Wo der Zeitgeist auf das Gestern trifft

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Im großen Rathaussaal treffen neue Kunst und altes Bauwerk aufeinander.

Wasserburg - Überlebensgroß mit beinahe drei Metern Höhe und ausgebreiteten Armen zieht die Bronze "Thubalkain" von Ute Lechner in Wasserburg das Augenmerk auf sich.

Der Blickfang scheint geradewegs zu gestikulieren, zu deuten und in das Ganserhaus einzuladen. Dort und im Rathaus der Innstadt finden sich die Objekte der "Großen Kunstausstellung 2009" des Arbeitskreises 68. Eingereicht wurden dieses Jahr 418 Werke. Nach eingehender Prüfung entschied sich die Jury für 133 Arbeiten. Durch das derzeit ebenso laufende Stadtspiel musste die Werkschau dieses Mal kleiner ausfallen. Im Rathaus konnte nur das erste Ober-, nicht das Erdgeschoss als Ausstellungsraum fungieren, was ein Minus von rund 20 Arbeiten bedeutet. Dafür ist ein Nebeneinander der Schauspielerei und der Werkschau gegeben, als Fülle der künstlerischen Aktivitäten Wasserburgs.Eben diese Fülle ist aufgrund der vielen eingereichten Werke - zumeist aktuell aus den Jahren 2008 und 2009 - auch in den Arbeits-, Verwirklichungs- und Ausdrucksweisen gegeben. Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, Collagen, Installationen, Skulpturen und Fotografien werden präsentiert. Künstler aus der Region, aus München, ganz Bayern, aber auch aus Berlin, Brüssel, Leipzig und Zürich haben ihre Arbeiten nach Wasserburg gegeben. Stolz ist man dabei auf die gute Resonanz der inzwischen 41. Großen Kunstausstellung. Regelmäßig besuchen Repräsentanten der Staatsgemäldesammlung "Moderne Kunst" die Werkschau, um sich auch nach Ankaufsobjekten umzusehen.

Hart-undurchsichtig, aber durchscheinend und dennoch nicht weich als Materialkombination in Glas und Stein von Ursula-Maren Fitz.

Eine interessante Union, aber auch einen Kontrast bilden die Räumlichkeiten, die dem AK 68 für seine große jährliche Werkschau zur Verfügung stehen. Wie vor dem Ganserhaus wurde auch im Rathaus eine Skulptur als einladendes Objekt gewählt. Sehr passend "Nike V" von Franz Xaver Angerer. Im lichten Gang-Karee vor der Abzweigung zu den Ausstellungsräumen findet sich die düstere Skulptur aus verbranntem Eichenholz, wirkt durch filigrane, lichtdurchlässige Einkerbungen in ihrer Grundfarbe noch schwärzer und stellt ein passendes Geleit in die ehrwürdigen dunklen Rathauszimmer dar. In diesen treffen moderne Objekte und aktueller Zeitgeist auf das Gestern, bilden einen Gegenpol zu den vollständig mit alten Gemälden überzogenen Wänden, die wiederum den Geist ihrer Zeit wiedergeben. Die "Veritas"-Darstellung an der Wand des Ratssaals steht dem "Stop Deportation" in Grafitto-Stil von Karin Schneider-Henn gegenüber. Die Erinnerung an die Sterblichkeit durch den Wandspruch im Nebenraum findet sich direkt bei der Glas-Stahl-Skulptur "Spektrale Säule" von Florian Lechner, die so positioniert ist, dass man sie beim Betreten des Raumes erst als durchscheinende Fäden wahrnimmt und dann als weit flächiger und farbreicher entdeckt.

Kontrast und Union von Werken und Gebäude entstehen auch im Ganserhaus. Mit modernen Gegebenheiten wird etwa durch die "Partitur/talk" (Petra Meyer) in Hinterglas-Acryl kokettiert, eine Thematisierung des unumgänglichen Handys. Abstraktion wird der alt-soliden Gebäudeanmutung mit Werken wie "Wer das Nichts sucht, wird die Fülle finden" von Michael Wagner oder dem massiv-präsenten roten Groß-Acryl von Hermann Wagner gegenübergestellt. Durch die Werkmenge ist natürlich auch eine Themen- und Wahrnehmungsfülle gegeben. Lässt Ulrich Hutter in abstrakten Wirbeln den "Karneval in Rio" verschwimmen, präsentiert Peter Casagrande mit "2008-2" leidenschaftlich-feurige Strukturen in Monumentalgröße. Wie ein Hologramm wirkt dagegen die Collage von Marianna Giger-Heise mit Netzstruktur, gleich einem Blick in den Orbit. Landschaften, sehr selten in natura wie die "Seelandschaft" von Gertruda Gruber-Goepfertova, finden sich öfter als Kulturraum gestaltet, etwa als "Tektonische Escapade" (Ernst Eichinger). Der Mensch rückt oft ins Blickfeld, in seiner Verletzlichkeit, etwa als Flüchtling in "Lampedusa-Lager" von Siglinde Berndt, im intensiv dunklen Portrait "Movado" (Helga Goldhorn) mit direktem Blick, in einem verschmelzend-verwischtem Foto-Kuss-Moment von Bettina Gorn, als "Männergruppe" mit gewissen Animositäten (Herbert Klee), dem Schönheits-, Jugendkult und Sexualitätsideen hinterfragenden Diptychon "Lulu und Fallobst" (Lothar Kaspar Wurm) oder in einem intensiv-fragenden Portrait des "Selbst" von Hans Schork. Auf Plakatabriss wirkt das Ich dabei zerflossen in schwarz verloren und fragend nach der eigenen Existenz. Als Gegenpol steht die Fotografie "Passa tutto, tutto passa" von Harald Sedlmeier, als Normalität, als Vorübergehen des Lebens in einem beiläufig-ruhigen, vielleicht zauberhaften Moment.

Aktuelle Themen wurden von den Künstlern ebenso abgebildet. Etwa die Finanzkrise mit beim immer gültigen "Fluch des Goldes" (Peter Paul Pusch) oder dem Dollarschein-Portemonnaie "Die Krise - leere Beutel" (Erika Prabst). Dass menschliche Tragödien über die Zeiten wiederkehren zeigt eine Gegenüberstellung im Keller des Ganserhauses. Dort widmete sich Sabine Mehnert dem Schicksal ihrer Urgroßeltern durch den Zweiten Weltkrieg. Jonas Münch bot mit "Guantanamo closing" Kabelbinder-Fesseln mehr als im Dutzend zum Ausverkaufspreis von 0,95 Dollar feil.

Von Martina Andrea Fischer/Oberbayerisches Volksblatt

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