Interview zum Tag des Handwerks

Handwerkender Politiker: „Ein Mensch? Nicht erst mit Abitur“

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Peter Winter ist gelernter Heizungs- und Lüftungsbauer. Er wurde 1984 Bürgermeister in Waldaschaff und sitzt seit 2003 für die CSU im Landtag.

Im Landtag ist Peter Winter ein Exot – dabei hat er etwas ganz Normales gemacht: Hauptschule, dann Lehre. Im Interview erzählt er, wie es ist einer der letzten Handwerker im Parlament zu sein. 

Der Abgeordnete Peter Winter aus Aschaffenburg in Unterfranken ist einer der letzten Handwerker in einem deutschen Parlament. Winter, 63, CSU, gelernter Heizungs- und Lüftungsbauer (Lehrzeit 1968 bis 1971), hat’s in der Politik damit auf eine Schlüsselstelle gebracht: Er führt den mächtigen Haushaltsausschuss des Landtags, der über Bayerns Ausgaben wacht.

Herr Winter, Sie sind eine Minderheit. Fühlen Sie sich einsam als einer der letzten Handwerker im Parlament?

Peter Winter: Nein, aber ich bin stolz darauf, dass ich es als Handwerker in den Landtag geschafft habe. Ich sage Schülern vor allem aus der Mittelschule oft: Strengt euch an, ihr könnt es weit bringen! Der Mensch beginnt nicht erst mit dem Abitur.

Ihre Eltern haben damals wohl nicht gesagt: „Mach’ die Hauptschule Waldaschaff fertig, damit Du Haushaltsausschuss-Vorsitzender wirst!“

Peter Winter: Ich stamme aus einem Arbeiterhaushalt. Mein Vater war Dreher und Schaber, meine Mutter war Schneiderin. Die haben mir ganz pragmatisch gesagt: Lerne Heizungs- und Lüftungsbauer, da kannst Du arbeiten und gut verdienen.

„Der Geselle ist nicht der Herrgott“

Waren es harte Lehrjahre?

Winter: Der Geselle ist nicht der Herrgott. Wenn ich heute immer höre: „Mensch, diese armen Schüler, diese armen Studenten“ – ein Lehrling muss auch um sechs Uhr aufstehen, den ganzen Tag hart körperlich arbeiten, nebenher die Berufsschule machen. Man lernt das Arbeiten in der Lehre, das prägt den Menschen. Ich hatte einen sehr guten Chef, der mich sehr gefördert hat. Er hat mir die kaufmännische Meisterprüfung nahegelegt. Ich war einer der ersten Absolventen der Akademie des Handwerks in Unterfranken und habe in meinem Betrieb auch als Einkäufer, Kalkulator und Controller gearbeitet.

Geht ein gelernter Handwerker im Parlament anders an politische Fragen ran als ein Verwaltungsjurist?

Winter: Pragmatisch. Gehen Sie mal als Handwerker in einen vollgelaufenen Keller – da müssen Sie sofort reagieren, helfen, Entscheidungen treffen. Da können Sie nicht lange nachdenken und dann drei Gutachter zusammenrufen.

„Handwerker in der Politik sind Lebenserfahrung pur“

Warum sind so wenige Handwerker in der Politik?

Winter: Weil viele Handwerker in ihrem Beruf aufgehen, mit ihrem Betrieb und ihren Ehrenämtern ausgelastet sind. Weil manche kleine Betriebe es auch schwer haben. Die geringe Zahl in der Politik ist sehr, sehr schade. Handwerker in der Politik sind Lebenserfahrung pur, das bereichert ein Parlament aus Juristen und Lehrern.

Ein Amtsrat kommt nach vier oder acht Jahren in der Politik mühelos auf seine Stelle zurück. Ein Handwerker nicht. Unfair?

Winter: Ich habe immer ohne doppelten Boden gearbeitet. Als ich zum Bürgermeister gewählt worden bin, war mir klar: Wenn ich nicht wiedergewählt werde, stehe ich vor dem Nichts. Das heißt dann aber auch: Da ist bei der politischen Arbeit eine ganz andere Dynamik dahinter.

„Leistung im Handwerk wird honoriert“

-Verdienen Sie jetzt mehr als ein cleverer Handwerksmeister?

Winter: Ich glaube, dass ein erfolgreicher Handwerksmeister sich finanziell auch auf dieser Ebene bewegt. Leistung im Handwerk wird honoriert.

Sie können jetzt einen Staatshaushalt aufstellen. Könnten Sie heute noch eine Heizung reparieren?

Winter: Ich baue gerade mein Haus um. Ich muss sagen: Die technischen Herausforderungen haben sich dermaßen geändert! Ich habe noch Schweißen gelernt, Gewinde gedreht. Heute werden viel Kunststoff und Edelstahl eingesetzt. Ich befinde mich gerade in einer spannenden zweiten Lehrzeit.

Interview: Christian Deutschländer

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