Auf den Spuren des SPD-Kanzlerkandidaten

Das denken alte Weggefährten über Martin Schulz

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Martin Schulz und seine Frau Inge.

Würselen - Martin Schulz fordert Angela Merkel zum Duell um das Kanzleramt. Doch wie tickt der Hoffnungsträger der SPD eigentlich? Wir haben uns in seiner Heimat auf Spurensuche begeben. 

„Nur wer seine Wurzeln kennt, weiß, wo er hin will“, sagt Martin Schulz gerne. Wer also verstehen will, wie der SPD-Kanzlerkandidat tickt, der muss dorthin fahren, wo Schulz herkommt: In der nahe Aachen gelegenen Kleinstadt Würselen traf die tz viele, die mächtig stolz sind auf ihren „Tin“, wie die Älteren Martin Schulz dort heute noch nennen. Eine Spurensuche weit abseits der großen Berliner Politik.

„Der Alltag ist nicht der Bundestag. Der Alltag ist das Rathaus!“ Wenn Martin Schulz über die Probleme der Menschen in Deutschland redet, dann kommt er meistens ganz schnell auf die Provinz zu sprechen. Und auf Würselen, sein Heimatstädtchen, in dem er elf Jahre lang Bürgermeister war. Dann erzählt er von seinem Nachbarn, dem Feuerwehrmann. Oder davon, wie er als jüngster Bürgermeister Nordrhein-Westfalens dort für neue Kitas sorgte. Würselen mit seinen rund 40.000 Einwohnern liegt im Dreiländereck zu Belgien und den Niederlanden. Backsteinhäuschen, etliche Nagelstudios, Spielsalons und Kölsch-Kneipen - ein ganz normales Städtchen des Aachener Umlands. Die tz suchte dort die Orte auf, die das Leben des künftigen SPD-Chefs prägten - und traf Schulz-Freunde. Und auch Schulz-Kritiker…

Das Fußballstadion

Manfred Zitzen.

Das Elternhaus von Schulz liegt direkt am Sportplatz von Rhenania Würselen. Manfred Zitzen (63), Schulz’ Nachbar und Freund aus Kindertagen, erinnert sich, wie sie zusammen unter den Maschendrahtzaun durchgekrabbelt sind, um auf dem Platz zu kicken - verbotenerweise, denn in den Verein durfte man damals erst mit zehn. „Da standen immer Rentner, die uns vertrieben haben!“, so Zitzen. Rhenania-Geschäftsführer Daniel Schewior erzählt: „Das Stadion, über dessen Abriss jetzt leider diskutiert wird, ist auch für uns heute noch gefühlt der Nabel der Welt - und war es damals schon für Schulz“.

Als der Schüler Martin dann endlich im Verein aufgenommen wurde, zählte für ihn nur noch der Fußball - was letztlich dazu führte, dass er nach der elften Klasse ohne Abi vom katholischen Heilig-Geist-Gymnasium flog. Schulz war das damals egal - er träumte davon, Profi-Fußballer zu werden. „Das war ein gar nicht so abwegiger Traum“, findet Schewior. „Immerhin stand er 1972 mit der B-Jugend im Finale der westdeutschen Meisterschaft - die Rhenania hat unglücklich gegen Schalke verloren!“

Rhenania-Geschäftsführer Daniel Schewior.

Jugend-Freund Zitzen sieht in dieser Fußballer-Zeit eine gute Vorübung für die große Politik: „Schon als Fußballer war er unglaublich ehrgeizig! Ich hab ihn immer mit Berti Vogts verglichen: Wie ein Terrier beißt er sich fest, lässt dem Gegner gar nicht die Chance, den Ball zu bekommen. Und er gibt nie auf!“

Die Kneipe

Doch dann kam die Knieverletzung, die den Traum von der Profi-Karriere jäh zerstörte. Der 18-jährige Schulz stürzte immer mehr ab - oft in der Kneipe Houben, gegenüber der Kirche St. Sebastian, in der auch heute noch an schlichten Holztischen gezecht wird. Zitzen, der damals an vielen Abenden mit Schulz versackte, meint heute zu diesem dunklen Kapitel in Schulz’ Leben: „Der eine rutscht ab, der andere kriegt die Kurve. Ich konnte ihm zum Schluss nicht helfen, das musste er selber machen. Und das hat er auch getan!“

Er stellte sich eines Nachts die Frage: Willst du wirklich so weitermachen? Und da beschloss er aufzuhören - und hat seitdem keinen Tropfen mehr getrunken.“ Schulz’ vier Geschwister hatten sich damals sehr um ihn gekümmert. Sein Bruder Erwin, Hausarzt in Würselen, half ihm mit Medikamenten beim Entzug. „Aber das Entscheidende war sein Wille zu sagen, damit ist jetzt Schluss!“

Der Buchladen

Auch wenn Schulz damals von der Schule flog: Sein Schuldirektor glaubte daran, dass mehr in ihm steckt - und verschaffte ihm eine Buchhändler-Lehre. Schulz machte zusammen mit seiner sechs Jahre älteren Schwester Doris einen eigenen Buchladen auf. Den gibt es noch heute in der Kaiserstraße, der zentralen Einkaufsstraße von Würselen. Martina Schillings war damals Lehrling bei Schulz. Ein netter Chef sei er gewesen. Einer, der alles las, was ihm in die Finger kam, weshalb er seinen Kunden immer die perfekten Buch-Tipps geben konnte.

Noch heute ist sie mit ihrem einstigen Chef befreundet - die Politik habe ihn nicht verändert. „Martin ist wie er ist, der muss sich nicht verstellen.“ Bücher von und über Schulz sind derzeit die Bestseller in ihrem Laden. Das Rathaus Mit dem gleichen Ehrgeiz, mit dem Schulz zunächst Fußballer werden wollte, betrieb er dann seine politische Karriere: 1987 wurde er mit 31 der damals jüngste Bürgermeister von Nordrhein-Westfalen. Zitzen begründet den schnellen Aufstieg des SPD-Stadtrats so: „Schulz ist kein Mensch, der gerne fremdbestimmt ist - er will die Sachen mitgestalten“.

Bürgermeister Arno Nelles.

Heute sitzt Arno Nelles an dem Schreibtisch im Würselener Rathaus, an dem einst Schulz saß. „Die Würselener sind alle sehr stolz, dass einem, der aus unserer Mitte kommt, eine so wichtige Aufgabe zugetraut wird - egal aus welchem politischen Lager sie kommen“, so der Bürgermeister, ein SPD-Mann. Schulz habe „nie vergessen, wo er herkommt“. Eine weitere große Stärke sei, dass Schulz Politik auch mit Gefühl vermittele - und mit Humor. Als Schulz Nelles und den Würselener Pfarrer Rainer Gattys zu einer Audienz bei Papst Franziskus mitnahm, nannte er die beiden scherzhaft „Don Camillo und Peppone“ - Spitznamen, den Bürgermeister und Pfarrer nun bei den Würselenern weg haben.

Das Spaßbad

Natürlich hat Schulz nicht nur Fans in Würselen - was vor allem mit dem Spaßbad Aquana zusammenhängt. Harald Gerling sammelte 1999 mehr als 4000 Unterschriften gegen das Millionen-Projekt - vor allem, weil dafür das beliebte, malerisch gelegene alte Freibad geschlossen werden musste. Schulz habe damals den Würselenern versprochen, das Aquana werde nicht mehr als 20 Millionen D-Mark kosten - am Ende waren es 28 Millionen.

Schulz habe nur durch geschickte Auslagerung beispielsweise der Heizkosten seine versprochene Obergrenze formal eingehalten, ärgert sich Gerlings Schwiegersohn, der Polizist und Ex-CDU-Stadtrat Balthasar Tirtey. „Wenn er auf diese Art bundesweit Finanzpolitik macht - oh je!“

Der Markt

Und wie sehen die ganz normalen Würselener Bürger den politischen Aufstieg ihres „Schulze Tin“ (auf Hochdeutsch also „Bürgermeister Martin“)? Als ich mich auf dem Markt auf dem Morlaixplatz vor dem Würselener Rathaus umhöre, bekomme ich tatsächlich nur Schulz-Fans zu hören: „Der hat klare Ansichten und ist bürgernah“, so eine 81-jährige Würselenerin.

Eine 60-Jährige, die gerade am Fischstand Schlange steht, meint: „Unser Tin schafft die Angela Merkel!“ Und deren Freundin erzählt, dass Schulz wie früher in Würselen zum Friseur geht - außer, dass jetzt Bodyguards dabei sind, habe sich da nichts geändert. „Er ist einer von uns kleinen Leuten geblieben.“

Inge Schulz - der ruhende Pol

Martin Schulz und seine Frau Inge.

Wenn Martin Schulz aus Brüssel oder jetzt aus Berlin heim nach Würselen kommt, schafft es seine Frau Inge (60), den Politiker-Stress schnell vergessen zu machen. Sein Freund Manfred Zitzen erzählte im tz-Gespräch, Inge sei der „ruhende Pol“ für den umtriebigen, ehrgeizigen SPD-Kanzlerkandidaten. Der künftige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will seine Familie aus dem Bundestagswahlkampf heraushalten. „Ich werde als Kanzlerkandidat nicht anfangen, meine Familie für meinen Wahlkampf einzuspannen“, sagte der 61-Jährige der Bild am Sonntag.

Er habe seiner Frau versprochen, dass er sie nicht zur Werbefigur für den Politiker Schulz machen wird. „Dieses Versprechen halte ich seit 30 Jahren.“ Inge Schulz, mit der der künftige SPD-Chef bereits seit 30 Jahren verheiratet ist, ist Landschaftsarchitektin mit einem Büro in Würselen. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder, Nico (26, Historiker) und Lina (30, Schauspielerin). Gemeinsame öffentliche Auftritte der beiden gibt es selten - Schulz ist extrem bemüht, Politik und Privatleben zu trennen. Interviews mit Inge Schulz gibt es nicht.

Die Rheinische Post schrieb mal, was Inge Schulz antworte, wenn sie gefragt werde, wie es ihrem Mann geht: „Gut, aber er muss mehr Sport machen.“ Die Entscheidung, für die SPD in den Bundestagswahlkampf zu ziehen, hat Schulz intensiv mit seiner Familie diskutiert, erzählte Schwester Doris Harst der tz. Ohne den Segen seiner Frau hätte Schulz es nicht gemacht.

Klaus Rimpel

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