Schatten der Vergangenheit

Horst Seehofer feiert 70. Geburtstag - doch der CSU-Politiker hat keine Lust auf Party

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Horst Seehofer: Auf dem Papier feiert er nun seinen 70. Geburtstag. Zum Feiern ist ihm nicht zumute.
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Party? Gute Laune? Fehlanzeige. „Keine Feier, keinen Empfang, gar nichts“, hat er sich vorgenommen. Heute wird Horst Seehofer 70.

München - Horst Seehofer wird 70 – doch die große Party fällt aus. Über dem Geburtstag des Bundesinnenministers liegt der Schatten des Bruchs mit seiner CSU, den Seehofer vor einem Jahr verursachte. Über einen, der die Dinge am liebsten nur mit sich selbst regelt.

Leichenblass und mit leeren Augen schreitet Horst Seehofer durch die seltsamste Juli-Nacht seines Lebens. Der CSU-Vorstand tagt in München. Es ist der Höhepunkt des erbitterten Migrationsstreits mit der CDU. Er werde später eine persönliche Erklärung abgeben, orakelt der CSU-Chef gleich zu Anfang düster. Die Parteifreunde rätseln. Stundenlang. Um 23 Uhr kündigt er dann unvermittelt seinen Rücktritt von allen Ämtern an. Fassungslose Kollegen schleifen ihn ins Nebenzimmer, reden auf ihn ein, das zu überdenken. Er sträubt sich, streitet, knickt ein. Um 2 Uhr morgens tritt Seehofer vor die Parteizentrale, ins grelle Licht der Kameras. Erklärt seinen Rücktritt mit der Einschränkung, dass das erst in drei Tagen wirksam werde.

70. Geburtstag: Horst Seehofer ist nicht nach Feiern zumute 

Nicht mehr da, aber noch nicht weg: Es ist der Auftritt eines Gespenstes. Schon ein Jahr, fast auf den Tag genau, ist das her. In der CSU erinnern sie sich mit Grauen an den Rücktritt vom Rücktritt. Seine Drohung machte der Bundesinnenminister nämlich nie wahr, nicht in dieser Nacht und nicht drei Tage danach. Er sei da falsch verstanden worden, hat er später wortreich erklärt. Minister ist er noch immer. Feiert heute seinen 70. Geburtstag. Aber wird den Modergeruch des Rücktritts nicht mehr los.

Runde Geburtstage sind normalerweise Anlass für große Feste. Für den Jubilar, seine Freunde, die Kollegen. „Keine Feier, keinen Empfang, gar nichts“, hat sich Seehofer vorgenommen – und zur Sicherheit alle potenziellen Organisatoren von Feierlichkeiten vorgewarnt. CSU-Chef Markus Söder informierte die Parteifreunde unlängst in einer Vorstandssitzung über den Wunsch des Ehrenvorsitzenden. Es dürfte die erste Seehofer-Vorgabe der jüngeren Geschichte sein, die Söder gern erfüllt.

Nicht mehr da, aber noch nicht weg. Irgendwie passt das seit einem Jahr auf den Politiker Horst Seehofer und die CSU. Das Amt des Bundesinnenministers ist eines der wichtigsten, die die Republik zu vergeben hat. Doch in Berlin hatte keiner auf Seehofer gewartet, der als CSU-Chef die Kanzlerin und die Schwesterpartei so lange getriezt hatte. Die Hauptstadtjournalisten begleiten ihn kritischer als jeden anderen. Nur in München waren sie froh, dass er vom Ingolstädter Stadtteil Gerolfing aus nun gen Norden pendelt. Langjährige Weggefährten in der Partei berichten, dass der Kontakt abgebrochen sei.

Horst Seehofer polarisiert Polit-Kollegen und Medien 

Seehofers politisches Leben ist geprägt von Haken, Volten, spektakulären Überraschungen. „Die graue Renitenz“, beschrieb ihn der „Spiegel“ mal, „Crazy Horst“ titelte die FAZ. „Ich bin Schachspieler. Die anderen spielen nur Mühle“, sagte er früher gerne. Und das waren milde Worte, sonst schimpfte er auch über „Kleingeister“ oder „Pyjama-Strategen“. Kritikern, die ihn zu früh abschrieben, beschied er mal: „Sie haben mich schon für klinisch und politisch tot erklärt, aber jetzt bin ich wieder da.“

Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen: 1980 zieht Horst Seehofer in den Bundestag ein. Der Kanzler heißt in diesem Jahr Helmut Schmidt, die Grünen gründen ihre Bundespartei, auf dem Oktoberfest explodiert eine Bombe. Inzwischen kann man diese Dinge in den Geschichtsbüchern nachlesen. Politik ist in Bonn ein anderes Geschäft, Internet gilt als Science Fiction. Seehofer ist Bestandteil der Ära Kohl. Es folgen Schröder und Fischer. Merkel. Zehn Jahre als Ministerpräsident in Bayern.

Horst Seehofer scheint heute widersprüchlich

Und jetzt eben Bundesinnenminister. Krawalle in Chemnitz. Cyberkriminalität. Ärger um den Präsidenten des Verfassungsschutzes. Gesetzespakete zur Migration. Der Mord an Walter Lübcke. Das Hamsterrad dreht sich immer schneller. Sicherheitsbehörden verlangen rund um die Uhr Entscheidungen, manchmal geht es um Leben und Tod. Noch nie habe er so viel gearbeitet, sagt Seehofer in kleinen Runden. Zur Erinnerung: Der Ministerpräsident Seehofer hat 2008 als erste Amtshandlung alle Minister über 60 aus dem Kabinett geschmissen. Zu alt, fand Seehofer damals.

Für ihn gelten eigene Regeln: Das Bundesinnenministerium ist ein gigantisches Haus, das sich Seehofer in den Koalitionsverhandlungen noch kräftig ausgebaut hat. Er ist jetzt noch für das Megathema Wohnen zuständig. Und für den eher gefühligen Bereich Heimat. Inzwischen scheint das Ministerium so groß und widersprüchlich wie der Hausherr. Ein Menschenfänger, der in kleinen Runden auch die größten Kritiker überzeugen kann. Ein Unbestechlicher, der festen Prinzipien folgt – beides in der Politik eine Seltenheit. Einer mit feinem Gespür für die Anliegen der kleinen Leute, wie er beim Kampf gegen die Kopfpauschale bewies, oder später mit seiner Kritik an Angela Merkels Migrationspolitik. Ein Mann mit feiner Ironie und knallhartemMachtanspruch. Man kann als Journalist viel Spaß haben mit Horst Seehofer – und als Parteifreund viel Ärger.

Horst Seehofer zeigt Merkmale eines Einzelkämpfers

Seehofer regelt die Dinge mit sich selbst. Meist scharen Politiker eine ganze Entourage um sich. Sekretärinnen, Referenten, Büroleiter. Ein Küchenkabinett. Seehofer hat nur Seehofer. Was ihn umtreibt, schreibt er auf einen Zettel und trägt ihn in der Innentasche seines Jacketts bei sich. Als er 2008 nach München wechselte, ging keiner seiner Mitarbeiter mit. Genauso war es jetzt bei der Rückkehr nach Berlin.

Genauso lief es in der CSU. „Ich hatte nie ein Netzwerk, ich wollte das auch nie. Ich habe nie jemanden angerufen: Bitte wähl mich“, sagte er einmal. Kein Geklüngel in der Partei, kein Taktieren mit Gleichgesinnten. Er hasst das. Vielleicht hat er sich auch deshalb so gegen Söder gewehrt. Seehofer kämpft immer mit offenem Visier, aber zum Schluss seiner Karriere hat er sich auch zu oft verkämpft. Und es gab keine Mitarbeiter, keine Parteifreunde, die den Chef warnten. Vor einem Rücktritt. Oder einem Rücktritt vom Rücktritt.

„Ich brauche jetzt keine große Bilanz zu ziehen“, hat Seehofer vor seinem Geburtstag alles abgeblockt. Dabei könnte es bald vorbei sein. Als Innenminister wird er nur bis zum Ende der Koalition amtieren, das offiziell auf 2021 angesetzt ist und wohl viel früher kommen wird. Ironischerweise ist sein Schicksal nun mit dem der Kanzlerin verbunden, jener Frau, die er auf dem Parteitag 2015 öffentlich demütigte. Jene Frau, die er mit seiner Rücktritts-Drohung im vergangenen Juli aus dem Spiel nehmen wollte. Endet die Regierung Merkel, endet auch die Karriere von Horst Seehofer. Er hat nur noch sein Ministeramt. Abgeordneter ist er nicht.

Horst Seehofer und sein Verhältnis zur CSU: Nur noch Makulatur?

Seine CSU-Ämter ist Seehofer ohnehin längst los. Den Ehrenvorsitz haben sie ihm noch angetragen auf dem Parteitag dieses Jahr, er nahm ihn an, füllt ihn aber nicht aus. Sitzungen bleibt er fern, hält sich aus Debatten raus. Wie schwierig das Verhältnis zwischen ihm und der Partei ist, die einst sein Leben war, zeigen sogar kleine Details. In einem neuen Werbefilm, den die Parteizentrale Besuchergruppen zeigt, werden 74 Jahre glorreiche CSU-Geschichte gepriesen, mit allen Größen vonHundhammer über Strauß bis Stoiber in Wort und Bild – nur Seehofer kommt darin keine Sekunde vor. Ministerpräsident 2008 bis 2018, Parteichef 2008 bis 2019 – hoppla, vergessen.

Zum 70. erklärt CSU-Chef Söder, Seehofer könne „auf ein eindrucksvolles Lebenswerk zurückblicken“. Es klingt eher wie ein Nachruf. Dabei hätte die CSU Seehofer einiges zu danken. Er holte sie 2008 aus dem Beckstein-Scherbenhaufen, er rettete sie 2013 aus dem teuflischen Sog der Abgeordneten-Affäre, er verpasste ihr eine Frauenquote und ein zeitgemäßes Parteiprogramm. Und ab und zu lehrte er sie Demut, wenn sie zu großmäulig wurde. Über seine „Koalition mit dem Bürger“ spöttelte seine Partei lange. So lange, bis sie nach Seehofer Koalitionen mit anderen Parteien eingehen musste. Der Ehrenvorsitzende beobachtet aus der Ferne. Und schweigt.

Meldung vom 8. Dezember 2019: Wegen technischer Probleme musste Horst Seehofer einen Hubschrauberflug abbrechen. Wie ernst es mit der Notlandung war, bemerkte er nicht sofort.

Eine Woche vor dem CSU-Parteitag 2015 sprach Ministerpräsident Horst Seehofer mit unserer Zeitung über Flüchtlinge, die Kanzlerin und die Gefahren für die CSU.

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