Nach dem islamistischen Terroranschlag in Wien

Kriegsreporter über Absichten des IS und der Attentäter: „Was wollen diese Leute erreichen?“

Journalist und Filmemacher Konstantin Flemig
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Journalist und Filmemacher Konstantin Flemig zur Frage „Was wollen diese Leute mit solchen Anschlägen erreichen?“

Wien - Am Montagabend, den 2. November, erschütterte ein fürchterlicher Anschlag die österreichische Hauptstadt. Mittlerweile ist bekannt, dass dieser Attentäter Verbindungen zum islamischen Staat hatte. Der deutsche Journalist und Filmemacher Konstantin Flemig erklärt in einem Video, wie solche Anschläge und besonders die Reaktion der Bevölkerung dazu führen können, dass sich mehr Muslime der radikalen Terrorgruppe anschließen wollen.

Es sind Bilder, die erschüttern. Seit gestern Abend ist Corona ein Stück weit in den Hintergrund gerückt. Die Schüsse in Wien haben sich in wenigen Minuten Videomaterial nicht nur in die Köpfe der österreichischen sondern auch der gesamten europäischen Bevölkerung gebrannt. Der Attentäter stand offenbar bereits unter Beobachtung der Staatssicherheit, da er Verbindungen zum sogenannten islamischen Staat hatte.

Dass solche Gräueltaten wie am vergangenen Montag in Wien, irgendeinen positiven Effekt für seine Täter oder gar Hintermänner haben, ist schwer vorstellbar. Der deutsche Dokumentarfilmer und Berichterstatter für Kriegs- und Krisengebiete Konstantin Flemig erklärt jedoch in einem kurzen Video auf seiner Facebook-Seite, dass besonders die Reaktionen in der Bevölkerung durchaus dazu beitragen können, dass sich Muslime dem IS zuwenden. Er spricht von der „Eliminierung der Grauzone“, welche im Nachgang eines Anschlags voranschreiten kann und auch explizit so vom IS forciert wird. Er geht auf die Frage ein: „Was wollen diese Leute mit solchen Anschlägen erreichen?“.

Der sogenannte islamische Staat veröffentlichte in einem Manifest kurz nach dem Anschlag auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ 2015 einen Text. Der Titel war im Englischen „Die Eliminierung der Grauzone“. Dazu erklärt Flemig, dass der IS Muslimen vorgaukle, „dass muslimisches Leben nur unter der Herrschaft des islamischen Staats“ möglich sei. Die Eliminierung der genannten Grauzone - gemeint ist die Toleranz zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen - ist dafür unabdingbar.

Unter Bezug auf einen französischen Journalisten erzählt Flemig: „Bilder, dass Muslime aus dem Nahen Osten fliehen und in Deutschland aufgenommen werden, haben den islamischen Staat so dermaßen wütend gemacht, weil es genau dem widerspricht, was der IS predigt.“ Ein Europa, das Flüchtlinge aufnimmt und sich um sie kümmert, hat in der Propaganda des IS keinen Platz.

Es ist die Abschaffung der Grauzone, sagt Flemig, die dazu führen soll, dass sich Muslime nicht mehr als Teil der freiheitlichen Gesellschaft sehen. Ablehnung, Generalverdacht und Stigmatisierung von Muslimen als potentielle Terroristen kann laut ihm genau das befeuern, was der IS propagiert: Dass es nur noch Schwarz und Weiß gibt - das Narrativ von „wir und die“. Und das versucht die Terrormiliz, mittels Terror voranzutreiben.

Hass und Ausgrenzung passen dem IS „gut in den Kram“

Dabei merkt Flemig an, dass „Demos gegen Muslime, Pegida oder AfD-Rhetorik alles Dinge sind, die dem IS gut in den Kram passen“. Was das IS-Narrativ unterstütze, sei ein Europa, das Muslime hasst und verteufelt. Das spiele dem IS in die Karten und hilft, das Gefühl von Muslimen zu vertiefen, mit dem Rücken zur Wand zu stehen.

Abschließend gibt Flemig seine persönliche Meinung ab. Seiner Ansicht nach, ist es nun wichtig, nicht nach Muslimen und Nicht-Muslimen zu unterscheiden. Es wäre wichtig, nach „Killer und Demokraten“ zu unterscheiden und nicht „das zu tun, was sie (der IS) von uns wollen“.

mda

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