Zwischen Beethoven und Karl Valentin

+
Enthemmtes Zitherspiel: Sylvia Habl (links) und Maria Seidl (rechts).

Rosenheim (ovb) - Am Wochenende haben die 25. Rosenheimer Kleinkunsttage begonnen. Auftakt war der „Festabend“ der Laienbühne Rimsting.

Bürgermeister Anton Heindl bemühte in seiner Begrüßung zum 25-jährigen Jubiläum der Rosenheimer Kleinkunsttage in "Auers Kulturzelt" sowohl Beethoven als auch Karl Valentin als Zitatlieferanten - nicht ahnend, dass in genau dieser theatralischen Spannung sich "Der Festabend" der Laienbühne Rimsting abspielte. Nur schien ein Großteil des Publikums dies nicht gemerkt zu haben, das sich lachsüchtig nur auf die übersteigert valentinesken Programmteile stürzte. Symptomatisch dafür war, dass die größten Lacher der kolossale Rülpser erhielt, der die köstliche "Kunst- und Krempel"-Parodie begleitete, in der ein antiker Pressack bewertet wurde. Dabei war vergnüglicher, wie der offizielle Beginn mit Begrüßung und Überreichung des Kleinkunstpreises langsam, aber subversiv, Teil des parodierenden "Festabends" wurde: Die Realität wurde zur Parodie, zum Theater auf dem Theater.

Programm

Die "Laienbühne Rimsting" tat sich anfangs etwas schwer mit der Eroberung des Raumes, mit der Tonanlage und mit dem Publikum, die melancholischen Rimstinger Syphonbläser und die süßen Prolog-Kinder drangen nicht ganz bis hinten durch, aber die furchterregend dräuenden Böllerschützinnen, der wörtlich genommene "Festumzug des Vorsitzenden", bei dem Raimund Feichtner, der Regisseur und durchs Programm führende Vorsitzende, in einen engen braunen Anzug aus den Siebzigern gezwängt wurde, das bauerngolfähnliche Ozapfn mittels eines Riesenschlegels und eines Minifassls sowie die Ehrungen, für die Baumscheiben mit einer Motorsäge abgeschnitten wurde, so dass die Sägespäne sprühten und das Benzin stank, die rasende Grußwortolympiade und der sekundenschnelle Rückblick schafften dann doch die vergnügte Stimmung im Zelt für die "zünftige Unterhaltung", nach der man einen so genannten "Heimatabend" nie mehr ungestraft-naiv genießen kann: Das zehnbusige "Inntaldreieck" in Dirndln wie aus dem Hippodrom sang absurde Gstanzln, die "Chiemgauer Pointenschnoizer" ließen, auf den Biertischen stehend, Witzpointen teils schnalzen oder absichtlich verhungern und auch die obligate Schunkelrunde durfte nicht fehlen. Absurd-komische Höhepunkte aber waren der unsägliche Schlager "Franzl, Franzl, no a Gstanzl" von Franzl Lang, von Raimund Feichtner augenaufreißend und zungenrollend per Playback gesungen, sowie der Bolero-Plattler, ein veritabler Kulturschlingtanz samt Schlussblickduell: Ravel in Lederhosen, Hochkultur bairisch-hinterfotzig geerdet, eben Beethoven und Valentin.

Köstlich hintersinnig auch die "Verleihung des Kulturförderpreises der Laienbühne Rimsting an die Laienbühne Rimsting", wenn sonst schon keiner ihnen einen Preis verleiht, die höheren Weihen und die Begründung gab ein schön singendes Männerquartett nach der Melodie von "In einem kühlen Grunde".

Der zweite Teil war ein Parforce-Ritt der "Laienbühne" durch ihre 26-jährige Theatergeschichte, aus der die publikumswirksamsten Szenen wie in einer Oscar-Verleihung gekürt und gezeigt wurden: 26 Jahre Laienbühne Rimsting für 25 Jahre Rosenheimer Kleinkunsttage. Darunter waren Szenen aus dem von Feichtner und seinen Leuten selbst geschriebenen Schauerdrama "Sepp, der Rächer der Enterbten", nämlich ein hysterisch-enthemmtes Zitherspiel und eine statische "ekstatische Selbstentäußerung eines Bayern" (Andreas Wörndl) mit Motorsäge in grünem Trockeneisnebel, aber auch eine skurrile Tanzszene sowie eine düstere Untergangsprophezeiung mit einem CSU-Ball aus "Romulus der Große" von Dürrenmatt, eine rauchend gelangweilte Julia samt sächsisch sprechendem Romeo namens Detlev, vor allem aber die Wachau-Szene aus den "Geschichten aus dem Wienerwald" von Ödön von Horvath: Raimund Feichtner wälzt sich da, angetan mit einer Leopardenbadehose, mit seiner ganzen Leiblichkeit auf die arme, aufgeregt-erregt quiekende Rita Aß, bis dass die Sanitäter kommen müssen. Zum Feuerzeug schwenkenden Schlusspunkt durften alle die "Kaiserhymne" singen: "Gute Freunde kann niemand trennen". Spätestens da waren alle Zuhörer gute Freunde der Laienbühne Rimsting.

Rainer W. Janka/Oberbayerisches Volksblatt

Lesen Sie hierzu auch:

Große Kleinkunst in Rosenheim (mit Video!)

Zurück zur Übersicht: Kultur

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser