45 Tote und rund 120 Verletzte

Bomben am Palmsonntag: IS-Terror zielt auf ganz Ägypten

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Ein Mann sitzt nach dem Anschlag in Tanta vor der koptischen Kirche St. Georg auf einer Bank.

Kairo -Der „Stabilitätsanker“ Ägypten erlebt einen der blutigsten Tage der letzten Jahre. Der Terror von Dschihadisten trifft dabei die christliche Minderheit des Landes. Zielt aber noch viel weiter.

In ihren weiß-roten Gewändern stehen die koptischen Würdenträger in der Kirche St. Georg und singen. Es ist ein besonderer Sonntag für die Christen in der Stadt Tanta im Nildelta nördlich von Kairo. Es ist der Palmsonntag vor Ostern. Dann fällt das Bild des Videos aus. Die gewaltige Explosion ist nur zu hören. Sie hallt an den Wänden des Gotteshauses wider und erfasst Dutzende Gläubige.

Wenige Stunden später in Alexandria: Ein Mann will in die Kirche St. Markus eindringen, in der das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, Papst Tawadros II., die Messe hält. Nach Darstellung des Innenministeriums können ihn Sicherheitskräfte davon abhalten. Er sprengt sich vor dem Gotteshaus in die Luft und reißt viele Menschen mit in den Tod. Der schwerste Angriff seit Jahren auf Christen in Ägypten forderte mehr als 40 Menschenleben. Er traf die religiöse Minderheit, zielte aber auf die Stabilität eines ganzen Landes.

Blutverschmierter Steinboden, fliehende Menschen

Wacklige Handyvideos flimmern über die Fernseher der Wohnzimmer und Teestuben am Nil. Sie zeigen einen blutverschmierten weißen Steinboden, menschliche Überreste und in Panik fliehende Personen. Ein Bild verweilt auf einem zurückgelassenen Schuh am Anschlagsort Tanta.

Am Nachmittag passiert das, womit ohnehin schon jeder gerechnet hatte. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert die Bluttat für sich. Wie vor vier Monaten, als ein Selbstmordattentäter in Kairo fast 30 Menschen in einer Kirche tötete.

Die Dschihadisten, die seit Jahren im Norden der unruhigen ägyptischen Sinai-Halbinsel aktiv sind, zielen seit Monaten verstärkt auf die Millionen Christen im Land, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie wollen dabei ganz Ägypten destabilisieren. Im Februar veröffentlichte der IS ein Video, in dem er den angeblichen Attentäter von Kairo zeigte.

In der Kirche in Tanta starben mindestens 25 Menschen.

„Zu meinen Brüdern in Gefangenschaft“, sagte da ein maskierter Mann, „freut euch, ihr Gläubigen, verzagt nicht und seid nicht traurig. Ich schwöre bei Gott, wir werden Kairo sehr bald befreien und euch aus der Gefangenschaft holen. Wir werden mit Sprengstoff kommen.“ Es ist eine Kampfansage auch an die autoritäre Regierung des Landes, das von westlichen Politikern gerne als dringend benötigter „Stabilitätsanker“ mitten im Tumult arabischer Bürgerkriege bezeichnet wird. Ein wackelndes Ägypten würde in Berlin und Washington Besorgnis auslösen.

Terror ist mit das größte Problem für die Regierung

Der Terror ist eines der größten Probleme von Staatschef Abdel Fattah Al-Sisi. Noch vor einem Monat stand er im Präsidentenpalast neben einer Besucherin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, und verteidigte seine autoritäre Führung angesichts der Terrorbedrohung, die man zur Kenntnis nehmen müsse. „Dann würden sie verstehen, warum wir solche Maßnahmen treffen.“ Ägypten wünsche niemandem die Bedrohungen, die es selbst erleide. Er sagte auch, niemandem sei es erlaubt, eine Kirche anzugreifen.

Kritiker halten Al-Sisi allerdings entgegen, dass er mit der rigorosen Bekämpfung aller - auch gemäßigter - Islamisten die nächste Generation von Extremisten heranzüchte.

Christen und Muslime meist friedlich Seite an Seite

Merkel bescheinigte den Christen am Nil vor ihrem Besuch noch „eine sehr gute Situation für die Ausübung ihrer Religion“. Ägypten sei in dieser Hinsicht „beispielhaft“. Und in der Tat leben Christen und Muslime in Ägypten, das Ende April von Papst Franziskus besucht werden soll, größtenteils friedlich Seite an Seite.

Doch der IS könnte vereinzelte Spannungen nun verschärfen. Nach einer Mordserie auf dem Sinai mussten zuletzt Hunderte Kopten in andere Landesteile fliehen. Die Christen in Ägypten, sie dürften sich so bedroht fühlen wie lange nicht. Unter dem islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi, der 2013 gestürzt wurde, befürchteten viele die Unterdrückung durch den Staat. Heute haben sie Angst vor roher Gewalt.

Der Sprecher des Außenministeriums schrieb am Donnerstag auf Twitter, die Anschläge seien „ein verfehlter Versuch“, das Land zu spalten. Die Stellungnahme dürfte weniger Gewissheit, sondern vielmehr die Hoffnung der ägyptischen Regierung widerspiegeln.

dpa

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