AfD-Politiker im Porträt

Björn Höcke: Ein politischer Grenzgänger

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Björn Höcke polarisiert. Und das macht er bewusst.

Dresden - Heimspiel für Höcke: In Dresden prangert der Thüringer AfD-Politiker die deutsche Schuld-Kultur nach Krieg und Holocaust an. Der beurlaubte Geschichtslehrer lässt sich mit gezielten Provokationen von seinen Anhängern feiern und zählt damit selbst innerhalb der AfD zum rechten Rand. 

Im altehrwürdigen Dresdner Ballhaus Watzke trifft Thüringens AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke (44) genau den Nerv. Die gut 500 Zuhörer bekommen von ihm das zu hören, was ihnen die Junge Alternative in der Einladung versprochen hat: „Deftige Hiebe auf den politischen Gegner“ - und ein Bild von deutschem Stolz und deutscher Schuld, das vielen in der Republik den Kragen platzen lässt. Auch AfD-Chefin Frauke Petry.

Höcke bedient die Erwartungen in der Pegida-Hochburg und spielt am Tag des in Karlsruhe gescheiterten NPD-Verbots mit Tabus und nationalistischen Klischees. Die Stimmung im Saal kocht, als der Geschichtslehrer den Deutschen den Gemütszustand eines „total besiegten Volkes“ attestiert, die Vergangenheitsbewältigung und mithin auch das Holocaust-Gedenken als lähmend und „dämlich“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert.

Höcke erntet Beifall - und viel Kritik

Das zieht - auch weil sich Höcke zu Pegida bekennt, indem er Dresden als die Hauptstadt der „Mutbürger“ bezeichnet, die den Titel Hauptstadt deshalb viel mehr verdiene als Berlin. Immer wieder wird seine Rede durch stehenden Beifall und Rufe wie „Wir sind das Volk“, „Ausmisten“ und „Höcke, Höcke“ unterbrochen.

Die Linken werfen ihm „Nazi-Diktion“ vor und wollen Strafanzeige wegen Volksverhetzung erstatten. SPD-Chef Sigmar Gabriel lief es beim Anhören der Rede nach eigenem Bekunden kalt den Rücken herunter, besonders weil sein Vater „bis zu seinem Tod ein unverbesserlicher Nazi war“. Nach Meinung des Zentralrats der Juden in Deutschland zeigt die AfD „mit diesen antisemitischen und in höchstem Maße menschenfeindlichen Worten ihr wahres Gesicht“.

Die Rede Höckes gibt einen Vorgeschmack auf den Bundestagswahlkampf der Rechtspopulisten und zeigt zugleich das Dilemma der AfD. Vor allem im Osten Deutschlands kann sie am rechten Rand punkten. Allerdings läuft sie damit zugleich auch Gefahr, das bürgerliche Lager zu verlieren, auf das sie in den alten Bundesländern angewiesen ist. Parteichefin Frauke Petry sieht Höcke „mit seinen Alleingängen und ständigen Querschüssen“ so denn auch als „Belastung“. 

Björn Höcke: Wer ist das eigentlich genau?

Der Mann, der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Zwangsjacke aus dem Kanzleramt abführen lassen wollte, spielt oft mit den Ängsten der Menschen. Höcke ist damit bundesweit bekannt geworden. Seit Herbst 2014 sitzt der beurlaubte Lehrer im Thüringer Landtag. Als 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, tauchte sein Name nicht mehr nur in den regionalen Zeitungen auf.

Mit dem Thema Flüchtlinge ist die AfD stark geworden - und mit ihr Björn Höcke. In Dresden begrüßten ihn Anhänger lautstark mit dem Sprechchor „Ehre für Höcke“. Der 44-Jährige tritt stets adrett gekleidet auf. Der gebürtige Westfale gilt als zielstrebig. Seiner Partei setzt er ebenfalls ehrgeizige Ziele. Beobachter und Politikwissenschaftler verorten Höcke in seiner Partei rechtsaußen. Für Sachsens Grünen-Chef Jürgen Kasek argumentiert Höcke nach einer hetzerischen und völkischen Rede am Dienstagabend im „Stil des Nationalsozialismus“. Höcke sei im Grunde kein Rechtspopulist mehr.

In Höckes Reden geht es oft um „die Heimat“

Der Landesvorsitzende steuert gemeinsam mit seinem Vertrauten, Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef André Poggenburg, die parteiinterne rechte Plattform „Der Flügel“. In Höckes Reden geht es oft um „die Heimat“, die es vor negativen Einflüssen zu schützen gilt. Auch gegen die „Altparteien“ wettert er gern. Deren Führungspersonal sieht er als „erbärmliche Apparatschiks“.

Höcke ist Vater von vier Kindern und verheiratet. Der Lehrer für Geschichte und Sport fällt immer wieder mit populistischen Parolen auf. Der Thüringer SPD-Fraktionschef Matthias Hey attestiert: „Björn Höcke probiert unentwegt durch seine verbalen Provokationen, die Grenzen der Zulässigkeit bei parlamentarischen Reden und dem damit verbundenen Wertekanon politischer Debatten auszuloten.“

Nach Ansicht von SPD-Mann Hey hat Höcke zuletzt versucht, „moderater und schaumgebremster aufzutreten“. In Dresden musste er sich nicht sonderlich zurücknehmen. In der Pegida-Hochburg hat ein Mann wie Höcke Beifall sicher.

dpa

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