Trauer um den Altkanzler

Helmut Kohl: Als er uns die Einheit brachte

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Bundeskanzler Helmut Kohl winkt am 20.2.1990 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Erfurt vor einem Meer von Deutschlandfahnen der Menge zu.

Einheitskanzler, ewiger Kanzler, Bimbes-Kanzler, Birne: Helmut Kohl hatte viele Namen. Am Freitag ist er im Alter von 87 Jahren gestorben - im Gedächtnis bleiben viele Verdienste.

Ludwigshafen - Der ewige Kanzler durfte dort sterben, wo er sein ganzes Leben verbracht hatte – in seiner geliebten Pfälzer Heimat, in seinem Bungalow im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim. Helmut Kohl, der länger als jeder vor und nach ihm Bundeskanzler war, schlief am Freitagmorgen um 9.15 Uhr in seinem Bett friedlich ein – im Beisein seiner Frau Maike (52). Schon in den letzten Tagen hatte sich das Ende abgezeichnet – aber ins Krankenhaus wollte er nicht mehr. Kohl wurde 87 Jahre alt. Seit einem schweren Sturz 2008 saß er im Rollstuhl. Damals erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma und konnte seither nur noch schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert, nach mehreren Operationen lag er monatelang im Krankenhaus. Kanzlerin Angela Merkel erreichte die Nachricht vom Tod ihres Vorgängers während einer Reise nach Rom. 

Sie rief sofort die Witwe Maike an, um ihr ihr Beileid auszusprechen. Sichtlich bewegt wandte sich die Kanzlerin dann an die Bundesbürger, um ihren Vorgänger zu würdigen: Kohl habe erkannt, dass die Einheit Deutschlands und Europas untrennbar miteinander verbunden seien. Er habe die Gunst der Stunde genutzt, um die Wiedervereinigung herbeizuführen. „Ich verneige mich vor seinem Andenken.“ Kohl war ein Politiker, der polarisiert – aber selbst seine politischen Gegner mussten anerkennen, dass er ein großer Staatsmann war, der im historisch entscheidenden Moment richtig gehandelt hat. 

Als er uns die Einheit brachte

Einheitskanzler, ewiger Kanzler, Bimbes-Kanzler, Birne: Helmut Kohl hatte viele Namen. Als Vater der Wiedervereinigung hat er sich in die Geschichtsbücher geschrieben, als zentrale Figur in der CDU-Parteispendenaffäre selbst vom Denkmal gestoßen.

Franz Josef Strauß prophezeite ihm 1976: „Herr Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen.“ Strauß scheiterte 1980 als Kanzlerkandidat, CDU/CSU und FDP wählten Kohl zwei Jahre später zum Kanzler – per Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt. Kohls Motto dieser Jahre war die „geistig-moralische Wende“, mit der er sich von Schmidt abgrenzte. Dem warf Kohl eine „Kapitulation vor dem Zeitgeist“ vor. Eine Bundesregierung müsse „politisch-geistige Führung“ beweisen. Die Bundestagswahl 1983 gewann er mit 48,8 Prozent.

In den ersten Jahren setzte Kohl Schmidts Nato-Doppelbeschluss gegen die Friedensbewegung um, neue Atomraketen wurde in Deutschland stationiert. Die Flick-Affäre überstand er 1984 unbeschadet, trotz 565 000 DM Schwarzgeld und einer Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss. Die Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern und Israel lag Kohl sehr am Herzen. 1984 sprach er in Jerusalem vor der Knesset über die „Gnade der späten Geburt“.

Die deutsche Vereinigung hatte er nie aus den Augen verloren. Als sich 1989 das Ende der DDR mit dem Fall der Mauer am 9. November abzeichnete, legte Kohl ohne Absprache mit der FDP und den westlichen Bündnispartnern im Bundestag ein „Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ vor. Er hatte nach der friedlichen Revolution erkannt, dass das Zeitfenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Mit UdSSR-Staatschef Michail Gorbatschow handelte Kohl im Juli 1990 im Kaukasus den Deal aus. Am 18. Mai 1990 wurde dann der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der DDR unterzeichnet. Als am 3. Oktober 1990 am Reichstag in Berlin die Wiedervereinigung vollzogen wurde, kämpfte Kohl mit den Tränen.

Doch dem Freudetaumel folgte schnell der Kater: Versprach Kohl 1990 noch blühende Landschaften im Osten, wickelte dort die Treuhand die Indus­trie ab. Wendehälse verdienten sich eine goldene Nase. Hunderttausende verloren ihren Job. Die Arbeitslosigkeit stieg von 2,6 Millionen (7,3 Prozent) im Jahre 1991 auf Werte von 4,4 Millionen (12,7 Prozent) im Jahr 1997. Der Westen stöhnte über den Solidaritätszuschlag.

1994 wurde Kohl nochmals im Amt bestätigt. Am 27. September 1998 wurde er abgewählt, es folgte Rot-Grün mit Gerhard Schröder (SPD). 16 Jahre Kanzler, das hat vor und nach ihm noch niemand geschafft. Im November 1998 trat er nach 25 Jahren auch als CDU-Vorsitzender zurück – und Angela Merkel gewann immer mehr Einfluss in der Partei. 

Johannes Welte

Der Fall des Denkmals

Nach Kohls Abwahl kochte die CDU-Spendenaffäre hoch. Nach anfänglichem Leugnen gab er am 30. November 1999 die Existenz schwarzer Konten bei der CDU zu, deren Vorsitzender er bis 1998 war. Kohl gab an, 2,1 Millionen DM illegaler Parteispenden an den Büchern vorbei geschleust zu haben. Die Namen der Spender nannte er nicht, er habe ihnen sein Ehrenwort gegeben, das nicht zu tun. Das Präsidium und der Vorstand der CDU brachen am 18. Januar 2000 mit Kohl als Ehrenvorsitzenden und sprachen Parteichef Wolfgang Schäuble das Vertrauen aus, obwohl auch der illegale Spenden angenommen hatte. Schäuble sagte, er habe das Geld in einem verschlossenen Umschlag bekommen und weitergereicht. Kohl ließ von sich aus den Ehrenvorsitz ruhen. Einen Tag später verkündete die damalige Generalsekretärin Angela Merkel, bei der Prüfung der CDU-Kassenbücher seien weitere Millionen „unbekannter Herkunft“ aus Kohls Amtszeit aufgetaucht. Am 16. Februar 2000 erklärte Schäuble seinen Rücktritt als Parteichef, Merkel wurde Nachfolgerin. Ein Ermittlungsverfahren gegen Kohl wegen Untreue wurde gegen eine Geldbuße von 300 000 DM eingestellt. Umstritten war auch Kohls Beratervertrag für Medienmogul Leo Kirch über 1,8 Millionen DM. Im April verklagte Kohl erfolgreich den Autor Heribert Schwan (Foto) auf eine Million Euro, da dieser in einer Biografie über den Ex-Kanzler unautorisiert Aussagen aus einem Interview mit Kohl zitiert hatte.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser