Alice im schwarz-weißen Wunderland

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Wasserburg - Erleben Sie "Alice im Wunderland" mal auf eine ganz andere Weise. Nicht farbig bunt, sonder schwarz und weiß ist die Wunderwelt der Protagonistin.

Alice Nr. 1 in Schwarz turnt oben im Bühnengestänge, steht vor dem Spiegel oder im Rahmen, Alice Nr. 2 in Weiß tanzt Spitze und spielt Klavier. Charles Dodgson alias Lewis Carroll Nr. 2 turnt oben durch Bilderrahmen, singt und spielt Geigentrompete, Charles Dodgson Nr. 3, ganz in Weiß, turnt oben durch Bilderrahmen, singt und spielt Trompete. Rahmen sind Spiegel und Spiegel sind Türen, Türen in Alices Wunderland.

Das Wunderland hier ist nicht fantastisch-farbig, sondern schwarz-weiß. Nach dem großen Erfolg des „Black Rider“ mit der Musik von Tom Waits hat das Theater Belacqua in Wasserburg ein neues Waits-Musical ins Programm genommen: „Alice“, nach „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll, der in Wirklichkeit Charles Dodgson hieß und ein pedantisch-langweiliger Mathematik-Professor in Oxford war.

Die Musical-Handlung besteht nur aus Träumen, Fantasien, Verwirrungen, Wünschen und Obsessionen des Professors. Charles Dodgsons Nr.1 (Hilmar Henjes ganz verstört-linkisch und mit langsamen Bewegungen wie in den Inszenierungen des Robert Wilson) in Schwarz-Weiß mit weißen Gamaschen wird von Alice Nr.2 (Regina Alma Semmler) im Rhönrad hereingerollt - zunächst ein verblüffend-unsinniges Requisit, das aber im Verlaufe des Stücks eine tiefere Deutung zulässt:

Dodgson ist wie gefesselt an seine pädophilen Obsessionen, an seine Liebe zu dem Mädchen Alice, gefesselt und dann auch buchstäblich gerädert davon, und wenn er kopfüber im Rhönrad hängt, wirkt er wie gekreuzigt: Die Liebe zu Alice ist sein Kreuz, das er trägt.

Susan Hecker als schwarze Alice spielt eine nicht mehr kindliche, sehr philosophische Alice, Regina Alma Semmler tanzt die verspieltere Alice Nr.2, Annett Segerer, die man sich als Alice Nr.1 sehr gut hätte vorstellen können, spricht als Alice Nr.3 aus dem "Off".

Die Texte sprechen die Schauspieler auf Deutsch. Das ist gut, weil die vielen Nonsens-Wortspiele und philosophischen Fragen verständlich werden: Wer ist ich und wenn ja, wie viele? Wo bin ich und wie heiß ich? Suche den Weg nach draußen auf dem Weg nach innen! Man muss die Augen schließen, um etwas zu sehen!

Manchmal kann man als Zuschauer auch die Augen schließen, weil es wenig zu sehen gibt. Die Fantasien und Obsessionen werden von der Regie (Uwe Bertram) nicht bebildert, das Bühnengestänge lässt auch nicht viel Bewegungsmöglichkeiten zu (Bühne: Uwe Bertram und Annett Segerer) - viele Worte und wenig Bilder.

"Worte sind Töne", sagt der Professor. Eher ist es umgekehrt: Die Töne sind die Worte. Die Töne sind nämlich von Tom Waits, und das ist gut so. Als Erwachsenensongs für Kinder oder Kinderlieder für Erwachsene, als Odyssee durch Träume und Nonsense charakterisiert Waits selbst seine Songs, Diese Songs sind die wahren Hauptdarsteller, diese rauen Jazzballaden voll lyrischer Melancholie, ungewöhnlich weiche und zarte Musik, selten rockig-laut wie ausgerechnet der Pünktlichkeits-Marsch.

Die siebenköpfige Band widmet sich dieser Musik mit liebender Hingabe und geradezu fiebrig-intensiver Genauigkeit, die Arrangements von Georg Karger und Wolfgang Roth sind ungemein farbig, vor allem wieder beim Schlagwerk, das Anno Kesting virtuos handhabt. In diese Musik kann man sich verlieren wie Charles Dodgsong in seine Fantasien. Konsequenterweise sind alle Musiker kostümierte Dodgsons samt weißen Gamaschen. Alle singen Tom-Waits-rauh wie Ernst Matthias Friedrich (als Dodgson Nr.2) oder lyrisch-melodisch wie Hilmar Henjes oder Nik Mayr als Dodgson Nr.3.

Am Ende verlässt Dodgson Nr.1 sein Rhönrad - ist er geheilt von seinem resignativen Wahn? Das sehr zahlreiche Premierenpublikum gab vereinzelt Szenen- und am Schluss großen Applaus vor allem für die Musik und die Musiker.

Die nächste Aufführung von "Alice" ist am Freitag, 27. April, im Rahmen der 8. Wasserburger Theatertage.

Oberbayerisches Volksblatt

Zurück zur Übersicht: Kultur

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser