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Antisemitismus-Doku von Arte ist online: Darum geht‘s im Streit

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Epizentrum eines heiklen Streits: Der Arte-Hauptsitz in Straßburg

Eine TV-Doku über Antisemitismus - eigentlich ein wichtiges Projekt. Der Sender Arte hält einen fertigen Film dennoch zurück. Dafür zeigt ihn nun die Bild. Trotz rechtlicher Risiken.

Berlin/Straßburg - Der Kampf gegen Judenhass sollte - wohl mehr noch als gegen alle anderen pauschalen Ressentiments gegen Bevölkerungsgruppen - in Deutschland eigentlich ein unstrittiges Ziel sein. Trotzdem ist nun ausgerechnet eine TV-Doku über Antisemitismus zum Zankapfel geworden: Die öffentlich-rechtlichen Sender WDR und Arte hatten den Film „Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa“ in Auftrag gegeben. Derzeit wollen sie ihn aber nicht ausstrahlen. 

Am Dienstag hat der Zwist eine unerwartete Wendung erfahren: Nachdem der Film drohte, in der Schublade zu verschwinden, stellt ihn nun die Bild-Zeitung 24 Stunden lang auf ihrer Homepage zur Verfügung. Auch, damit die Bürger „sich ein Urteil bilden können“, wie das Blatt betont. Und wohl auch trotz rechtlicher Risiken - denn augenscheinlich liegen die Erstausstrahlungsrechte weiter bei Arte.

Worum geht es in dem Streit eigentlich? Und warum begrüßen viele Kommentatoren die Entscheidung der Zeitung? Ein Überblick:

Die Vorgeschichte: 

Bereits 2013 hatte die Firma des Münchner Film-Produzenten Joachim Schröder für die ARD die Reportage „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“ geliefert. Im April 2015 bewilligte der deutsch-französische Sender Arte - Berichten zufolge nur mit knapper Mehrheit in seinen Gremien - ein Nachfolgeprojekt: Eine Doku zum Thema „Antisemitismus in Europa“, verantwortet von Schröder, der Autorin Sophie Hafner und dem Publizisten Ahmad Mansour.

Ende 2016 nahm die beim WDR für Arte zuständige Redakteurin Sabine Rollberg  - frühere Frankreich-Korrespondetin der ARD und Professorin für Film und Fernsehen - die fertige Dokumentation ab, wie die Welt berichtet. Seither schlummerte die Doku aber im Giftschrank; die Arte-Programmdirektion lehnte den Film ab, wie Programmchef Alain Le Diberder in einem offenen Brief mitteilte. Zuvor seien Einwände am fertigen Film vom WDR und den Machern nicht berücksichtigt worden.

Der Eklat:

Bereits seit Wochen wird über die Nichtausstrahlung des Films gestritten - mit wachsender Intensität. Bereits Anfang Mai hatte der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung gerügt, die Senderchefs begingen Zensur, wenn sie die fertige Dokumentation nicht ausstrahlten. Unterstützung erhielt er später von seinem Kollegen Michael Wolffsohn.

Ab Anfang Juni wurde das Thema verstärkt von den Medien aufgegriffen. Am vergangenen Mittwoch schaltete sich auch der Zentralrat der Juden ein. Der Präsident des Zentralrates, Josef Schuster, wandte sich in einem Brief an Arte-Präsident Peter Boudgoust und bat, die Entscheidung zu überdenken. Den Film zu zeigen, entspreche dem Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender.

So rechtfertigen sich Arte und WDR:

Kurz gefasst erklärte Programmchef Alain Le Diberder, die Macher des Films hätten nicht das abgesprochene Produkt geliefert. Bestellt gewesen sei eine Doku über Antisemitismus in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Schweden und Ungarn. Der fertige Film befasse sich aber vor allem mit dem Nahen Osten. Darunter leide auch die „Ausgewogenheit des Projekts“.

„Programme müssen sich in eine editoriale Linie einfügen. Diese kann nicht vom Produzenten eigenmächtig verändert werden“, erklärte Le Diberder. Dabei gehe es nicht um Formalismus, sondern um „eine notwendige Verfahrens­entscheidung, die die editoriale Verantwortung und Qualität sichert“.

Der WDR betonte wiederum, er könne den Film aufgrund der Rechtelage nicht einfach selbst ausstrahlen - und fügte noch Grundsatzkritik an: Die Doku enthalte „zahlreiche Ungenauigkeiten und Tatsachenbehauptungen, bei denen wir die Beleglage zunächst nachvollziehen müssen“, teilte der Sender vergangene Woche mit. Die Abnahme des Films habe offenbar „nicht den üblichen in unserem Haus geltenden Standards entsprochen“.

Das sagen die Kritiker der Nicht-Ausstrahlung:

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, schrieb in einem Brief an Arte, der Sender befinde sich auf einem „gefährlichen Irrweg“. „Als jüdische Menschen und Gemeinden spüren wir seit Jahren das Erstarken der antijüdischen Ressentiments in allen gesellschaftlichen Ebenen und Milieus“. Auch deshalb sei die Ausstrahlung wichtig.

Der Historiker Götz Aly verteidigte den Film und betonte, die Doku beziehe ihre „Kraft aus intensiver Recherche und wechselnden Perspektiven“. „Wir haben viele Stimmen. Wir haben viele antisemitische Stimmen und wir haben viele Expertenstimmen und wir haben Stimmen von Opfern. Ich weiß gar nicht, was der Vorwurf soll", sagte Autor Schröder in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Die beiden vermuten andere Hintergründe für das Schicksal des Films. So schrieb Aly, ihm seien mündlich andere Begründungen zugetragen worden: „Der Film ist eine Provokation“; „er schüttet Öl ins Feuer“; „er kann angesichts der Terrorlage in Frankreich nicht gezeigt werden“. Auch Schröder mutmaßte, dass vor allem der französische Teil der Arte-Entscheider Angst davor habe, der Film könne die muslimische Bevölkerung provozieren.

Arte weist das übrigens entschieden zurück: „Die Unterstellung, der Film passe aus politischen Gründen nicht ins Programm ist schlichtweg absurd“.

Warum die Bild-Zeitung nun Lob bekommt:

Viele Kommentatoren begrüßen nun den Schritt der Bild-Zeitung, die Doku doch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Medien-Webseite Meedia lobte eine „mutige Aktion“, der Kölner Stadtanzeiger eine „verdienstvolle Entscheidung“: Die Doku sei tatsächlich unausgewogen - „weil sie entschieden gegen den Antisemitismus Partei ergreift“.

Der Kern ist aber wohl ein anderer: Schon zuvor hatte eine dpa-Redakteurin, die den Film vorab gesehen hatte, konstatiert, es ließe sich durchaus diskutieren, ob die Doku „zu unausgewogen“ oder „zu provokativ“ sei. Nur: „Dafür müsste man den Film sehen können.“ Nun ist es soweit. Und sogar Arte scheint nichts dagegen zu haben: „Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat Arte keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann“, teilte der Sender am Dienstag mit.

Warum Sänger Xavier Naidoo unlängst Antisemitismus vorgeworfen wurde, das erfahren Sie in diesem Artikel.

fn

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