„Als hätte jemand geübt“

Spediteur trauert um Lkw-Fahrer - GPS-Daten mysteriös

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Ariel Zurawski zeigt ein Foto seines Fahrers.

Berlin - Ein Lkw raste auf einem Berliner Weihnachtsmarkt in eine Menschenmenge, zwölf Menschen starben. Der polnische Spediteur trauert um den Fahrer des Lasters. Die GPS-Daten geben Rätsel auf.

Update vom 7. April 2017: Erneuter Terroranschlag? In Stockholm ist ein Lkw in eine Menschenmenge gerast.

Update vom 21. Dezember 2016: Die Ereignisse vom Mittwoch lesen Sie im aktuellen News-Ticker zum Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin.

Ein Foto vom Ort des Anschlags in Berlin.

Bei der Tat im Herzen Berlins raste am Montagabend ein Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche und tötete mindestens zwölf Menschen. Weitere 49 Menschen lagen am Morgen zum Teil schwer verletzt in Krankenhäusern. Der für den Staatsschutz zuständige Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm die Ermittlungen.

Der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen fuhr laut Polizei gegen 20.00 Uhr auf einer Strecke von 50 bis 80 Metern über den Markt und zerstörte dabei mehrere Buden. Ein weiterer Mann, der auf dem Beifahrersitz saß, starb laut Polizei vor Ort. Er war Pole.

Polnischer Speditionsbesitzer bestätigt Tod seines Fahrers: „Foto ist sehr drastisch.“

Der eigentliche Fahrer des Lkw, der tot aufgefunden wurde.

Der Lastwagen gehörte einer polnischen Spedition, wie deren Eigentümer Ariel Zurawski dem polnischen Sender TVN 24 sagte. Seit dem Morgen stehen Journalisten vor Zurawskis Grundstück und warten, dass der Spediteur Details von seinem Verwandten erzählt, der mit dem Lastwagen Stahlkonstruktionen nach Berlin gebracht hatte. Der Fahrer, sein Cousin, sei seit etwa 16.00 Uhr am Montag nicht mehr zu erreichen gewesen. Für ihn könne er die Hand ins Feuer legen, dass er kein Attentäter sei. „Ihm muss etwas angetan worden sein“, mutmaßte er. „Als ich die Nachricht bekam, dass mein Wagen abends durch Berlin gefahren ist, habe ich gewusst, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.“ Eigentlich sollte sein Fahrer zu diesem Zeitpunkt pausieren.

Mittlerweile hat Zurawski, dem insgesamt acht Lastwagen gehören, den Tod seines Fahrers bestätigt. Er habe seinen Cousin auf einem Polizeifoto identifiziert, sagte er im polnischen Fernsehen. „Das Foto ist sehr drastisch.“ Er habe es zunächst nicht sehen wollen. Der Frau des Lkw-Fahrers, die am Montag als letzte gegen 15.00 Uhr mit ihrem Mann telefonisch gesprochen haben soll, wurde es demnach nicht gezeigt. In den Stunden vor der Tat war der Pole nicht mehr zu erreichen. „Er war ein guter Fahrer, einer der letzten guten auf dem Markt“, sagte Zurawski. „Wenn er am Samstag zwei Bier getrunken hat, ist er am Sonntag nicht in den Wagen gestiegen.“ 

Die Familie ist erschüttert. Der Vater seines Cousins musste noch am Abend ins Krankenhaus eingeliefert werden, dort erhält er starke Beruhigungsmittel, wie Zurawski erzählt. Sein Cousin hinterlässt einen 17-jährigen Sohn und eine Frau.

Rätselhafte GPS-Daten: „Als hätte jemand geübt“

Der Lastwagen hatte Stahlkonstruktionen aus Italien nach Berlin transportiert, berichtete Zurawski. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt. Die Berliner Polizei teilte dagegen mit, es bestehe der Verdacht, dass der Sattelschlepper in Polen von einer Baustelle gestohlen worden sei.

Der tot aufgefundene Pole saß nach vorläufiger Einschätzung der Polizei nicht am Steuer. "Der im Lkw tot aufgefundene Mann steuerte nach bisherigen Erkenntnissen nicht den Lkw", als dieser in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren sei, teilte die Polizei am Dienstag über Twitter mit.

Ein Vertreter des Lkw-Unternehmens hat zudem die Vermutung geäußert, dass jemand am Montag mehrfach geübt hat, das Fahrzeug zu starten. Der leitende Speditionsmitarbeiter Lukasz Wasik sagte dem Internetportal money.pl, jemand habe den Laster am Montag mehrfach gestartet. "Es ist, als hätte jemand geübt, ihn zu fahren", sagte Wasik.

Drei Startversuche vor der Fahrt zum Weihnachtsmarkt

Eigentlich habe der Laster am Montag stehen bleiben sollen, um auf seine Entladung am Dienstag zu warten, führte Wasik aus. Nach den von ihm überprüften GPS-Daten aus dem Lastwagen habe jemand aber um 15.44 Uhr den Motor gestartet und weitere Male um 16.52 Uhr und um 17.37 Uhr. Der Lastwagen sei aber nicht weggefahren. Um 19.34 Uhr habe sich der Lkw aber dann in Gang gesetzt - eine knappe halbe Stunde, bevor er in den Weihnachtsmarkt krachte.

Nun berichten polnische Medien, dass der Lastwagen am Montagnachmittag in Berlin entführt worden sein könnte. Bei den drei Starts am Nachmittag könnte es sich demnach um Versuche eines mutmaßlichen Entführers gehandelt haben, den Lkw zu steuern.

Polizei schaltet Portal für Augenzeugen-Aufnahmen frei

Die Polizei schaltete ein Portal frei, über das Augenzeugen des möglichen Anschlags in Berlin Fotos und Videos hochladen können. Zuvor hatte die Polizei gebeten, kein Bildmaterial über Soziale Medien zu verbreiten oder es per Twitter an die Behörden zu senden. Auf Handy-Fotos und -Videos könnten Hinweise zu sehen sein, die den Ermittlern bei ihrer Arbeit helfen.

Bei einem Anschlag im Juli in Nizza waren 86 Menschen ums Leben gekommen, als ein Terrorist mit einem Lastwagen über die Uferpromenade der Mittelmeermetropole fuhr. Für den Anschlag hatte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung übernommen.

Wir berichten vom Anschlag in Berlin in einem News-Blog mit allen aktuellen Informationen.

dpa/AFP

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser