Interview mit Prof. Dr. Jürgen Geist

Massenhafte Vermehrung: Fremde Tierarten erobern unsere heimischen Flüsse und Seen

Verschiedene aquatische Neozoen
+
Von links oben nach rechts unten: Die Zebramuschel, der Höckerflohkrebs, die Regenbogenforelle, der Signalkrebs und die Schwarzmeergrundel: Sie sind eigentlich alle nicht bei uns heimisch.

Südliches Oberbayern - Unsere heimische Tierwelt verändert sich momentan massiv. Auch vor unseren Gewässern macht dieser Wandel nicht halt. Wir haben mit einem Experten über die Situation gesprochen.

Amerikanische Krebse, chinesische Muscheln, Fische aus allen Ecken und Enden dieser Welt: In unseren heimischen Gewässern tummelt sich allerlei Getier unterschiedlichster Provenienz. Damit zieht sich in unseren Bächen, Flüssen, Weihern und Seen nur jener Prozess konsequent fort, der - OVB24 berichtete - auch schon zu Lande und in der Luft in vollem Gange ist: Tierische Neuankömmlinge - im Fachjargon als „Neozoen“ bezeichnet - verändern gerade unsere Tierwelt; teils in dramatischem Umfang und Tempo.

In unseren Gewässern greift dieser Wandel möglicherweise noch tiefer. „Neuen“ Tierarten gelingt die Etablierung derart erfolgreich, dass sie an manchen Stellen bis zu 90 Prozent der Biomasse ausmachen. OVB24.de hat sich mit Prof. Dr. Jürgen Geist, Experte für aquatische Systembiologie und Professor für Biologie an der TU München, über die Situation unterhalten.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Jürgen Geist, sind alle in unsere Gewässer eingeschleppten Arten per se ein Problem für das Ökosystem beziehungsweise die Tierwelt, und können Sie Beispiele nennen?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Das Ökosystem als solches wird verändert, aber ein Problem wird das immer nur aus der menschlichen Perspektive. Klassisches Beispiel sind Zebra- und Quaggamuscheln, die sich an allen Arten von Hartsubstrat festsetzen, damit z.B. für die Kühlwasserversorgung von Kraftwerken Probleme machen. Beim Anheften an heimische Muscheln werden sie für diese zur Konkurrenz. Es gibt aber immer Gewinner und Verlierer. Es gibt invasive Arten, die den Zustand des Ökosystems komplett verändern und andere, die gegebenenfalls nur eine heimische Art ersetzen, aber keine großen Auswirkungen auf das Nahrungsnetz haben.

Wurden auch Tiere aktiv in unseren Gewässern angesiedelt, die jetzt eventuell zum Problem wurden?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Ja, das lässt sich eindrucksvoll am Beispiel der absichtlichen Einführung des nordamerikanischen Signalkrebses illustrieren, der zunächst nach Schweden importiert wurde und inzwischen in ganz Europa verbreitet ist. Er überträgt die Krebspest, die für heimische Krebse tödlich endet.

Wie viel Prozent der Biomasse machen fremde Tierarten in den Gewässern der Landkreise Rosenheim, Traunstein, Berchtesgadener Land, Mühldorf und Altötting in etwa aus?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Genaue Zahlen dazu haben wir nicht. Am Beispiel der oberen Donau wissen wir, dass z.B. die Biomasse der Fische in den ufernahen Bereichen inzwischen vielerorts von gebietsfremden Arten dominiert wird, z.B. invasive Kleinkrebse und Grundeln aus dem Raum der Pontokaspis.

Seit wann lässt sich ein Auftreten von Neozoen in unseren Gewässern verstärkt beobachten?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Das lässt sich nicht pauschal beantworten, da dies je nach Gewässersystem und geografischer Region unterschiedlich ist. Auch der Einführungspfad spielt eine Rolle. So kommt es zum Beispiel durch den Aquarienhandel mit gebietsfremden Fischen und Muscheln immer wieder zum Aussetzen. Als Grundregel gilt oft, dass Gewässer mit intensivem „Menschenkontakt“ stärker betroffen sind und dass sich Neobiota, von denen die meisten Generalisten sind, in degradierten Habitaten Vorteile gegenüber spezialisierten heimischen Arten haben. 

Neobiota, Generalist, Habitat, degradiert - Das hat es mit diesen Begriffen auf sich:

  • Neobiota: Als Neobiota werden sämtliche Arten bezeichnet, die vom Menschen in Gebiete gebracht werden, in denen sie vorher nicht heimisch waren. Der Begriff umfasst neben neu eingeschleppten und eingewanderten Tieren also beispielsweise auch neue, nicht heimische Pflanzenarten.
  • Neozoon: Ein Neozoon ist ein in ein Gebiet eingeschleppte oder eingewanderte Tierart.
  • Habitat: Unter Habitat versteht man den Lebensraum einer Tier- oder Pflanzenart.
  • Degradiertes Habitat: Ein Lebensraum, welcher durch äußere Einflüsse - meist durch Menschen - für angestammte Tierarten verschlechtert wurde.
  • Generalist/Spezialist: Spezialisten sind Tierarten, die sich ganz spezifisch an ihre Umwelt angepasst haben. Sie sind besonders von Degradierung von Habitaten betroffen. Generalisten sind demgegenüber äußerst anpassungsfähig - ihnen fällt auch die Anpassung an degradierte Habitate leichter.

Welches Tier war das letzte, welches sich erfolgreich ansiedeln konnte?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Das kann man nicht wirklich beantworten, denn der Zeitpunkt des Erstnachweises liegt meist deutlich verzögert zum ersten Auftreten in einem Gewässer. Beispiele von „neu entdeckten“ gebietsfremden Arten in Bayern sind der Drachenwels in der Oberpfalz, die chinesische Teichmuschel in verschiedenen Teilen Bayerns und gebietsfremde Schlammpeitzger, beispielsweise im Inn.

Macht seinem Namen alle Ehre: Der Drachenwels breitet sich auch in unseren Gewässern aus.

Bild: A. C. Tatarinov lizensiert unter CC BY-SA 4.0, Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71340892

Lassen sich die Folgen der Klimaerwärmung bereits bei der Veränderung der Tierwelt unserer Gewässer ablesen? Welche Tierarten kommen vor, die in der Vergangenheit keine Chance auf eine erfolgreiche Besiedelung der Habitate gehabt hätten? 

Prof. Dr. Jürgen Geist: Ja, viele der invasiven Arten sind Generalisten und sie profitieren meist von wärmeren Wassertemperaturen. Hier kann es zu einem doppelten Effekt kommen: gerade Kaltwasserarten leiden unter dem Klimawandel und werden in ihren Beständen zurückgedrängt, wodurch zum Beispiel mehr Nahrungsressourcen für invasive Arten zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite wird auch die direkte Konkurrenz beeinflusst: So tolerieren beispielsweise die Larven der nicht-heimischen chinesischen Teichmuschel höhere Wassertemperaturen als die der heimischen Arten und haben so bei höheren Temperaturen einen Vorteil. 

Die Chinesische Teichmuschel kommt mit höheren Wassertemperaturen als unsere heimischen Arten aus.

Bild: Pictorum, lizensiert unter CC BY-SA 4.0, Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=93871728

Das Vorkommen welches Neozoen hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Am meisten hat mich bei einer Forschungsexpedition auf der russischen Kola-Halbinsel inmitten eines intakt wirkenden Flusses das massenhafte Vorkommen von Pink-Lachsen überrascht, die eigentlich im Raum des Pazifik an der Westküste Nordamerikas vorkommen.

Sind Neozoen in den Gewässern eher Nahrungsquelle oder Nahrungskonkurrent?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Das kommt immer auf die Perspektive und die einzelnen Arten an. Am Beispiel der invasiven Grundeln in Donau und Main zeichnet sich ab, dass sich Raubfische wie Flussbarsch und Zander auf diese neue Nahrungsquelle eingestellt haben und stärker wachsen als zuvor. Auf der anderen Seite gibt es unter den Grundeln auch gefräßige Laich- und Jungfischräuber, was beobachtete Rückgänge bei anderen heimischen Fischarten in der Donau erklären kann.

Wie viel Prozent der Mageninhalte von Raubfischen machen Neozoen aus?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Es gibt Beispiele, in denen – zumindest zeitweise – fast 100 Prozent der aufgenommenen Nahrung aus Neozooen besteht. Manchmal kann das Vorkommen einer Neozoen-Art auch fördernd für das Vorkommen anderer Neobiota sein. Man vermutet einen entsprechenden Zusammenhang zwischen dem Vorkommen des invasiven Höckerflohkrebses und invasiven Grundeln.

Welche Möglichkeiten hat man in diesen Prozess der Einschleppung einzugreifen? Kann so etwas in unserer globalisierten Welt überhaupt verhindert werden?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Da eine Eindämmung einer bereits laufenden Invasion fast unmöglich ist, muss man direkt beim Prozess der Einschleppung eingreifen. Sinnvoll ist es, für bestimmt Arten deren Verkauf und/oder Lebendtransport zu verbieten. Dies betrifft z.B. den Aquarienhandel. Im Falle passiver Einschleppungen, zum Beispiel mit dem Ballastwasser von Schiffen helfen technische Lösungen, die allerdings kostspielig sind und daher nur bei Vorliegen gesetzlicher Rahmenbedingungen greifen. In jedem Fall hat auch der frühe Nachweis invasiver Arten große Bedeutung, um überhaupt noch sinnvolle Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

Spezifisch auf die Situation unserer Gewässer bezogen: Ist eine solche Wanderung nicht ein ganz natürlicher Prozess im Laufe der Zeit?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Auf lange Zeiträume gesehen sind Aussterbe- und Einwanderungsprozesse ganz natürlich, allerdings bewegen sich die derzeitigen Raten deutlich außerhalb dessen, was ohne Zutun des Menschen passieren würde. Es gibt auch in der Wissenschaft eine Diskussion darüber, ob es überhaupt sinnvoll ist, invasive Arten zu bekämpfen. Das hängt eben sehr stark davon ab, welchen Zustand und welches Arteninventar der Mensch mag. Nutzbare nicht-heimische Arten wie die Regenbogenforelle sind daher meist beliebt, nicht-nutzbare Arten, die wie die Zebramuschel Probleme verursachen, nicht. 

Fische, Muscheln, Krebse & Co.: Diese „neuen“ Tierarten erobern unsere Gewässer

Höckerflohkrebs auf Finger
Der Höckerflohkrebs hat sich als Neozoon in fast allen Gewässersystemen Deutschlands verbreitet. Er gilt als extrem räuberisch - und hat in einigen Gebieten für das Verschwinden angestammter Arten gesorgt. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet umfasst die Unterläufe der ins Schwarze Meer mündenden Flüsse.  © Felix Kästle/dpa
Regenbogenforelle in Hand
Die nordamerikanische Regenbogenforelle wurde schon vor längerer Zeit in unseren Gewässern angesiedelt. Sie verdrängt die heimische Bachforelle.  © Julian Stratenschulte/dpa
Eine Kessler-Grundel
Eine Kessler-Grundel: Eine der fünf invasiven Grundelarten, die aus der Schwarzmeerregion stammen. Die Grundeln werden im deutschsprachigen Raum zusammenfassend als „Schwarzmeergrundeln“ bezeichnet. Die Schwarzmeergrundeln sind Laich- und Jungfischräuber, und werden mit dem Rückgang einheimischer Spezies in Verbindung gebracht.  © Regierungspräsidium Karlsr/dpa
Ein Signalkrebs wird gehalten
Der amerikanische Signalkrebs überträgt die Krebspest auf einheimische Krebsarten.  © Marcus Führer/dpa
Zebramuschel wird gezeigt
Die Zebramuschel ist ein klassischer Wiedereinwanderer. Vor Millionen Jahren war sie in Europa weit verbreitet, allerdings verkleinerte sich ihr Verbreitungsgebiet immer mehr, bis es schließlich fast nur noch auf das Schwarzmeergebiet reduziert war. Durch die Schifffahrt setzte dann allerdings eine massive Wiederausbreitung der Zebramuschel ein - in Ökosysteme, die auf die Muschel nicht mehr „vorbereitet“ waren. Sie stört die natürliche Artenvielfalt von Ökosystemen massiv.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Gibt es Pläne gegen einzelne eingeschleppte Tierarten aktiv vorzugehen?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Auf Ebene der EU und auch auf Ebene nationaler und regionaler Bemühungen versucht man das. Es gibt allerdings wenige Beispiele eines durchschlagenden Erfolgs.

Können auch unerlaubte Auswilderungen von ungeliebten exotischen Tieren im Privatbesitz (Haustier) zum Problem werden?

Prof. Dr. Jürgen Geist: Auf jeden Fall. Viele Haustierbesitzer setzen ihre Fische, Krebse und Muscheln in freie Gewässer aus, wenn diese zu groß werden oder nicht mehr gebraucht werden. Das ist ein wichtiger Einschleppungsweg, den man mit Aufklärung unterbinden sollte.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Jürgen Geist, wir bedanken uns für das Gespräch!

-dp-

Kommentare