CSU-Parteispitze interveniert

Eklat um muslimischen Bürgermeister-Kandidaten: Die CSU stellt die Glaubensfrage

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Sener Sahin, Unternehmer, zieht CSU-Bewerbung um Bürgermeisteramt zurück.
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    Katrin Woitsch
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Ein muslimischer Unternehmer aus Schwaben hat seine Bürgermeister-Kandidatur nach Protesten zurückgezogen. Der Versuch der Parteispitze, ihn umzustimmen, scheitert.

  • Sener Sahin hat in Wallerstein seine Bewerbung zum Bürgermeister zurückgezogen, weil es wegen seines muslimischen Glaubens Proteste gab.
  • Es ist nicht der erste Fall dieser Art in Bayern.
  • Die Parteispitze versuchte, ihn umzustimmen.
  • Die CSU muss sich nun die Glaubensfrage stellen. Markus Söder stellte 2010 klar, dass „wir CSU heißen und nicht MSU“.

Wallerstein/Erlangen – „Was hat ein Türke bei der CSU verloren?“ – diese Frage hat Mehmet Sapmaz nicht nur einmal gehört. Schlimmer waren aber die Sätze, die nicht offen ausgesprochen wurden. Die leise in seiner Abwesenheit gemurmelt wurden, von denen er aber trotzdem wusste, erzählt er. Nur, dass er nicht darauf reagieren konnte. Als der 49-jährige Betriebswirt 2008 für den Erlanger Stadtrat kandidierte, hatte er damit gerechnet, dass es kritische Stimmen geben würde. Er hat einen deutschen Pass, aber türkische Wurzeln. Und er betet zu Allah, nicht zu Gott. Aber er vertritt die Werte, für die die CSU steht. „Diese Werte sind die Basis jedes Glaubens“, betont er.

Seit damals sind fast zwölf Jahre vergangen. Sapmaz ist noch immer CSU-Stadtrat, vier Jahre lang war er sogar CSU-Ortsvorsitzender, inzwischen ist er aus Zeitgründen stellvertretender Ortsvorsitzender. „Ich habe mit meiner Arbeit überzeugt“, sagt er rückblickend. Sogar Bayerns Innenminister Joachim Herrmann – wie er Erlanger – habe ihn gebeten, wieder für die CSU zu kandidieren. Darüber hat er sich gefreut. Allerdings weiß Sapmaz, dass sich gesellschaftlich noch nicht viel verändert hat. Und dass es auch zwölf Jahre später für Muslime noch sehr schwer ist, in der CSU ihren Platz zu finden.

Sener Sahin zieht Kandidatur zurück - wegen Protesten

Das beweist ihm der Fall aus Schwaben. In Wallerstein im Kreis Donau-Ries wollte der parteilose Unternehmer Sener Sahin für die CSU als Bürgermeisterkandidat antreten. Doch wegen seines muslimischen Glaubens gab es Proteste. Der 44-Jährige zog seine Kandidatur daraufhin zurück. Er glaubt, dass es in einer Großstadt anders gelaufen wäre als auf dem Land, sagte Sahin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Hier haben viele noch nie mit einem Moslem Kontakt gehabt.“ Außerdem gehe es wohl um das C in CSU, sagte er enttäuscht. „Wenn ich bei den Grünen oder der SPD angetreten wäre, wäre es wahrscheinlich alles nicht so dramatisch.“

Mit dem Wirbel, den seine Kandidatur auslöste, hatte er jedenfalls nicht gerechnet. Sogar Bundestagsabgeordnete in Berlin erreichten Beschwerden von Wallersteinern, Kommunalwahl-Kandidaten der Wallersteiner CSU drohten mit ihrem Rückzug. Und die Debatte geht weiter – obwohl Sahin nicht mehr kandidieren will. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte am Montag sein Bedauern geäußert und CSU-Generalsekretär Markus Blume beauftragt, den Vorgang aufzuarbeiten. Blume sagt, er habe zweimal lange mit Sahin telefoniert und versucht, ihn umzustimmen. 

Eine Nacht habe Sahin darüber schlafen wollen, am Dienstag habe er endgültig abgesagt – für die Bürgermeister- wie auch für eine Gemeinderatskandidatur. „Die Türen der CSU stehen ihm weiterhin offen“, sagte Blume unserer Zeitung. „Wir haben wirklich alles versucht, aber müssen seine Entscheidung respektieren.“ Sahin sei der Trubel um seine Person – inklusive Fernsehteams vor dem Haus – zu viel. Er habe seine Absage aber „ohne Groll“ auf die CSU getroffen, berichtet Blume.

Söder 2010: „Klar ist auch, dass wir CSU und nicht MSU heißen“

Nicht immer war der Zuspruch aus der Parteispitze in solchen Fällen so spürbar wie heute. In seiner Zeit als Europaminister hatte sich etwa Markus Söder deutlich kritischer über eine Öffnung seiner Partei für Muslime ausgesprochen. „Natürlich kann jeder, der sich zu unseren Werten bekennt, dabei sein.“ Die CSU dürfe aber nicht den Eindruck erwecken, sie wäre eine Sammlungsbewegung für Muslime, sagte er 2010. „Klar ist auch, dass wir CSU und nicht MSU heißen.“

CSU-Urgestein Peter Gauweiler zeigt auch heute Verständnis für die Debatte über Muslime in wichtigen Ämtern der Partei. Die CSU sei als christliche Partei gegründet worden, sagte er der „Neuen Zürcher Zeitung“. „Verlängerter Arm des christlichen Bekenntnisses in der Politik“ zu sein, habe sich als Erfolgsrezept erwiesen. Auf die Frage, ob es in absehbarer Zeit einen CSU-Chef mit muslimischem Glauben geben werde, antwortete der Protestant Gauweiler: „Das ist so abwegig wie eine katholische Pfarrstelle in Mekka.“

Mehmet Sapmaz ist enttäuscht, dass sich seit seiner eigenen Kandidatur für die CSU nicht viel verändert habe. „Es ist traurig, dass es noch immer mehr um den Glauben geht als darum, ob jemand gute Politik machen würde.“ Er hoffe darauf, dass die kommenden Wähler-Generationen offener seien für muslimische Politiker. Und dass sich die CSU-Ortsverbände stärker hinter muslimische Kandidaten stellen – so wie es bei ihm in Erlangen damals der Fall war. Sener Sahin rät er, es bei der nächsten Kommunalwahl noch einmal mit einer Kandidatur zu versuchen. „Er muss sich nicht ändern“, betont Sapmaz. „Aber die Gesellschaft.“

Katrin Woitsch und Christian Deutschländer

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