Internet bewegt die Münchner Medientage

"Entweder online, schlafen oder tot"

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Zeitungsverleger Dirk Ippen machte auf den Medientagen München deutlich, worin er die Zukunft von Zeitungen im digitalen Zeitalter sieht.

München - Verleger Dirk Ippen brachte die moderne Existenzform auf den Punkt: "Entweder online, schlafen oder tot." Auf den Münchner Medientagen geht es um die Folgen des mobilen Internets

Eigentlich ist die Sache klar: Alle unter 35 sind „digital Natives“. Alle Älteren sind - wenn sie online unterwegs sind - „digital Immigrants“: nicht Eingeborene, sondern Einwanderer in die Welt des Internets. Doch die Medientage München haben klargemacht: Das stimmt gar nicht. Bei der „Elefantenrunde“ zum Auftakt des Kongresses behauptet die Bonner Medienwissenschaftlerin Caja Thimm sogar: „Es gibt nichts Falscheres.“

Ein „Ureinwohner“ kennt die Regeln und die Kultur eines Landes. „Sorry, das kennen die Jugendlichen nicht, aber Null“, meint Thimm. Sie seien zwar gut im Gebrauch der Neuen Medien, durchschauten ihre Wirkungsweise und Konsequenzen aber nicht. Viele 40- bis 50-Jährige arbeiteten dagegen schon lange online und zeigten eine viel größere Medienkompetenz.

Nicht zuletzt der NSA-Skandal hat gezeigt: Wir wissen nicht, was mit unseren Daten im Netz passiert. Online-Giganten wie Google, Facebook und Amazon wissen viel mehr über ihre Nutzer als ihnen möglicherweise lieb ist: ein Milliardenmarkt für personenbezogene Werbung. Bald geht es nicht mehr nur darum, wo wir gerne Urlaub machen, ob wir Hunde oder Katzen besitzen, was wir gerne lesen, mit wem wir wann Kontakt haben. Sondern selbst der Füllstand und Inhalt von Kühlschrank und Mülleimer in der Küche werden online abrufbar sein.

Diskussion um user- und standortspezifische Werbung

Nicht nur naive Jugendliche, die Intimfotos bei Facebook posten, werden dann zum gläsernen Verbraucher. Die Moderatorin des Mediengipfels, „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl, fragt daher den Google-Manager Philipp Justus: Verdient der Internetriese Geld mit dem Geschäftsmodell einer Datenkrake? Justus hält dagegen: Wer auf dem Marienplatz in München steht und eine Pizzeria in der Nähe sucht, der will keine Werbung für Restaurants in Hamburg. Der Nutzer profitiere also von personen- und standortbezogener Werbung. Jeder könne selber entscheiden, ob er diese Funktionen nutze oder nicht.

So schützen sie sich im Internet

Ratgeber: So schützen Sie sich im Internet

Doch kaum jemand kann sich noch dagegen entscheiden, überhaupt online zu gehen. „Entweder online, schlafen oder tot“ - so drastisch formuliert das der Zeitungsverleger Dirk Ippen, Herausgeber des Münchner Merkur, der tz, der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen sowie zahlreicher weiterer Regionalzeitungen in Deutschland. Und er sagt auch: „Die Jugend ist ein großes Problem.“ Noch behaupten sich Fernsehen, Hörfunk und Zeitung überraschend gut. Die neuen Online-Angebote werden vielfach zusätzlich zu den klassischen Medien genutzt. Aber bleibt das auch so, wenn die „digital Natives“ die Mehrheit der Bevölkerung stellen?

Ippen ist da optimistisch. Er meint: Zeitungen bieten ihren Lesern nicht nur Nachrichten, sondern eine lokale Gemeinschaft. „Gute Zeitungen sind Solidarsysteme. Deswegen sagt man: "meine Zeitung". Niemand sagt aber: "mein Internet".“

Ippen fordert Werbebeschränkung für Medienriesen

Streit entbrennt, als Ippen darauf pocht, dass nationale TV-Sender keine regionale Werbung schalten dürfen, weil dies zulasten der Regionalzeitungen ginge. Wer kein regionales Programm macht, solle auch nichts vom regionalen Werbekuchen abschneiden dürfen. Conrad Albert von ProSiebenSat.1 sieht darin eine Wettbewerbsverzerrung und fordert gleiche Marktchancen.

Über solche Interessenskonflikte hinweg beschwört der BR-Intendant Ulrich Wilhelm die „Verantwortungsgemeinschaft“ der Medien: „Ich glaube, dass wir zu neuen publizistischen Gemeinschaften kommen werden.“ Die Zukunft liege in crossmedialen Partnerschaften, auch zwischen frei empfangbaren TV-Sendern und Bezahlfernsehen.

Der Vorstandsvorsitzende von Sky Deutschland, Brian Sullivan, sieht noch jemanden in der Verantwortung in Sachen Medienkompetenz: die Familie. Er nehme seinen Erziehungsauftrag ernst, berichtet er. Computer im Schlafzimmer? Gibt's bei ihm zu Hause nicht. Allerdings weckt er auch Zweifel, ob er alles überblickt, was dort passiert. Auf die Frage, wie viele Kinder er hat, antwortet er: zwei - und sorgt für den Lacher des Tages, als er sich kurz darauf korrigiert: „Sorry, ich habe drei Kinder.“

dpa

Zurück zur Übersicht: Netzwelt

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser