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Pressestimmen zur Wahl in Frankreich: „Macron braucht langen Atem“

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Macrons Anhänger jubeln - doch nach dem Sieg gilt es für den künftigen Präsidenten Frankreichs, einige Probleme zu lösen.

München - Klar gesiegt, aber... - Viele Kommentatoren warnen vor der Herkulesaufgabe, die Emmanuel Macron als Sieger der Präsidentschaftswahlen nun zu bewältigen hat. Wir haben wichtige Pressestimmen zusammengestellt.

Zum Sieg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen meint die niederländische Zeitung „De Telegraaf“: 

„Macron will den stotternden französischen Motor - das Land bleibt schon seit Jahren hinter Deutschland und den Niederlanden zurück - unter anderem durch eine Verkleinerung das Staatsapparats und niedrigere Arbeitgeberabgaben wieder in Schwung bringen. Sollte es ihm gelingen, Frankreich gesünder zu machen, wird davon auch der Rest Europas profitieren. Natürlich braucht er dafür einen langen Atem. Doch allein schon mit seinem Sieg hat Macron ein drohendes akutes Problem aus dem Weg geräumt. Marine Le Pen hatte für Maßnahmen plädiert, die die EU erheblich geschwächt hätten: eine zumindest teilweise Rückkehr zum Franc, einen Rückzug vom Schengen-Abkommen, eine Steuer auf Importe. Auch die Niederlande als kleine offene Handelswirtschaft hätten die Nachteile zu spüren bekommen. Allerdings hat Macron auch europafreundliche Züge, die zum französischen Wunschtraum passen, mehr Macht in Brüssel zu konzentrieren. Damit entspricht er nicht dem Zeitgeist.“

„Tagesanzeiger“ (Schweiz): „Wenn er wirklich Reformen durchsetzen will, dann braucht er Koalitionen. Eine einfache Mehrheit bringt ihm nichts. Das mussten seine Vorgänger François Hollande und Nicolas Sarkozy erfahren. Beide haben trotz klaren Mehrheitsverhältnissen gar nichts erreicht. Zu streikerprobt sind die französischen Gewerkschaften, gegen ihren Willen lässt sich nichts verändern. (...) Genau diese Mechanismen muss Macron durchbrechen, wenn er ein erfolgreicher Präsident werden will, denn Frankreich muss Erfolg haben. Die Arbeitslosigkeit ist viel zu hoch. In den Vorstädten hat die Hälfte der Jugendlichen keinen Job, manche Familien leben seit Generationen von der Sozialhilfe. Vereinzelte radikalisieren sich, zünden Autos an, werden zu Terroristen.

Die Londoner „Times“: „Emmanuel Macrons Sieg bei der französischen Präsidentschaftswahl war überzeugend. Doch wenn der Konservative François Fillon die zweite Runde erreicht hätte, wäre Macrons Ergebnis niedriger ausgefallen. (...) Obwohl er ein ehemaliger Sozialist ist, stellte sich Macron dieser Wahl als Kandidat seiner eigenen neuen Partei, der Bewegung En Marche!. Das bedeutet, dass er bislang über keine Abgeordneten verfügt und zudem Schwierigkeiten haben dürfte, nach der Parlamentswahl im Juni eine Mehrheit zustande zu bringen. Die Niederlage von Marine Le Pen scheint für Erste darauf hinzudeuten, dass der Trumpsche Populismus seinen Höhepunkt überschritten hat. Insbesondere, da sie auf eine recht ähnliche Niederlage von Geert Wilders im März in den Niederlanden folgte. Jedoch muss Macron dem französischen Volk nun zeigen, dass er die Alternative ist, auf die es gewartet hat. Gelingt ihm das nicht, steht Marine Le Pen - oder vielleicht auch ein anderer Le Pen - bereit.“

„Zu erwarten ist viel taktisches Lavieren“

Die „Neue Zürcher Zeitung“ kommentiert: „Zuletzt hat doch noch die Vernunft gesiegt im Lande Descartes'. Manche hatten schon daran gezweifelt in diesem verrückten Wahlkampf voller Überraschungen. Jetzt steht fest: Emmanuel Macron ist der neue Präsident Frankreichs. Allerdings startet er als schwacher Präsident, aus persönlichen wie aus institutionellen Gründen.

Macrons Zielsetzungen und Überzeugungen scheinen merkwürdig unbestimmt - hat er überhaupt solche, mag man sich fragen. Viele Bürger haben ihn nicht gewählt, weil er sie mit seiner Person und seinem Programm hätte gewinnen können, sondern, weil sie die Gegenkandidatin ablehnten. Seine Anhänger hoffen jedoch, dass der neue Präsident mit seiner jugendlich wirkenden Frische einen politischen Neubeginn in Frankreich ermöglichen werde. (...) Der neue Präsident kann nicht mit einer soliden Mehrheit im Parlament rechnen, er wird auf Bündnisse angewiesen sein. Dabei zeichnen sich unklare Kräfteverhältnisse ab. Das öffnet ein weites Feld für parteipolitische Ränke. Zu erwarten ist viel taktisches Lavieren, strategisches Marschieren dürfte geradezu unmöglich sein.“

„The Guardian“ (London): „Jedes andere Ergebnis wäre eine europäische Katastrophe gewesen, und ausnahmsweise - Gott sei Dank - lagen die Meinungsumfragen richtig. Emmanuel Macron hat Marine Le Pen beiseite gefegt, um Frankreichs nächster Präsident zu werden. Herr Macron gewann sogar noch mit einem größeren Vorsprung, als die Umfragen beständig nahegelegt hatten: 65,1 Prozent zu 35,9 Prozent.(...) Aber sein Sieg ist eher ein Grund zur Erleichterung denn zur Freude. (...) Er hat nun fünf Wochen Zeit bis zur ersten Runde der Parlamentswahlen, die ihn zu einem präsidentiellen Gefangenen einer feindlichen Nationalversammlung in einer Kohabition machen könnten, die sich Frankreich kaum leisten kann. Letztlich besteht seine Herausforderung nun darin, Wahlkampf in Regieren und Slogans in Taten umzusetzen.“

"Le Figaro" (Frankreich): "Wir sollten uns nicht täuschen: Das Frankreich Macrons, dieses positive, dynamische, reformorientierte Land, das offen für Europa ist, existiert und es ist glücklich über seinen Sieg. Aber es repräsentiert in Wirklichkeit nur ein Viertel der Franzosen. Fast die Hälfte der Bürger zählt zu den Anhängern der Rechtspopulistin Marine Le Pen oder aber des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon. Sie stehen den Werten von Macrons Frankreich feindlich gegenüber."

„Jetzt muss er sich noch in die Rolle einfinden“

„Libération“ (Frankreich): „Am Ende hat ein bestimmtes Freiheitsideal überdauert. Dank dieser Wahl hat man gesehen, dass man dem Aufstieg des Nationalpopulismus widerstehen kann. Eine beispiellose Kampagne hat auf paradoxe Art geendet: ein Land, von dem man sagt, dass es überaltert, nostalgisch, abgeschottet und bitter ist, bringt einen Mann von 39 Jahren und ohne politische Vergangenheit an die Macht, der in Europa verliebt und von der Weite des offenen Meeres fasziniert ist. Ein junger Neuling ist der erste Mann Frankreichs: Jetzt muss er sich noch in die Rolle einfinden.“

„The Independent“ (Großbritannien): „Marine Le Pen hatte geprahlt, dass Frankreich dem triumphalen populistischen Vorbild des Brexits und des Sieges von Donald Trump folgen würde. Doch ihre harsche und negative Wahlkampagne, die auf Widerstand gegen die EU, gegen Immigration und gegen Elitendenken setzte und zugleich für einen aggressiven Nationalismus eintrat, wurde von den Wählern nachdrücklich zurückgewiesen. Stattdessen haben sie mit rund 66 zu 34 Prozent entschieden, die Macht in Zeiten innerer und äußerer Unsicherheiten in die Hände von Emmanuel Macron zu legen, einem früheren Rothschild-Banker, der die Unterstützung für die Europäische Union zu einem seiner zentralen Wahlziele erklärte. (...) Macrons Einzug in den Élysée-Palast wird sich in der Haltung widerspiegeln, die Brüssel nun in den zunehmend bitter werdenden Brexit-Gesprächen sowie gegenüber Washington einnehmen wird, wo die Trump-Administration die Europäische Union wiederholt schlechtgemacht hat, wenngleich die Kritik aus den USA in letzter Zeit gedämpfter ausfiel.“

dpa/AFP

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