CO2-Kompensationen im Visier

„Klima-Bluff“ gegen Flugscham? Greta Thunberg will Flugreisenden ans Gewissen

Greta Thunberg ist zu Hause - Urlaub macht die Aktivistin jedoch nicht. Sie rügt einen „Bluff“. Und will Auswege aus der „Flugscham“ schließen.

  • Greta Thunberg ist nach ihrer Klimareise um die Welt wieder in Stockholm angekommen.
  • Doch noch während der Weihnachtsfeiertage meldet sich die Aktivistin mit einem neuen Anliegen.
  • Es geht um das Fliegen - und die Hoffnung, mit CO2-Kompensationen für Ausgleich zu sorgen.

Stockholm/München - „Flugscham“, dieser Begriff existiert im deutschen Wortschatz eigentlich erst, seit Greta Thunberg und ihre Fridays For Future weltweit Aufmerksamkeit bekommen. Und Thunberg meint es ernst: Zum Ende der Weihnachtsfeiertage hat sich die Aktivistin noch einmal zu Wort gemeldet - und will nun auch den letzten Ausweg für das gute Flugreisenden-Gewissen schließen. Von Urlaub bei Greta Thunberg also keine Spur.

Greta Thunberg: CO2-Kompensation für Flugreisen jetzt im Visier

Ins Visier genommen hat Thunberg die durchaus beliebten CO2-Kompensationen. Deren Mechanismus ist simpel: Wer fliegt, spendet für die rechnerisch resultierenden Emissionen einen Geldbetrag an eine Organisation - die im Gegenzug Projekte vorantreibt, die anderenorts CO2 einsparen sollen. Oft auf der Südhalbkugel.

Marktführer in Deutschland in diesem Bereich ist Atmosfair. Die Organisation hat zuletzt ein deutliches Spendenplus verzeichnet. Bereits Anfang Dezember sei man über dem Vorjahreswert von 9,75 Millionen Euro an Ausgleichszahlungen gelegen, sagte Julia Zhu von Atmosfair zuletzt der dpa. Dabei gingen neben der Haupturlaubssaison auch in der Zeit um Weihnachten normalerweise besonders viele Spenden ein. „Auch die Fridays-for-Future-Bewegung hat sich deutlich bemerkbar gemacht“, sagte die Sprecherin.

Greta Thunberg kritisiert „Klimakompensations-Bluff“

Genau die findet - zumindest in Gestalt Greta Thunbergs - diese Entwicklung aber gar nicht so erfreulich. Die junge Schwedin schrieb am Donnerstagabend in einem Tweet von einem „Klimakompensations-Bluff“. Die CO2-Ausgleichswirtschaft verursache „mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Schaden als Nutzen“. 

Thunberg bezog sich in ihrem Tweet auf eine Artikelreihe der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter. Im dort zuletzt veröffentlichten Bericht kamen Vertreter der nationalen Naturschutzbehörde zu Wort, die Kritik an der Kompensation übten - sie erlaube es Fluggesellschaften, auf Minderungen des Ausstoßes von CO2 zu verzichten. „Das muss 2020 Allgemeinwissen werden!“, fordert Thunberg in ihrem Tweet. Und könnte damit auch in Deutschland wieder für lebhafte Debatten sorgen.

In Schweden hatten im Oktober auch Berichte über eine Aufforstungsaktion in Uganda hohe Wellen geschlagen. Die Rede war von „Klima-Kolonialismus“ mit verheerenden Auswirkungen für die lokale Bevölkerung. Das Themenfeld scheint also mindestens komplex.

Greta Thunberg: Gelehrten-Streit um CO2-Kompensation - „kein Ablasshandel“

Ob und wie der Tauschhandel Flugreise gegen Kompensation funktioniert - das ist ohnehin einmal mehr Gegenstand eines laufenden Gelehrtenstreits. Atmosfair etwa verweist auf seiner Homepage auf eine Studie der Uni Kassel. 

„CO₂-Offsetting ist definitiv kein Ablasshandel, sondern ermöglicht den Ausgleich von schwer vermeidbaren Emissionen, was insgesamt zu mehr Klimaschutz führen sollte“, zitiert die Organisation den Forschungsprojektleiter Andreas Ziegler. Ziegler ist allerdings kein Klimaforscher - sondern Volkswirtschaftler.

In Deutschland könnte es baldzahlreiche Greta Thunbergs geben, die die Politik aufmischen. Das vermutet eine Richterin, die sich seit Jahren mit Menschenrechten beschäftigt.

Greta Thunberg und die „Flugscham“: Experten sehen positive Effekte - warnen aber auch

Eine Kompensation, wie sie Atmosfair ermöglicht, kann aber auch nach Ansicht eines Experten des Umweltbundesamtes einen zusätzlichen privaten Beitrag zum Klimaschutz erbringen. Als Rechtfertigung für unverändertes, klimaschädliches Verhalten solle sie aber nicht verstanden werden, sagte Frank Wolke. Genau hier liegt wohl der geheime Knackpunkt des Streits.

In Schweden klingt die Debatte etwas anders. Es handle sich bei der CO2-Kompensation um keine „schnelle Lösung“, sagte etwa die Klimawissenschaftlerin Eva Lövbrand vor einigen Wochen der Zeitung Aftonbladet. Sie spricht (immerhin) von einem „Nullsummenspiel“. Lövbrand warnte zugleich aber auch: Eben jenes Nullsummenspiel werde nicht genügen, um die Klimaerwärmung so stark zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommen vorsieht.

Jetzt leistete sich der WDR einen Faux Pas: Der auf Klimaschutz umgedichtete Text für den WDR-Kinderchor bescherte dem Sender einen echten Shitstorm. Den Lied-Text des WDR-Kinderchors, sowie das Video gibt es hier. Jetzt schoss ein AfD-Mann deftig gegen Greta Thunberg, obwohl er eigentlich jemand anderen mit seiner Kritik treffen wollte.

Wie geht es 2020 und darüber hinaus weiter mit Greta Thunberg und der Klimabewegung? Werden die Ziele erreicht? Ein Zukunftsforscher hat nun über die Zukunft von Greta Thunberg und der Klima-Bewegung gesprochen und sagt entscheidende Veränderungen voraus.

Noch stärker als Fluglinien stehen Kreuzfahrtschiff-Betreiber im Fokus der Klimakritik - ein Reiseveranstalter bekam im Sommer im Live-TV gar „die Leviten gelesen“. Ein europäisches Staatsoberhaupt hat unterdessen Klima-Aktivisten kritisiert. Er spricht von einer „Klima-Religion“. Bei der Deutschen Bahn ist zum Jahreswechselbeileibe nicht jedes Ticket günstiger geworden, wie Merkur.de* berichtet.

fn (mit Material von dpa)

Rubriklistenbild: © AFP / CRISTINA QUICLER

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