Er ist Bundestags-Direktkandidat

Die AfD und ihr dubioser Politiker-Prinz vom Tegernsee

München - Mit Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau aus Tegernsee zieht die AfD in die Wahl. Ein Politiker-Prinz für Oberbayern? Schöne Geschichte für die Partei - wenn sie denn wahr wäre. 

Update vom 4. April 2017: Schafft die Alternative für Deutschland bei der Bundestagswahl im September ein zweistelliges Ergebnis? Oder scheitert die Partei wieder an der Fünf-Prozent-Hürde? Wir zeigen die aktuellen Umfragen und Prognosen zur AfD für die Bundestagswahl 2017.

Wirtschaftsstudium, Kunststudium, berufliche Stationen in Genf, beim Auktionshaus Sotheby’s in New York – und dann noch der Klang des Namens: Seit einigen Monaten schmückt sich die AfD Oberbayern-Süd mit einem Vorsitzenden namens Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau, wohnhaft seit 2014 in Tegernsee. Der 69-Jährige ist auch Bundestags-Direktkandidat des Kreisverbandes, zu dem die Kreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach gehören. Ein Prinz für Oberbayern: Schöne Geschichte für die AfD – wenn sie denn wahr wäre.

Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau (69) will Wirtschaft und Kunst studiert haben.

Doch an dem, was Prinz von Anhalt-Dessau der Öffentlichkeit und wohl auch seiner Partei seit Monaten auftischt, gibt es Zweifel. Sein Lebenslauf ist in weiten Teilen irreführend, stellenweise wohl schlicht falsch. Da wäre zunächst sein Adelstitel. In den 70ern habe er den Namen seiner Mutter angenommen, behauptet von Anhalt-Dessau auf Anfrage. Die sei eine „geborene“ Anhalt-Dessau gewesen – „ganz direkte Linie“ der Familie, deren Oberhaupt Eduard Prinz von Anhalt ist. Es gebe auch regen Kontakt zu „Eduard“, behauptet von Anhalt-Dessau. Immer wieder habe er ihn getroffen. Zuletzt 2010 in Berlin, in einem Café. In jüngster Zeit sei der Kontakt spärlicher gewesen. Familie eben.

Die Adelsfamilie kennt den Prinz vom Tegernsee gar nicht

Eduard Prinz von Anhalt weist das scharf zurück. „Genannter Herr ist mir nie begegnet, und wahrscheinlich wird er sich hüten, mir zu begegnen“, schreibt das Oberhaupt der Askanier auf Anfrage unserer Zeitung. Der Name Anhalt-Dessau sei 1863 nach der Vereinigung aller anhaltischen Herzogtümer abgeschafft worden. Danach habe es nur noch „Anhalt“ gegeben.

Der Clan-Chef sieht zwei Möglichkeiten: Entweder habe sich „der AfD-Patient“ den Namen im Internet gekauft – dann dürfe er nicht im Pass stehen. Oder er habe ihn durch Adoption oder Scheinehe „erheiratet und erworben“, vermutet er. Der Prinz entschuldige sich, „dass ich nicht jeden falschen Anhalt kenne“. Man müsse von über 80 derartigen Fällen ausgehen. Auch beim Deutschen Adelsarchiv ist man ratlos. Ein Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau tauche nirgends auf.

Auch die Ausbildung des behaupteten Adligen wirkt mehr als frisiert. Er habe „Wirtschaftswissenschaften an der Höheren Wirtschaftsfachschule in Calw“ studiert, gibt er auf der Homepage des AfD-Kreisverbandes an. Seine „akademische Ausbildung“ habe er durch ein „Kunst-Studium“ an der Famous Art School International in München ergänzt.

Auf Nachfrage räumt von Anhalt Dessau ein: Abitur hat er gar nicht

Ein Anruf in Calw. Eine Hochschule mit akademischen Abschlüssen habe es hier „nie gegeben“, stellt Stadtarchivar Karl Mayer klar. Erst seit einigen Jahren gibt es eine kleine private Fachhochschule. Auf Nachfrage räumt von Anhalt-Dessau ein, gar kein Abitur zu haben. Das Studium wird zu einer Ausbildung an der „Spöhrerschen Handelsschule“, die es bis 1989 gab. Auch das Kunst-Studium entpuppt sich als längerer Kurs an einer inzwischen geschlossenen amerikanischen Fortbildungseinrichtung, die in den 70er-Jahren heftig in der Kritik stand – wegen mangelnder Qualität. Und in New York, bei Sotheby’s, war er nur Praktikant.

Aber was wäre ein Lebenslauf ohne soziales Engagement. Der Prinz holt groß aus: 2004 sei er in den „Johanniterorden St. John“ eingetreten, habe „eine führende Position für soziale Belange und das Flüchtlingswesen“ bekleidet. In seiner Bewerbung für die Bundestagskandidatur hatte er noch in Klammern „Malteser“ hinzugefügt. Fünf Jahre habe er auf Malta gelebt, sagt er. Man habe ihn zum Ritter geschlagen, zum Sonderbotschafter für Deutschland und Monaco ernannt. Ist das plausibel? Schwer zu sagen. Die Geschichte der Orden ist komplex, es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher und mehr oder weniger anerkannter Organisationen. In Deutschland kennt man den „Prinz“ indes weder beim Johanniter- noch beim Malteserorden.

Am Sonntag trifft sich die AfD Bayern in Greding zur Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl. Von Anhalt-Dessau will auf Platz 5 kandidieren. Es könnten einige Fragen auf ihn zukommen.

Rubriklistenbild: © dpa/fkn

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