Wer ihn berät, auf wen er hört

Söder glänzt in Corona-Krise: Aus wem besteht das Experten-Team im Hintergrund?

Ministerpräsident Markus Söder mit seiner Beraterin Karolina Gernbauer.
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Ministerpräsident Markus Söder mit seiner Beraterin Karolina Gernbauer.

Einflüsterer gebe es für ihn in dieser Krise nicht, sagt Markus Söder. Doch wer berät ihn wirklich beiBayerns Anti-Virus-Kurs? 

München – Für schlechte Nachrichten gibt es bei Markus Söder eine feste Uhrzeit. Seit zwei Monaten brummt jeden Tag um 10 Uhr und um 18 Uhr das Handy des Ministerpräsidenten. Per SMS übermittelt das Gesundheitsministerium die Zahl der Toten, Infizierten, Genesenen und die neuen Corona-Brennpunkte. Am Abend folgt die Zahl, wie viel Schutzausstattung noch da ist. Die Datenlage hat sich entspannt – doch was die Politik daraus ableitet, kann noch immer über Leben und Tod entscheiden.

Söder: „Ich habe Momente, wo ich das sehr, sehr hinterfrage“

Söder sieht und merkt man an, dass ihn der neue Ernst belastet. „Es war krass“, sagt er über die Zeiten stark steigender Totenzahlen. „Ich habe solche Momente, wo ich das sehr, sehr hinterfrage“, schilderte er jüngst im Interview bei „Bayern 1“. Es gebe viele Berater, entscheiden müsse er letztlich aber selbst.

Expertin in medizinischen Fragen: Ulrike Protzer.

Wen fragt Söder also? In anderen Ländern sind es die Staatsepidemiologen, etwa der Schwede Anders Tegnell, die den Kurs der Regierungen prägen. Aus ihnen sind binnen Wochen TV-Promis geworden, deren Beliebtheitskurven täglich gemessen werden. In Deutschland prägen eher die Virologen wie der Berliner Christian Drosten die Debatte.

Einen Bayern-Drosten gibt es aber nicht. Söder halte Kontakt zu den Münchner Experten Ulrike Protzer und Michael Hoelscher, heißt es in der Staatskanzlei. Der Kern seiner Ratgeber kommt aber aus Politik und Verwaltung. Vor allem ein Trio prägt den Kurs: Söder mit Staatsrätin Karolina Gernbauer und dem Chef des Gesundheits-Landesamts, Andreas Zapf. Der Politiker, die Juristin und der Mediziner haben Krisen-Erfahrung. In dieser Dreier-Konstellation stand Gesundheitsminister Söder vor zehn Jahren die Schweinegrippe-Phase durch. Alle drei wollen eine vorsichtige Linie. Als Söder am Dienstag den Lockerungs-Plan durchs Kabinett brachte, war ihm wichtig, dass Zapf dabei war und zustimmte. Kollegen sagen: Der Facharzt für Innere Medizin sei Söder wichtiger als Gesundheitsministerin Huml.

Andreas Zapf soll für Söder wichtiger sein als Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Die politischen Vertrauten in Bayern bleiben: Staatskanzlei-Minister Florian Herrmann, Finanzminister Albert Füracker, zwei CSUler mit Standleitung zu Söder. Sie sind übrigens – ein Grundproblem bei der Beraterei – die einzigen, die demokratisch in Bayern legitimiert sind. Neu sind Achsen darüber hinaus: Der CSU-Chef spricht Lockerungs-Details genau mit Winfried Kretschmann ab, dem grünen Kollegen aus Baden-Württemberg, und mit Tobias Hans, dem jungen CDU-Regenten des kleines Saarlandes. Geht es um Stadt-Fragen, ruft er Münchens OB Dieter Reiter (SPD) an. Die jüngsten Schritte für Bayern diskutierte Söder einen Tag vorher sogar mit Kanzlerin Angela Merkel.

Wöchentlich holt Söder sich Empfehlungen neuen Ethikrats

„Es gibt nicht den einen Einflüsterer oder die eine Entscheiderin“, sagt er über sein Corona-Umfeld. „Man muss funktionieren miteinander.“ Institutionalisiert sind nur zwei Gremien. Fast täglich berät der Krisenstab unter Herrmanns Leitung. Söder kommt inzwischen nur noch alle paar Tage dazu. Im Schnitt wöchentlich holt er sich zudem Empfehlungen des neuen „Ethikrats“ unter der früheren Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler.

Noch ein Experte, auf den Söder in medizinischen Fragen hört: Michael Hoelscher.

Die Absprachen laufen seit Corona anders. Oft per Video, Telefon. Nur einen kleinen Kreis, darunter die Minister in München und Merkel in Berlin, trifft Söder physisch. Notfalls, weil da die Ansteckungsgefahr geringer ist, im Freien. Die Regierungserklärung im April besprach er mit einer langjährigen Pressesprecherin mit 1,5 Meter Abstand auf zwei Parkbänken in Nürnberg. Sein großer Pressestab, für den Medien-Dauergast lebenswichtig, ist sicherheitshalber zweigeteilt: Team B ist im Homeoffice und könnte einspringen, falls Team A mal in Quarantäne muss.

Söder hört in der Corona-Krise auch auf die Oppostion

Rat gab im März und April übrigens eine Gruppe, die die CSU sonst ignoriert: die Opposition. Mehrfach ermunterte Söder die Fraktionsvorsitzenden von Grünen und SPD, ihm SMS zu schicken. Die FDP wurde gebeten, der Staatskanzlei gern ihre Pläne zu schicken. Der informelle Draht sei in der Krise „natürlich intensiver als sonst“, erzählt Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann. Er hält SMS-Kontakt, Söder ruft auch schon mal am Sonntagmorgen an. Und nahm Rat an: Patienten aus Italien aufzunehmen oder die gemeinsame Kinderbetreuung durch mehrere Familien zu erlauben, waren zunächst Grünen-Ideen.

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