Experte erklärt Hintergründe

Darum begann die öffentliche Fahndung nach Anis Amri so spät

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Seit Mittwoch wird öffentlich nach Anis Amri gefahndet

Erding - Erst 40 Stunden nach dem Anschlag von Berlin begann die öffentliche Fahndung nach Anis Amri. Mögliche Hintergründe erklärt ein erfahrener Ermittler.

Für einige Beobachter war es Grund zum Stirnrunzeln: Am Montagabend ereignet sich ein schwerer Anschlag im Herzen Berlins - aber erst rund 40 Stunden später beginnt die öffentliche Fahndung nach dem Mann, dessen Papiere im Tatfahrzeug lagen.

Eine auf den ersten Blick irritierend lange Zeitspanne, angesichts eines eigentlich offensichtlichen Hinweises auf den möglichen Täter. Um eine Ermittlungspanne muss es sich deswegen allerdings nicht gehandelt haben - zumindest aus der Sicht anderer Ermittler: Robert Krieger, der bayerische Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), hält den Ablauf der Täter-Suche für erklärbar, wie er unserer Redaktion auf Anfrage erklärt.

Viele Gründe für späte öffentliche Fahndung

Krieger, selbst lange Jahre als Ermittler bei der Kripo Erding tätig, sieht mehrere Gründe für die relativ lange Vorlaufzeit der öffentlichen Fahndung - von Sorgfaltspflichten der Behörden, über rechtsstaatliche Vorgaben bis hin zu ganz praktischen Problemen. „Es gibt zumindest nichts von außen Erkennbares, was falsch gelaufen wäre“, urteilt er.

Spurensuche kann nicht sofort beginnen

So könne es zunächst einige Zeit gedauert haben, bis überhaupt eine gründliche Suche nach Spuren beginnen konnte, sagt Krieger. „Bei so einem Ereignis haben sie erstmal eine Chaos-Phase“, berichtet er. Spurensicherer könnten nicht „sofort schalten und walten“: „Bei so vielen Toten und Verletzten dauert es, bis man rankommt.“

Alle aktuellen Entwicklungen bei den Ermittlungen zum Anschlag von Berlin erfahren Sie in unserem News-Blog

Im konkreten Fall sei ein anderer Faktor erschwerend hinzugekommen: Die - mutmaßlich - falsche Spur zu dem zunächst festgenommenen Mann. Es sei durchaus verständlich, dass die Ermittler zunächst vorrangig diese Fährte abarbeiteten, sagt der Experte.

Eine falsche Fährte wäre „peinlich“

Dass deswegen andere Hinweise - etwa die gefundenen Dokumente Amris - vernachlässigt wurden, glaubt Krieger gleichwohl nicht. „Es ist bestimmt parallel gelaufen. In so einem Moment werden viele Spuren abgearbeitet.“

Dabei müssten aber auch scheinbar offensichtliche Indizien verifiziert werden. Dokumente könnten gefälscht sein. „Sie müssen überprüfen: Gibt es diese Person überhaupt. Es ist ja auch peinlich, wenn das schiefgeht“, sagt Krieger.

Echtheit der Identität muss geprüft werden

Gerade in einem Fall wie dem Attentat von Berlin komme ein weiterer Faktor hinzu: Die Identität des Verdächtigen werde in verschiedensten Datenbanken geprüft - auch Geheimdienste seien an diesem Punkt involviert. Als nächstes stehe die Überprüfung der bekannten Aufenthaltsorte der Person auf dem Programm.

So ist publik, dass die Fahndung nach Amri zunächst, in der Nacht zum Mittwoch, im Verborgenen lief. Auch, um dem Verdächtigen keinen Wissensvorsprung zu geben. Sobald erste Informationen nach außen drangen, war dieser Vorteil passé - und die öffentliche Fahndung wurde eingeleitet, wie etwa die FAZ berichtet.

Erst der Richter kann grünes Licht geben

Beginnen kann eine solche öffentliche Fahndung aber wiederum erst, wenn weitere Hürden überwunden sind - grünes Licht der Staatsanwaltschaft und ein richterlicher Beschluss seien zwingende Voraussetzungen, erklärt Krieger.

Nötig ist das wegen rechtsstaatlicher Prinzipien. „Wir haben hier keine Notstandsgesetze wie in Frankreich“, sagt der Experte.

Eingerichtet sind diese gesetzlichen Vorgaben nicht zuletzt, um Persönlichkeitsrechte zu schützen: „Wenn sie da auf den Knopf drücken, ist der fragliche Name weltweit in den Computern“, sagt Krieger. Zugleich taucht das Bild des mutmaßlichen Täters bei einer öffentlichen Fahndung in den Medien auf - eine falsche Verdächtigung kann an diesem Punkt schwerwiegende Konsequenzen für eine ins Visier der Ermittler geratene unschuldige Person haben.

„Dann nimmt das eben diese Zeit in Anspruch“

Letztlich hält Krieger die von der Tat bis zur öffentlichen Fahndung verstrichene Zeit nur für „relativ“ lange. Im Moment einer mutmaßlichen terroristischen Attacke seien „viele Spuren in Bearbeitung“, sagt er. Auch angesichts der gesetzlichen Vorgaben „nimmt das dann eben diese Zeit in Anspruch“.

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