„Trumpokratie“-Talk

„Anne Will“: Ein Trump-Befürworter auf verlorenem Posten

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Max Otte (zweiter von links) vertrat bei „Anne Will“ eine Pro-Trump-Position

Berlin - Anne Will leistete sich am Sonntag eine fast extravagante Idee: eine Pro-Trump-Stimme im TV-Talk. Wissenschaftler Max Otte hatte aber einen schweren Stand.

„Alles hat zwei Seiten“ lautet eine etwas abgegriffene Redensart. Aber es mag ja etwas dran sein: Wenn sich in einer Diskussion keine Gegenargumente regen, wird häufig einfach nur nicht weit genug gedacht.

Insofern hatte die Redaktion von Deutschlands sonntäglichem Polit-Talk, „Anne Will“, eigentlich eine ganz gute Idee: In die Runde zur Frage, ob die „Trumpokratie“ in den USA eine „Gefahr für die freie Welt“ sei, lud man sich auch einen Befürworter von Trumps Politik.

Es wurde sogar ein durchaus profilierter Mann. Der Wirtschaftswissenschaftler Max Otte hat immerhin einen Professorentitel in Betriebswirtschaftslehre inne - und als einer der wenigen, die die Finanzkrise 2008 vorhersagten, auch eine gewisse Reputation vorzuweisen. 

Allein: Mit seinen Argumenten zum Thema Trump stand Otte dennoch auf verlorenem Posten. Weder wirkte der Professor allzu überzeugt - mit den etwas verzagten Worten „ich werde hier die Perspektive des Trump-Wählers einnehmen“ stellte er sich vor. Noch konnte er gegen gleich vier Kontrahenten seine Positionen nachhaltig verteidigen.

Was der Trump-Befürworter der Runde vorbringt 

Beschäftigt war Otte - der bekannte: „ich hätte Trump gewählt“ - vor allem damit, die Poltereien und politischen Attacken seines Hoffnungsträger zu rechtfertigen. Der streitbare US-Präsident habe den Wahlkampf „fair gewonnen“, mit markigen Sprüchen gegen Mexikaner und andere Gruppen lediglich „Populismus“ und nicht „Rassismus“ walten lassen und in den ersten Wochen vor allem langfristig wenig schädliche „Symbolpolitik“ betrieben, erklärte Otte.

Zudem habe Trump eine beeindruckende Vereidigungsrede gehalten, sei dank seines privaten Vermögens unabhängiger als die einstige Kontrahentin Hillary Clinton - und sein Chefstratege Stephen Bannon eher „interessant“ denn gefährlich: „Mal schauen, ob er wirklich so diabolisch ist, wie wir ihn hier beschreiben.“ Er sehe zwar „Inkonsistenzen“ in Trumps Politik, glaube aber auch, dass der frischgebackene US-Präsident „lernt“, sagte BWL-Experte Otte. Von seinen Kontrahenten zu unterscheiden schien ihn vor allem ein gewisser Optimismus in Bezug auf Trumps Entwicklungspotenziale.

„Niemand steht über dem Recht. Auch nicht der Präsident“

Unwidersprochen stehen lassen wollte die Runde davon aber kaum etwas - angefangen bei der These vom fairen Wahlkampf. „Mexikaner als Vergewaltiger und Drogendealer zu bezeichnen und anzudrohen, Hillary Clinton ist Gefängnis zu stecken, das hat für mich nichts mit Fairness zu tun", sagte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Tatsächlich hatte Trump auch Angriffe unterhalb der Gürtellinie gefahren. Das räumte selbst Otte ein.

Große Sorgen bereitete den anderen Diskutanten Trumps markige Reaktion auf den von einem Bundesgericht verhängten vorläufigen Stopp seines Einreiseverbots. „Niemand steht über dem Recht. Auch nicht der Präsident“, erklärte der Historiker Heinrich August Winkler. „Trump wendet sich ab von den Gründungswerten der USA. Es ist eine Absage an die Menschenrechte, die Herrschaft des Rechts, die Demokratie, die Gewaltenteilung.“ 

Bedenkliches Vokabular

Als alles andere als „interessant“ bewertete der Geschichtsexperte auch die Rolle Stephen Bannons. Trumps wohl wichtigster Berater bewege sich „am alleräußersten Rand der radikalen Rechten“, sagte Winkler. Maas sagte, Bannons Ziel sei nicht etwa Sicherheit zu schaffen, sondern vor allem zu polarisieren - so sei der umstrittene Einreisestopp bereits jetzt willkommenes Propaganda-Material für den IS.

An einen Lerneffekt bei Trump wollte dann auch bestenfalls der FDP-Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff glauben - wobei selbst er im richterlichen Erlass gegen Trumps Dekret eine nötige „Blutgrätsche des Rechtsstaats“ sah, „gegen Trumps Anwandlungen, sich über den Rechtsstaat zu stellen“.

Europa als letzter Ausweg?

Substanzielle Erkenntnisse blieb die Runde allerdings schuldig. Angefangen bei Otte, der eben auch nicht erklären konnte, warum Trump mehr als nur ein geringeres Übel sein sollte - abgesehen von seinem Eindruck, der neue US-Präsident habe die Macht elitärer Zirkel in Washington durchbrochen. „Trumps Regierung besteht aus lauter Milliardären, die von Goldman Sachs und sonstwo kommen!“, entkräftete die Autorin Sylke Tempel dieses Argument.

Wie Deutschland auf Trump - oder auch rechtspopulistische Tendenzen im Allgemeinen - reagieren sollte, wusste die restlichen Teilnehmer aber auch nicht zu beantworten. Mit Volksabstimmungen und stabilen Beziehungen zu den USA solange „die rechtsstaatliche Basis“ gegeben sei, hatte auch Justizminister Maas nicht den Stein der Weisen parat.

Immerhin einen Anknüpfungspunkt hatte der Vertreter der Bundesregierung in der Runde dann aber doch noch in petto: Europa. „Es wird um die Frage gehen: Versucht jedes Land selbst am besten wegzukommen?“, sagte Maas. „Oder wird Europa erkennen, dass wir der größte Binnenmarkt sind? Denn damit kann man Politik machen."

fn

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