Taylor die Zeile „she’s an actress“ auf „better known for the things she does on the mattress“. Und ihr Fazit lautet: „You might have him, but haven’t you heard?/You might have him, but I always get the last word.“ Bei solch klaren Worten gehen wir mal davon aus, dass „sie“ schon längst davon gehört hat, wer auch immer sie nun sein mag.

„Innocent“

Diesen Song über Kanye West hat Swift erstmals am Tatort selbst präsentiert: bei den MTV Video Music Awards nämlich. „Ich denke mal, dass viele Leute von mir erwartet haben, dass ich einen Song über ihn schreibe. Dabei war es mir persönlich am wichtigsten, ihm ein Stück zu widmen.“ Bedenkt man, wie locker Swift ihre Performance von „You Belong With Me“ gleich nach dem „Kanye-Zwischenfall“ in der U-Bahn durchgezogen hat, könnte man ohne Weiteres meinen, dass sie als ausgemachter Profi selbst einen Angriff wie diesen locker wegsteckt. Doch das stimmt so nicht: „Die Fans in der U-Bahn wussten genau, was in der Nacht vorgefallen war. Ich werde diesen Moment daher niemals vergessen. Und ich werde immer daran zurückdenken und mich darüber freuen, wie sie mir dabei geholfen haben, das alles durchzustehen... ich bin nun einmal sehr emotional und auch nur ein Mensch.“ „Du musst wirklich ganz genau aufpassen, was für Gefühle du zulässt, was du an dich ranlässt und was nicht. Denn was Kritik angeht, wird einem schon ganz früh gesagt, dass man da einfach ein dickes Fell haben muss. Wenn man dann jedoch ins Studio geht und ein Album macht und dabei alles ganz unpersönlich hält, die eigenen Gefühle also unter den Teppich kehrt, dann hat da auch keiner was von... Was also meine Gefühle und deren Intensität angeht, habe ich keine Kontrolle darüber, wenn ich ehrlich bin. Es kommt immer darauf an, wie sehr einen etwas bewegt, und was man alles an sich ranlässt ist nun mal so eine Sache, bei der man erst die richtige Balance finden muss.“

„Haunted“

Der (rein musikalisch betrachtet) wohl dramatischste Song der LP hat etwas Überschäumendes und klingt sogar ein wenig nach Evanescence, mit Streichern, die gegen lautstarke Gitarren angehen und perfekt die fast schon krankhafte Liebe untermalen, die Taylor im Songtext beschreibt: „Something’s gone terribly wrong/You’re all I wanted“, gesteht sie darin und verlangt gegen Ende des Lieds: „Finish what you started!“

„Last Kiss“

Ein sehr viel zärtlicherer Trennungssong als das Stück davor. Die besten Textpassagen in diesem Fall: „All I know is, I don’t how to be something you miss.“ Und: „So I’ll watch your life in pictures/Like I used to watch you sleep...“ Na, das klingt mal wirklich nach einer Obsession – also auch irgendwie „Haunted“.

„Long Live“

Kaum vorstellbar, dass der letzte Song der LP nicht von Lautner handeln sollte, wenn wirklich etwas dran ist an den Gefühlen für ihn, die Taylor ja immerhin auch ganz öffentlich bekundet hat (ganz zu schweigen von der Reue, die sie bereits mit „Back To December“ zum Ausdruck gebracht hat). Hier vergleicht sie sich und ihren Lover mit klassischen Helden: „The crowds in the stands went wild/We were the kings and the queens/And they read off our names...“ Das mag manchem ein bisschen zu aufgeblasen klingen, wenn es aus der Feder eines Superstars stammt, doch etwas später beschreibt sie das Ganze wie die Heimkehr von König und Königin und ohne jeden Hollywood-Faktor: „You traded your baseball cap for a crown/And they gave us our trophies/And we held them up for our towns.“ Nimmt man sie beim Wort, muss der Song von diesem Moment des gemeinsamen Triumphs handeln, doch die Eroberungsstimmung bricht hin und wieder ein und lässt auch düstere Vorhersagen durchschimmern: „If you have children someday, when they point to the pictures, please tell them my name...“ Irgendwie werden wir jedoch das Gefühl nicht los, dass es für seine Kinder nicht besonders schwer sein wird, zu sagen, wer die blonde Schönheit da auf den Bildern ist. Denn selbst wenn daran vorher vielleicht noch Zweifel bestanden, hat Taylor Swift mit „Speak Now“ endgültig dafür gesorgt, dass ihr Name auch in den Geschichtsbüchern auftauchen wird – und eben nicht nur in irgendwelchen längst verblassten Teenie-Fotoalben.

Trailer Taylor Swift

Trailer Speak Now Trailer 2010

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