Trauer um Politikerin

„Aufrechte Demokratin“ - Hildegard Hamm-Brücher gestorben

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Hildegard Hamm-Brücher ist mit 95 Jahren gestorben.

München - Sie war die „Grande Dame“ der FDP: Jahrzehntelang prägte Hildegard Hamm-Brücher die Politik der Liberalen - in München, in Bayern und bundesweit. Jetzt ist sie im Alter von 95 Jahren gestorben. 

Die langjährige FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher ist tot. Das teilte ihre Familie am Freitag mit. Sie starb bereits am Mittwoch im Alter von 95 Jahren in ihrer Wohnung in München.

„Deutschland verliert mit Hildegard Hamm-Brücher eine herausragende Demokratin - und eine der letzten politischen Akteurinnen, die unsere Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg mitaufgebaut haben“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag in Berlin. Über viele Jahrzehnte hinweg sei sie eine der profiliertesten Stimmen und ein Vorbild des politischen Liberalismus in Deutschland gewesen. "Mit ihrem unermüdlichen und wortgewaltigen Einsatz für unsere freiheitliche Demokratie hat sie sich höchsten Respekt über Parteigrenzen hinweg erworben." 

Bundespräsident Joachim Gauck nannte sie ein Vorbild für jüngere Generationen. „Hildegard Hamm-Brücher besaß Anstand und Maß und war offenen Sinnes für andere und Andersdenkende“, sagte er am Freitag laut Mitteilung in Berlin. „Mit ihrer aufrichtigen Liberalität bleibt sie auch für nachfolgende Generationen ein Vorbild.“ 

Sie habe stets „klug, selbstständig und fair“ für ihre Überzeugungen gekämpft und „wie kaum eine andere für einen Liberalismus, der sich für Bürgerrechte, Zivilcourage und demokratische Kultur einsetzte“ gestanden, sagte Gauck.

Sie prägte liberale Politik

Über Jahrzehnte hatte Hamm-Brücher die Politik der Liberalen geprägt - beispielsweise als Staatsministerin im Auswärtigen Amt unter Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Sie galt als „Grande Dame“ der FDP.

1921 in Essen geboren, wuchs sie nach dem frühen Tod ihrer Eltern bei ihrer jüdischen Großmutter auf. Nach dem Abitur 1939 studierte sie Chemie in München und promovierte 1945. Während dieser Zeit schützte ihr Doktorvater, der Nobelpreisträger Heinrich Wieland, sie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Nach dem Krieg beschloss Hamm-Brücher, in die Politik zu gehen. 1948 wurde sie für die FDP in den Münchner Stadtrat gewählt. 1950 wurde sie FDP-Abgeordnete im bayerischen Landtag. Von 1976 bis 1990 saß sie für die Liberalen, deren stellvertretende Bundesvorsitzende sie 1972 wurde, im Bundestag.

Hamm-Brücher gab ihr Parteibuch ab

Die Krönung ihrer Laufbahn blieb ihr versagt. 1994 kandidierte Hamm-Brücher für das Bundespräsidentenamt. Doch im dritten Wahlgang opferte ihre Partei sie dem Koalitionskalkül - Staatsoberhaupt wurde Unionskandidat Roman Herzog. Nach 50 Jahren in der FDP gab Hamm-Brücher 2002 ihr Parteibuch ab - wegen antiisraelischer Äußerungen des damaligen Parteivizes Jürgen Möllemann.

2015 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. Doch trotz zweier Oberschenkelhalsbrüche, Gedächtnislücken und Gleichgewichtsstörungen verfolgte sie die Entwicklungen in der Politik weiter. Bis ins hohe Alter schrieb sie Bücher und trat öffentlich auf. Hamm-Brücher war seit 1954 mit dem - 2008 gestorbenen - Juristen und CSU-Kommunalpolitiker Erwin Hamm verheiratet. Sie hinterlässt einen Sohn und eine Tochter.

„Unabhängiger Geist und leidenschaftliche Liberale“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) würdigte Hamm-Brücher für ihre Verdienste um Freiheit und Demokratie. „Wir verlieren mit ihr eine der ersten Frauen, die sich im Auswärtigen Amt und weit darüber hinaus für Demokratie und Freiheitsrechte eingesetzt hat“, sagte er in Hamburg. 

SPD-Chef Gabriel nannte die Verstorbene eine "ebenso streitbare, wie überzeugt liberale Politikerin und eine hochgeachtete Persönlichkeit". "Sie hat die Geschichte der jungen Bundesrepublik seit 1948 entscheidend mitgestaltet." Gabriel hob besonders hervor, dass Hamm-Brücher von Beginn an eine überzeugte Unterstützerin der Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) gewesen sei. "Die Zeit der sozialliberalen Koalition sah sie als ihre glücklichste politische Zeit an."

Hamm-Brücher warnte stets vor Extremismus

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nannte Hamm-Brücher "eine große Politikerin von Format und eine streitbare liberale Persönlichkeit". Für sie sei Freiheit mehr als ein Wort gewesen. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth erklärte: „Ich trauere um ein großes Vorbild.“

Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nannte Hamm-Brücher den „Inbegriff der gelebten Bürgergesellschaft“. „Hildegard Hamm-Brücher war eine aufrechte und leidenschaftliche Demokratin, liberale Streiterin, Kämpferin gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Ohne ihr Engagement für Bildung und Demokratie wäre die Bundesrepublik nicht das, was sie heute ist.“ Zu jeder Zeit habe sie vor der Verharmlosung extremer Gesinnungen gewarnt, erklärte sie.

Lindner: „Eine streitbare Demokratin“

Deutlich knapper als bei der SPD fiel die Würdigung von FDP-Chef Christian Lindner aus. Er erklärte, die Liberalen blickten voller Respekt auf das Lebenswerk, und hob dabei besonders Hamm-Brüchers Engagement für eine bessere Bildungspolitik hervor. Lindner nannte die Verstorbene eine "streitbare Demokratin". "Ihre Standhaftigkeit und ihre persönliche Unabhängigkeit haben sie zu einer oftmals unbequemen Politikerin im besten Sinne gemacht."

Im Jahr 2005 gab Hildegard Hamm-Brücher dem Münchner Merkur ein ausführliches Interview, das Sie hier nachlesen können.

Hildegard Hamm-Brücher: Bilder aus ihrem Leben

dpa

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