Fakten-Check: Zitate von deutsch-türkischem Journalisten echt?

Ist Deniz Yücel ein „Deutschlandhasser“?

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Deniz Yücel
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Hasst der deutsch-türkische Journalist die Deutschen? Einige Texte Deniz Yücels legen das nahe. Doch sind die boshaften Zitate, wie sie derzeit in den sozialen Medien die Runde machen, tatsächlich echt? 

Der deutsche Journalist und Türkeikorrespondent der Zeitung „Die Welt“ Deniz Yücel sitzt seit 14. Februar in der Türkei in Haft. Dort wird ihm unter anderem vorgeworfen, Terrorpropaganda betrieben und die türkische Bevölkerung aufgewiegelt zu haben. Das alles fällt in eine Zeit, in der der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Minister um Stimmen für ein Verfassungsreferendum am 16. April 2017 werben. Auch in Deutschland. Nachdem die Menschenrechtslage in der Türkei spätestens seit dem Putschversuch im Juli 2016 prekär ist und Journalisten zu Hunderten im Gefängnis verschwinden, ist das ein sensibles, spannungsreiches Themenfeld. Nicht nur im Nachrichtenbetrieb, auch für Menschen, die Meinungsfreiheit und das offene Wort zu schätzen wissen. Zumal Deniz Yücel den Ruf genoss, in der Türkei bestens vernetzt zu sein und so Berichte über Menschen und Ereignisse liefern zu können, die sonst der Öffentlichkeit verborgen blieben. 

Nun hat Deniz Yücel allerdings türkische Eltern und neben dem deutschen auch einen türkischen Pass. In Zeiten, in denen es besorgten Bürgern aus Wut über Lügenpresse, Terror oder "Umvolkung" schon mal schwerfällt, zwischen Türken, Muslimen und Islamismus zu unterscheiden, ist es keine günstige Vorraussetzung für eine faire Debatte. Da hilft es kaum, dass der Welt-Mann eigentlich in Flörsheim am Main aufwuchs, dort aufs Gymnasium ging und in Berlin ein Studium der Politikwissenschaften abschloss. In den sozialen Netzwerken machten recht schnell nach seiner Verhaftung eine Reihe Posts die Runde, die sich nicht der allgemeinen Solidarität mit Yücel anschließen wollten. Im Gegenteil, man warf ihm vor, Deutschland zu hassen - und damit habe er die Solidarität aus seiner Heimat nicht verdient.

Ist Deniz Yücel ein „Deutschlandhasser“? Tatsächlich steht in einer seiner Kolumnen für die Berliner „tageszeitung“ der Satz: „Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“ Neben einer Reihe von anderen Sätzen, die kaum geeignet sind für die Seelen zartbesaiteter Bürger, die gerne das Wort „völkisch“ im aktiven Wortschatz zurück hätten, allemal. 

Yücel war nie zimperlich. Interessant ist ein Post mit einem zweiten Zitat aus einer taz-Kolumne vom 6. November 2012. Er führt mitten in eine Debatte, zu der beide Zitate ein Beitrag waren: „Thilo Sarrazin, eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarrikatur, dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge seine Arbeit gründlicher verrichten.“ 

Deniz Yücels Kolumnen für die taz waren vor allem eines nicht: harmlos. Ob der Satz so tatsächlich in der taz erschien, will die Zeitung heute nicht mehr kommentieren. Die entsprechende Kolumne habe man aus dem Archiv genommen. Ein echtes Dementi ist das in jedem Fall nicht. 

Der Satz, hätte ihn Yücel so geschrieben, wäre im ersten Teil bis zu „Menschenkarikatur“ wiederum nur ein Zitat. So hatte nämlich die ebenfalls türkischstämmige Autorin und Journalistin Mely Kiyak im Mai 2012 in einem – inzwischen ebenfalls im Giftschrank verschwundenen – Artikel für die Berliner Zeitung den deutschen Chefethnologen Thilo Sarrazin bezeichnet. Im Rahmen einer teils überhitzten Debatte um dessen Thesen: Türken, Araber und Neger sind dumm, faul und setzen zu viele Kinder in die Welt. 

Nachdem Kiyak monatelang im Netz für ihren Text angefeindet wurde, entschuldigte sie sich: Hätte sie von Sarrazins Schlaganfall gewusst, hätte sie diesen Satz nie geschrieben, behauptet sie. Yücel muss wohl, als im November die Debatte immer noch nicht ausgestanden war, nachgesetzt haben. Und hat der taz – justizerprobt wie sie ist – Ärger mit der Justiz eingebracht. 

Fakt ist, zumindest die Pointe mit dem Schlaganfall verletzt das Persönlichkeitsrecht selbst einer öffentlichen und streitfreudigen Person wie Thilo Sarrazin. Spätestens seit dieser Zeit sind sowohl Kiyak wie Yücel Ziel von Hasstiraden aus dem rechten Lager. Ein Türke, der den Herrenmenschen sagt, was er von ihm hält; die Provokation ist klar, man muss das nicht kommentieren. 

Deniz Yücel wurde 2011 allerdings der Kurt Tucholsky-Preis verliehen für seine taz-Kolumne „Vuvuzela“ zur Weltmeisterschaft 2010. In der Kolumne, so lautete die Begründung der Jury, habe Yücel sowohl den deutschen Spießer als auch die deutsche Spießerin auf angenehme Art entlarvt. Die Kommentare auf seine Kolumne klangen damals allerdings anders: „Dummes deutschnationales Geblubber.“ Oder auch: „Deniz Yücel sollte vielleicht besser die Junge Freiheit mit seinen Kolumnen bedienen.“ Heutzutage würde ihn dort vermutlich niemand einstellen. Die Zeiten und das politische Klima in Deutschland haben sich ganz offenbar geändert.

Martin Both

Kolumne "Fakten-Check"

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