Harter Tobak für US-Präsident

Vergleich mit Watergate: So gerät Trump in die Defensive

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Gibt sich weiterhin siegesgewiss: US-Präsident Donald Trump lässt sich offensichtlich nicht von den Aussagen Comeys verunsichern.

Krisenstimmung im Weißen Haus: Der gefeuerte FBI-Chef James Comey lässt an US-Präsident Donald Trump kein gutes Haar. Auch Justizminister Jeff Sessions gerät ins Zwielicht.

Washington - Würde Donald Trump die Medien nicht als "Feind" sehen und gelegentlich zur Washington Post greifen, hätte er am Donnerstag kurz vor dem Kongress-Auftritt seiner Nemesis James Comey folgende Aussagen vom früheren "Watergate"-Staatsanwalt Philip Lacovara lesen können: Die bisher bekannten und vom früheren FBI-Chef Comey in einem Bericht für den Kongress bereits am Mittwoch vorgelegten Beweise seien ausreichend, um von einem Fall von strafbarer Justizbehinderung durch den Präsidenten zu sprechen. Eine solche Art von Intervention in eine laufende Untersuchung sei "nicht seit den Tagen von Richard Nixon und Watergate" im Jahr 1973 gesehen worden.

Das war ganz harter Tobak für Trump und seine Getreuen, die am Tag der live von den großen TV-Sendern übertragenen zweieinhalb Stunden langen Comey-Befragung eine Art Wagenburg bildeten und die sich mit dem Umstand abfinden mussten, dass erstmals der Präsident nicht alle Scheinwerfer auf sich zog. Stattdessen ist es mit dem 56-jährigen Comey ein Zeuge, der Trump mit aller Härte und gnadenlos attackiert: Die Regierung habe beschlossen, ihn zu diffamieren. Und Trump habe Lügen verbreitet, was seine Entlassung und den Zustand des FBI angeht.

Kommentar zum Fall Comey: Der beschädigte Präsident

Trump setzt auf business as usual

Allein fünf Mal fiel das Wort "Lügner". Ob Trump dies am Donnerstag persönlich gehört hat? Der Präsident werde arbeiten und dann an einer Konferenz von Konservativen teilnehmen, hieß es im Weißen Haus: Business as usual lautete die Devise. Einige Unterstützer Trumps schossen in Richtung Comey zurück - mit Meinungen wie diesen: Der ehemalige FBI-Direktor sei nichts anderes als ein unzufriedener Ex-Staatsangestellter, der gerne das Rampenlicht suche. Warum also die ganze Aufregung? Und warum solle man Comey überhaupt glauben?

Die hunderte von Bürgern und Reportern, die schon in der Nacht für die nur 90 Zuschauer-Sitze im Senatssaal anstanden, sahen dies aber offensichtlich anders - wie auch einige Bars in der Hauptstadt, die schon am Morgen für ein "public viewing" öffneten. Denn der politische Sprengstoff der Befragung war enorm - mit sich aufdrängenden Fragen nach dem Drama: Wird Justizminister Jeff Sessions zu halten sein, über den Comey bislang noch nicht enthüllte Informationen in Sachen Moskau-Kontakte zu haben scheint? Wird Sonderermittler Robert Mueller die tagebuchartig formulierten Comey-Erinnerungen als Grund für erstmalige offizielle Ermittlungen gegen den Präsidenten sehen? Und wird dann auch die so umstrittene Frage aufkommen, ob ein amtierender Präsident überhaupt angeklagt werden kann?

Im Scheinwerferlicht: Ex-FBI-Chef James Comey schreitet vor den Untersuchungsausschuss.

Trump-Anwalt während Anhörung im Weißen Haus

Trumps persönlicher Anwalt Marc Kasowitz saß am Donnerstag während der Comey-Befragung im Weißen Haus - ein deutliches Zeichen der Krisenstimmung. Nach der Anhörung verteidigte Kasowitz dann im "National Press Club" vehement den Präsidenten: Trump habe von Comey niemals "Loyalität" gefordert oder ihn angewiesen, eine Untersuchung zu beenden. Comey habe vielmehr erneut bestätigt, dass es keinen Hinweis darauf gebe, dass Russland auch nur eine einzige Stimme bei der Wahl verändert habe. Und: Der frühere FBI-Chef gehöre nun zu jenen "Leakern", die Medien wie die New York Times mit Indiskretionen versorgen würden.

Trotz dieser Gegenoffensive: Comey lieferte jedenfalls am Donnerstag bei "Washingtons politischer Super-Bowl" (“CNN“) erneut genug und weitere Hinweise, um Trump in ein extrem schlechtes Licht zu rücken. Die insgesamt neun von Comey festgehaltenen Interaktionen mit Trump, oft schnell im Auto nach den Treffen in einen Laptop niedergeschrieben, zeichnen wie in einem "House of cards"-Drehbuch das Bild eines mal subtil, mal ganz offensichtlich auf ein Ende des "Russland-Dings" (Trump) und der Untersuchung gegen seinen Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn drängenden Präsidenten - ungeachtet der Tatsache, dass das FBI stets unabhängig und unbeeinflusst vom Weißen Haus handeln soll.

Lügen-Vorwurf: Comeys Aussagen treffen Trump wie Hammerschläge

„Schockierende“ Einfluss-Versuche durch Trump

Comey war sich am Donnerstag dann auch ziemlich sicher ("Ich muss ihn doch bei seinen Worten nehmen"), dass Trump ihn entließ, um sich damit auch bei den Russland-Ermittlungen Luft zu verschaffen. Die Frage, warum er denn nicht den Präsidenten bei dessen "schockierenden" (Comey) Einfluss-Versuchen sofort zurechtgewiesen habe, beantwortete Comey auch mit dem Hinweis auf die Situation und die Machtverhältnisse. Einem Präsidenten ganz offen und ins Gesicht widersprechen? "Ich weiß es nicht, vielleicht war ich ein bisschen erstaunt," so Comey. Und: "Das kam mir nicht in den Sinn."

Comeys Auftritt vor dem Ausschuss zum Nachlesen im Ticker

Dass er von Beginn an die brisanten Konversationen mit Trump niederschrieb, erklärt der Kronzeuge gegen den Präsidenten auch mit der Persönlichkeit Trumps, den er nicht für vertrauenswüdig hält. Er sei nach einem ersten Treffen mit Trump besorgt gewesen, dass dieser den Inhalt der Unterredung "falsch repräsentieren" werde. Diese umfangreichen Notizen liegen mittlerweile beim Sonderermittler Robert Mueller. Und ihm obliegt es am Ende auch, über eine Strafbarkeit zu urteilen. "Diese Frage sollte anderen überlassen werden," wich Comey dieser so wichtigen Schlussfolgerung aus. "Sehr beunruhigend" sei das Verhalten des Präsidenten aber auf jeden Fall gewesen.

Insider verrät pikantes Detail: Ist Trumps Ehe am Ende?

In einem Punkt machte sich Comey am Donnerstag angreifbar: Als er einräumte, seine Gesprächs-Notizen über einen befreundeten Professor der New York Times zugespielt zu haben. Er sah dies als einzigen Weg, einen Sonderermittler zu erzwingen, weil er dem Justizminister nicht traute. Aber warum ließ Comey nicht den Fakt durchsickern, dass der Präsident damals nicht Gegenstand einer FBI-Untersuchung war? Das Trump-Lager dürfte - das zeigten am Donnerstagabend die ersten Reaktionen - sich auf diese Punkte festbeißen.

Stellt sich der Presse: Trump-Anwalt Marc Kasowitz wehrt sich gegen die Vorwürfe gegen den US-Präsidenten.

von Friedemann Diederichs

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