Nach Anschlag in Teheran

Experte im Interview: Eskaliert jetzt die Lage im Nahen Osten? 

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Aus dem Parlament in Teheran quillt Rauch, davor gehen Sicherheitskräfte in Stellung.

Krise in Katar, Anschlag in Teheran: Nur wenige Tage nach dem Boykott mehrerer Golfstaaten gegen Katar hat ein Doppelanschlag die iranische Hauptstadt Teheran erschüttert. Explodiert nun das Pulverfass Naher Osten? Wir haben den Experten Udo Steinbach um seine Einschätzung gebeten. 

Sicherheitskräfte gehen hinter einem Stromkasten in Deckung, die Waffen im Anschlag.

Sechs Angreifer der Dschihadistenmiliz IS griffen gleichzeitig das Regierungsgebäude und das Mausoleum von Volksheld Ajatollah Chomeini an und töteten dabei mindestens dreizehn Menschen, 46 wurden verletzt. Es ist das erste Mal, dass sich der IS zu einem Anschlag auf iranischem Boden bekennt. Die Miliz hatte wiederholt gedroht, bisher aber keine Anschläge im Land verübt. Fünf Stunden dauerten die Angriffe im Herzen Teherans und im Süden der Hauptstadt. Nachdem die Angreifer – als Frauen verkleidet –zunächst mit Schusswaffen in das Parlament und in das Mausoleum eindrangen, sprengten sich drei der sechs Attentäter in die Luft und rissen dreizehn Menschen mit in den Tod. Noch während die Angriffe liefen, veröffentlichte der IS ein Video, in dem sich die Täter zur Miliz bekannten. Die iranische Regierung hingegen vermutet Saudi Arabien und die USA hinter dem Angriff. Eskaliert nun etwa die Lage im Nahen Osten? Über die Anschläge, die möglichen Zusammenhänge mit Katar und die möglichen Folgen haben wir mit Nahost-Experte Prof. Udo Steinbach gesprochen:

Die Ziele sind von hoher Symbolkraft

Der Islamische Staat hat sich zu dem Anschlag bekannt. Warum greift der IS auf einmal den Iran an? 

Prof. Udo Steinbach: Für den IS ist es besonders schwierig, im Iran die nötige Infrastruktur aufzubauen, damit ein solcher Anschlag überhaupt koordiniert durchzuführen ist. Der Sicherheitsapparat im Iran ist in hohem Maße ausgebaut, die Nachrichtendienste funktionieren dort sehr gut. Aber dass ein Anschlag im Iran früher oder später stattfinden wird, das war zu erwarten. 

Wie meinen Sie das? 

Udo Steinbach.

Steinbach: Die Auseinandersetzungen zwischen den Iranern und dem IS sind schon lange in vollem Gange – aber eben nicht im Iran, sondern im Irak. Dort bekämpfen iranisch ausgebildete, arabische, schiitische Milizen den IS bei Mossul. Beide Seiten befinden sich in höchstem Maße im Krieg, das gilt auch für Syrien, wo schiitische Kräfte gegenden IS kämpfen. Dass dieser die Kampfhandlungen nun in den Iran verlegen wollte, war nur eine Frage der Zeit und eine Frage danach, wo das nötige Schlupfloch ist, damit der IS im Iran tätig werden kann. 

Nur eine Frage der Zeit? 

Steinbach: Das ist die Philosophie des Islamischen Staates. Gleiches gilt ja auch für die europäischen Länder, von denen es von IS-Seite aus heißt, diese Länder seien am Krieg beteiligt, also versucht man sie dort zu treffen, wo sie effektiv zu treffen sind. Das gilt auch für den Iran. Er ist am Krieg gegen den IS beteiligt, also versucht man ihn im Iran selbst zutreffen. 

Warum wurden gerade diese Orte ausgewählt? 

Steinbach: Das Parlament ist das Zentrum der islamischen Republik, wenn man mal vom religiösen Führer selbst absieht, an den man natürlich nicht herankommt. Und das Mausoleum von Ajatollah Chomeini südlich von Teheran ist ein gewaltiger Platz der Spiritualität der Schiiten und der islamischen Republik. Hier trifft man zwei wichtige Zentren. Das des politischen Raumes und das des spirituellen Raumes. Zwei Ziele mit höchster Symbolkraft. 

Sehen Sie einen Zusammenhang mit den Entwicklungen in Katar in den letzten Tagen? 

Steinbach: Nein. So kurzfristig einen Anschlag im Iran zu planen und durchzuführen ist infrastrukturell kaum möglich. Zudem mag man den Golfstaaten und auch Saudi-Arabien an politischer Torheit viel zumuten, aber ein von den Saudi-Arabern gesponsertes Attentat im Iran, das wäre eine Situation, die von höchster Folgewirkung und Dramatik wäre, vor allem zu Lasten Saudi-Arabiens und der arabischen Golfstaaten. 

Die iranische Regierung machte am Mittwoch jedoch Saudi-Arabien für das Attentat verantwortlich. 

Steinbach: Das ist politische Rhetorik, mehr nicht. Das man sich gegenseitig Untaten zuschreibt, das haben wir schon wiederholt gesehen. Politisch relevant war das in der Vergangenheit aber nicht. 

Sind die Folgen des Anschlags abzusehen? Explodiert gar bald das „Pulverfass Naher Osten“? 

Steinbach: Das wird die Zeit zeigen. Ich kann momentan noch nicht erkennen, dass dieser Anschlag jetzt eine deutliche Verschärfung der allgemeinen Situation mit sich bringen wird.

Lesen Sie hier die ausführliche Analyse zur Katar-Krise: katar, das einsame Emirat

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