Tausende gedenken der Opfer

Stolz und solidarisch: Manchester stemmt sich gegen den Terror

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Viele können noch immer nicht verstehen, wie ein Terrorist mit einer Bombe mindestens 22 Menschen mit in den Tod reißen konnte. Hier in Manchester. Einfach so. Das will die stolze Stadt nicht zulassen.

Manchester - Zu Tausenden sind die Bürger von Manchester auf dem Albert Square im Herzen ihrer Stadt zusammengekommen, um der Opfer des Anschlags zu gedenken. Und weil sie dem Terrorismus die Stirn bieten wollen. Weil sich Manchester so etwas nicht gefallen lässt.

Ein Attentäter hatte am Montagabend nach einem Popkonzert in der Arena eine Bombe gezündet und mindestens 22 Menschen mit in den Tod gerissen. Fast 60 weitere wurden verletzt, manche lebensgefährlich, darunter viele Teenager. Das jüngste Opfer, das bisher identifiziert wurde, war gerade mal acht Jahre alt. Auch für dieses kleine Mädchen sind die Menschen hier.

„Ich will meine Solidarität mit den Menschen hier in Manchester zeigen“, sagt die 79-jährige Rentnerin Jennifer Wilson. Die 56-jährige Nicky Burchill, die neben ihr auf der Bank sitzt, hat Blumen mitgebracht. Die habe ihr eine Verkäuferin geschenkt, um sie am Albert Square niederzulegen.

Alle aktuellen Informationen zu dem Anschlag in Manchester lesen Sie hier in unserem News-Ticker.

Manchester müsse zeigen, dass sich die Stadt nicht unterkriegen lässt, findet auch der 49 Jahre alte Shaun, der seinen Nachnamen nicht nennen will. „Das ist nicht die Reaktion, die diese Person wollte“, meint er mit Bezug auf den mutmaßlichen Attentäter. Den identifizierten die Ermittler eigenen Angaben zufolge am Nachmittag als den 22-jährigen Salman Abedi. Da waren noch nicht alle Namen seiner Opfer bekannt.

Die Halle, in der das Unglück geschah, bleibt vorerst weiträumig abgesperrt. Das graue Gebäude ist riesig - und doch irgendwie unscheinbar, wie es etwas versteckt hinter dem Victoria-Bahnhof liegt.

Am Morgen nach der Tat waren viele Einwohner der Halb-Millionen-Stadt im Norden Englands noch fassungslos. „Ich konnte es nicht glauben. Meine Tochter geht oft in die Arena. Meine Frau war erst am Freitag da“, sagt ein Vater. Der 20-jährige Connor Bain und seine Schwester Rachel (17) aus dem schottischen Glasgow waren dabei, als die Bombe explodierte. Sie hätten im mittleren Bereich gesessen - mit gutem Blick auf die Bühne, erzählen sie. Alle hätten nur schnell raus gewollt. Binnen Minuten seien Polizei und Rettungskräfte da gewesen. „Alles ging ganz schnell“, erzählt Rachel.

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Rund um den Ort des Geschehens sind den ganzen Tag über Journalisten und Kameraleute unterwegs. Dabei gibt es nicht viel zu sehen. Kein Blick in das Foyer, wo die Bombe hochgegangen sein soll. Keine sichtbaren Reste der Gewalt. Auch das genaue Motiv des Täters ist noch unklar. War es ein Islamist? Handelte er allein oder als Teil einer Gruppe? Den Fragen geht die Polizei nun akribisch nach.

Solidaritätsaktionen in der Nacht

Unter den Opfern sind viele Kinder und Jugendliche. „Ich stelle mir nur vor: Was, wenn meine Tochter dabei gewesen wäre?“, sagt Natalie Lowe (48). Mit „Business as usual“ sei es nun vorbei, das Ereignis werde nachwirken. Aber Manchester habe einen guten Gemeinschaftssinn. Die Stadt werde das schaffen.

Das war auch 1996 so, nach einem verheerenden Bombenanschlag der Terrorgruppe IRA. Damals waren große Teile der Innenstadt abgesperrt und mussten wieder hergerichtet werden.

Die große Solidarität der „Mancunians“, wie die Einwohner der Stadt heißen, war auch in der Nacht zu sehen. Direkt nach dem Unglück boten viele über den Hashtag #roominmanchester spontan Unterkünfte für Opfer an. Viele der Konzertbesucher wohnten auch im Park-Inn-Hotel gegenüber der Arena. „Wir tun alles, was wir können, um unsere Gäste und Bürger zu unterstützen, die von dieser Tragödie betroffen sind“, sagt Hotelmanager Ludwig Duweke.

„Draußen waren viele Teenager, die weinten“

Der Schock steckt auch Daisy Liu (24) noch in den Knochen. Sie arbeitet für ein kulturelles Austauschprojekt mit China und wohnt im Neubaugebiet des Green Quarter, dem Grünen Viertel, wie viele andere junge Leute. Von ihrer Wohnung aus konnte sie die Explosion hören. „Es hörte sich ein bisschen an wie Donner“, sagt sie. „Und es roch wie Feuerwerk.“ Rausgehen wollte sie aber nicht. Man wisse ja nie, ob es gefährlich sei, erklärt die junge Frau. Draußen seien jede Menge Leute gewesen. Und viele Teenager, die weinten.

Bei der Gedenkveranstaltung an diesem sonnigen Dienstagabend ist die Stimmung erst noch gedrückt. Junge Paare halten sich traurig umschlungen. Ein kleines Mädchen mit einer Schleife im Haar klammert sich eng an seinen Vater, der es auf dem Arm hält. Hier und da vernimmt man leises Schluchzen. Aber dann schlägt die Stimmung um.

„Wir werden allen Terroristen trotzen“, sagt Bürgermeister Eddy Newman vorn auf der Tribüne. Die Botschaft ist in allen Reden dieselbe: Wir sind Manchester, Liebe ist immer stärker als Hass. Mit jedem Redner dreht sich die Stimmung ein bisschen weiter - bis am Ende Jubelrufe erklingen, Sprechchöre sogar. Es wird geklatscht. Diese Stadt will sich nicht einschüchtern lassen.

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