Helfer diffamiert?

Ärzte ohne Grenzen nennt EU-Flüchtlingspolitik „verheerend“

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Ein Helfer von Ärzte ohne Grenzen beim Einsatz im Mittelmeer

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erhebt schwere Vorwürfe gegen die EU und ihre Mitgliedsstaaten: Das Mittelmeer sei ein Massengrab für Flüchtlinge, Helfer würden kriminalisiert.

Berlin - Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union als "verheerend" kritisiert. Gut ein Jahr nach dem Abkommen mit der Türkei könne die wachsende Zahl von Flüchtlingen nicht mehr auf die Solidarität der EU und ihrer Mitgliedstaaten zählen, erklärte der Geschäftsführer der deutschen Sektion der Organisation, Florian Westphal, am Mittwoch in Berlin im Vorfeld des Weltflüchtlingstags am 20. Juni.

"Schutzsuchende werden ausgesperrt und Menschen weltweit an der Flucht gehindert, was diese körperlich und seelisch krank macht", kritisierte Westphal. Ärzte ohne Grenzen leistete nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr in mehr als 40 Ländern Nothilfe für Flüchtlinge. Insgesamt war die Organisation in rund 70 Ländern aktiv.

Helfer fühlen sich „kriminalisiert“ und „diffamiert“

Die Hilfsorganisation fühlt sich zugleich wegen ihrer Seenotrettung im Mittelmeer zunehmend unter Druck. Der Geschäftsführer der deutschen Sektion, Florian Westphal, beklagte bei der Vorstellung des Jahresberichts am Mittwoch in Berlin eine „zunehmende Kriminalisierung und Diffamierung lebensrettender Hilfe“. Die wachsende Zahl von Flüchtenden könne sich gut ein Jahr nach dem EU-Abkommen mit der Türkei nicht mehr auf die Solidarität der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten verlassen.

Der Unions-Innenexperte Stephan Mayer (CSU) hatte die Seenotrettung zwischen Nordafrika und Europa zuletzt als „Shuttle-Service“ nach Italien bezeichnet. Es sei beleidigend, mit diesem „weitgehend kriminellen System“ der Schlepper in Verbindung gebracht zu werden, sagte Westphal. Die EU-Staaten müssten sich fragen, wie lange sie noch zusehen wollten, „wie sich das Massengrab Mittelmehr jeden Tag ein bisschen mehr füllt“.

Spenden gleichen Verzicht auf Staatsgelder aus

Ärzte ohne Grenzen hatte 2016 aus Protest gegen die „Abschottungspolitik Europas“ beschlossen, kein Geld von der EU und ihren Mitgliedern mehr anzunehmen. Dank der Spender in Deutschland könne dieser Betrag aber ausgeglichen werden, hieß es.

Die Spendeneinnahmen erreichten im Jahr 2016 einen Rekordwert von 132,8 Millionen Euro. Das waren laut der Organisation 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Gesamtausgaben von Ärzte ohne Grenzen Deutschland lagen bei 142,5 Millionen Euro und waren damit praktisch von den Gesamteinnahmen in Höhe von 142,2 Millionen Euro gedeckt. Die deutsche Sektion finanzierte mit 126,8 Millionen Euro Projekte in mehr als 40 Ländern.

AFP/dpa/fn

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