Regierungsland in Bauernhand

Landwirte aus Bayern bei Demo in Berlin: Sie nahmen viel auf sich, um Protest zu unterstützen

Bauernprotest in Berlin
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Großdemo in Berlin: Tausende Landwirte aus der ganzen Republik parken ihre Traktoren auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Die Teilnehmer aus Bayern haben eine stundenlange Anfahrt hinter sich.

Tausende Landwirte demonstrieren im Berliner Regierungsviertel gegen schärfere Umweltauflagen und für gesellschaftliche Anerkennung ihres Berufsstandes. Auch viele bayerische Bauern sind dabei.

  • Am Dienstag protestierten rund 40 000 Landwirte aus der ganzen Bundesrepublik in Berlin.
  • Sie demonstrieren gegen das Agrarpaket der Bundesregierung.
  • Landwirte aus Bayern waren teils einen ganzen Tag unterwegs, um an der Demo teilzunehmen 

Berlin – Um 3.45 Uhr in der Früh hat Johannes Hofmann mit seinem mächtigen Traktor den Platz an der Westseite des Brandenburger Tores erreicht. Etwa acht Stunden zuvor ist der 21-jährige Junglandwirt aus dem mittelfränkischen Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim zu der über 500 Kilometer weiten Tour in die Hauptstadt aufgebrochen. Mit „Wut im Bauch“ über die Agrarpolitik, vor allem über das kürzlich vorgestellte „Agrarpaket“, das deutlich schärfere Umweltauflagen für die Bauern vorsieht.

Bauerndemo in Berlin: 40 000 Teilnehmer mit 8600 Traktoren

„Wir sind nach Berlin gefahren, weil es um unsere Existenz geht“, sagt der Ackerbauer. 40 000 Berufskollegen, so die Veranstalter von der Initiative „Land schafft Verbindung“, nehmen mit 8600 Traktoren gewissermaßen Berliner Regierungsland friedlich in Bauernhand. Zumindest für einen Tag. Es folgt eine mehrstündige, laute Protestkundgebung in Sichtweite zum Bundestag. Im Parlament wird zur gleichen Zeit der Etat des Landwirtschaftsministeriums diskutiert und verabschiedet.


Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) stellt sich nach der Sitzung unerschrocken den Vorwürfen der Landwirte. Sie wird mit Pfiffen und lautem Hupen empfangen. Sie komme als ehemalige deutsche Weinkönigin auch aus der Landwirtschaft. Und das Traktorfahren habe sie schon erlernt, bevor sie den Führerschein hatte, versucht die CDU-Politikerin den Brückenschlag. Klöckner lobt den gerade beschlossenen Rekord-Etat von fast sieben Milliarden Euro für die deutsche Landwirtschaft, was jedoch nicht mit Beifall quittiert wird. Und mehrfach betont sie: „Ich trete gerne in den Dialog mit Ihnen.“

Die Ministerin überrascht kurz darauf mit einem zweifachen Gesprächsangebot: Schon für den 2. Dezember lädt sie 40 bäuerliche Vereinigungen zu einem dreistündigem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt ein. Außerdem will sie ein bundesweites „Dialogforum Landwirtschaft“ ins Leben rufen. Da rührt sich zaghafter Beifall im weiten Rund vor dem Brandenburger Tor.

Düngeverordnung und Umweltauflagen in der Kritik

Die seit 2017 bestehende Düngeverordnung und neu geplante Umweltauflagen sind Steine des Anstoßes, weswegen der Milchbauer Andreas Lang, 38, aus Ruhpolding auf die rund 700 Kilometer weite Fahrt nach Berlin gegangen ist. Vieles von dem, was in Brüssel und Berlin ausgedacht worden sei, könne er auf seinen Hangflächen überhaupt nicht realisieren, sagt der Nebenerwerbslandwirt.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner im Gespräch mit einem Teilnehmer.

Berufskollege Johannes Hofmann, 21, aus Mittelfranken rechnet vor, dass die Beschränkungen bei der Düngerausbringung zu Ernteeinbußen von 20 bis 30 Prozent führten. Klöckners Gesprächsangebot an die Adresse der Landwirte findet er gleichwohl gut.

Lesen Sie dazu einen Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis: Demonstration in Berlin: Der Hilfeschrei der Bauern

Auf mehreren Transparenten wird indes gewarnt: „Ist der Bauer ruiniert, wird dein Essen importiert.“ Auch die Ministerin hat die Warnungen gesehen. Sie lobt den Berufsstand mehrmals über den grünen Klee. „Wir können auf die Landwirtschaft nicht verzichten. Sie sind systemrelevant. Der Dialog muss das ganze Jahr und auch in den Städten geführt werden. Sie haben es satt, aus städtischer Perspektive belehrt zu werden, wie Landwirtschaft auszusehen hat“, sagt sie. Auf der anderen Seite sei es von Einzelhandelsunternehmen „unanständig“, wenn die etwa Hähnchenfleisch für 15 Cent je 100 Gramm verramschten.

Kaniber: „Mehr Tierwohl und Umweltschutz gibt es nicht zum Nulltarif“

Klöckner spricht sich zugleich dafür aus, Leistungen der Bauern, etwa für den Schutz von Insekten und den Klimaschutz, angemessen zu honorieren. Die bayerische Ministerkollegin Michaela Kaniber (CSU) stößt ins selbe Horn: „Mehr Tierwohl und Umweltschutz gibt es nicht zum Nulltarif. Landwirte brauchten verlässliche Rahmenbedingungen, um eine Zukunftsperspektive für ihren Betrieb und ihre Familie zu haben“, sagt sie unserer Zeitung.

Von Antdorf nach Berlin: Martin Huber ist 26 Stunden Traktor gefahren. 

Auch Martin Huber hat den weiten Weg nach Berlin gewagt. Er steht kurz vor dem Brandenburger Tor und sagt: „Mir san echt die Tränen kommen, als wir am Ortsschild von Berlin vorbeigefahren sind.“ Huber betreibt einen Milchvieh-Betrieb in Antdorf im Kreis Weilheim-Schongau. 26 Stunden lang ist er mit seinem Traktor durchgefahren. „Höchstgeschwindigkeit 43,9 km/h“, so Huber.

Den Landwirt hat die Wut nach Berlin getrieben. „Jeder braucht uns drei Mal am Tag! Ohne uns Bauern gibt’s nix zum Essen! Aber die Leut schauen beim Einkaufen nur auf den Preis. 30 Prozent Bio-Anteil? Das ist ein Witz, was die Politik da will – die Biobauern kriegen ja ihre Milch jetzt schon nicht los!“

Huber betreibt einen konventionellen Betrieb, geht aber mit seinem modernen Laufstall weit über die gesetzlichen Anforderungen in Sachen Tierwohl hinaus. Aber diese Annehmlichkeiten für die Tiere wie etwa eine Kuhdusche kosten viel Geld – und der Verbraucher sei nicht bereit, dafür zu bezahlen. Die Milchpreise stagnieren seit 30 Jahren. Huber fühlt sich auch von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verraten. „Es war gut, dass er den Runden Tisch gemacht hat – aber da sind Sachen ausgemacht worden, die dann nicht gekommen sind!“

Den Bauern ärgert beispielsweise, dass beim Thema Nitrat im Wasser nur auf die Gülle geschaut wird: „Die vielen undichten Kanäle werden ignoriert, auch die notwendige Modernisierung der Kläranlagen wird nicht angegangen, weil es zu teuer wäre, wie mir ein Landtagsabgeordneter ganz offen gesagt hat. Es geht allein gegen uns Bauern.“

Für Huber hat sich die Fahrt nach Berlin in jedem Fall gelohnt: „Es berührt mich tief, wenn Kinder am Straßenrand uns zuwinken oder Lkw-Fahrer uns zur Begrüßung anhupen – es gibt natürlich auch grantige Autofahrer. Aber unsere Botschaft ist angekommen!“

REINHARD ZWEIGLER/KLAUS RIMPEL

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