„Wir schätzten kalte Getränke und schöne Frauen“

Interview: Hartmann über Horst Ehmke (†90) und die wilden Nächte in München

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Horst Ehmke und Waldemar Hartmann verband eine gute Freundschaft.

München - Für Sportmoderator Waldemar Hartmann war der verstorbene Horst Ehmke ein Weggefährte und guter Freund. Im Interview erinnert er sich an gemeinsame Zeiten - und wilde Nächte in Schwabing.

In seiner Autobiografie bezeichnete Waldemar Hartmann den verstorbenen Horst Ehmke als seinen "Lieblingssozen". Im Interview sprachen wir mit ihm über seine Erinnerungen mit dem SPD-Mann und was er in der heutigen Zeit in Politik wie Sport vermisst.

Sie haben Horst Ehmke im "Alten Simpl" kennengelernt, der legendären Kneipe in Schwabing...

Waldemar Hartmann: Im Alten Simpl ist er mir damals aufgefallen. Die Kneipe war der Treffpunkt, in dem sich Politik, Kultur, Sport und sonstige Schwerenöter getroffen hat. Der Trauzeuge meiner zweiten Ehe war Franz Georg Strauß (Sohn von Franz Josef Strauß, Anm. d. Red.). Als ich mit ihm mal wieder im „Simpl“ saß, erklärte er mir, dass Horst Ehmke heute auch noch kommen würde, da er nachmittags zuhause bei Strauß gewesen sei. Das war für mich eher unvorstellbar, weil mein Vater in Ehmke wegen seiner Ostpolitik die Inkarnation eines Kommunisten sah. Franz Georg hat mir erzählt, dass sich sein Vater und der „rote Horst“ gut verstehen würden und persönliche Hintergrundgespräche auch im Sinne von „was kann man da ohne Ideologie ausrichten“ zum Wohl der Republik geführt haben.

Hartmann: „Ehmke schätzte kalte Getränke und schöne Frauen - wie ich“

Wann war das in etwa?

Hartmann: Das war Mitte der 80er Jahre. Der „Simpl“ war mein Wohnzimmer. Damals war ich Moderator der „Rundschau“ im BR. Ich hatte Zeit und Geld. Ein glücklicher Zustand. Und wie Ehmke schätzte ich kalte Getränke und schöne Frauen.

Bis zu Ihrem nächsten Treffen hat es aber etwas gedauert...

Hartmann: Als Nächstes sind wir im Jahr 2000 in der NDR-Talkshow "Herman und Tietjen" aufeinander getroffen. Das war in Hannover am Flughafen. Ehmke war da und auch Matthias Beltz, ein leider viel zu früh verstorbener grandioser politischer Kabarettist aus Frankfurt. Der war mit Ehmke sehr dicke, gut befreundet! Wir saßen nach dieser Talkrunde beim Wein zusammen. Und dann sagte Ehmke: „Mensch, ich kenn dich doch irgendwoher, und zwar nicht aus dem Fernseher“. Ich antwortete darauf: 'Ja das stimmt, aus dem „alten Simpl“. Wenn du bei Franz Josef warst in der Hirschgereuthstraße, wurdest du schon von Franz Georg angekündigt“. Da funkte es bei ihm. Und Beltz schaute uns nur mit großen Augen an und sagte: “Sag mir bitte, dass das nicht wahr ist.“ Der ist da kurzfristig vom Glauben abgefallen, dass einer seiner Jugendhelden mit Strauß im Hintergrund politische Gespräche geführt hat. Das war dann ein wunderbarer Abend am Flughafen. Es dauerte so lange, bis irgendwann um 3 oder halb 4 nachts die Security kam und sagte, sie müssten den Flughafen aber jetzt mal absperren. Wir haben uns dann noch zur Hotelbar durchgeschlagen, und es wurde eine lange Nacht.

Da ist der Knoten dann geplatzt?

Hartmann: Ja wir haben uns einfach toll verstanden und haben Kontakt gehalten. Ich war zur Moderation der ARD-Sportschau oft in Köln, er wohnte damals in Bonn. Und wir haben telefoniert und uns dann auch zwei-, dreimal getroffen. Und dann hatte er die Idee, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Von ihm waren da schon drei sehr erfolgreiche Krimis auf dem Markt. Er wollte in einem Roman Politik und Sport verbinden, und ich sollte Letzteres bedienen. Seine Idee war, den Roman zum Bundestagswahl-Jahr und WM-Jahr 2006 herauszubringen.

Hartmann: Ehmke regte sich tierisch auf

Hätte sich in der Theorie ja wunderbar angeboten.

Hartmann: Er war da Feuer und Flamme! „Wir zwei, das wird ein voller Erfolg!“ Und dann sind wir beim Gespräch so verblieben, dass jeder mal so drauflos schreibt. 30 Seiten Exposé, wie sich das jeder von uns vorstellt, und dann wollten wir uns das vier Wochen später gegenseitig schicken. Nach zwei Wochen hatte ich von ihm 100 Seiten. Die hab ich übrigens immer noch! Er hat gleich mit dem Roman losgelegt und nicht nur die politische Seite, sondern die komplette Handlung. Es sollte eine Mischung aus Fakten und Fiktion werden. Mit lebenden Personen aber erfundenen Geschichten. Er hatte die Idee: Ein Regensburger Jugendspieler kommt zum FC Bayern, verliebt sich dort in eine Physiotherapeutin, die aber mit einem Spieler liiert ist und ... ... Ich hab ihn dann angerufen und ihm gesagt: “Horst, du schreibst das so, wie sich der kleine Max die Bundesliga vorstellt. So ist das aber leider nicht.“ Und dann hat er sich aufgeregt: “Was? Haben sie dich weichgekocht? Traust du dich nicht mehr?“, hat er mich wüst beschimpft. Weil ich eben gesagt habe, dass es so nix wird. Dann war er ziemlich sauer.

Danach war erstmal Funkstille zwischen Ihnen beiden?

Hartmann: Richtig. Doch dann trafen wir uns wieder bei einer Einladung. Und da kam er auf mich zu, hat mich umarmt und geschüttelt und hat gesagt: „Du hast uns vor der größten Blamage unseres Lebens bewahrt.“ Denn: In dem Roman sollte es so laufen, dass der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder die Weltmeisterschaft 2006 als Bühne für den Bundestagswahl nutzen wollte. Schröder wollte in dem Roman alles versuchen, diese WM in den Wahlkampf einzubinden und auf der Welle der Begeisterung in Deutschland die Wahl zu gewinnen. Und Ehmke wusste ja, wovon er redet. Es kam aber ja bekanntlich anders: Schröder stellte die Vertrauensfrage 2005, und seitdem ist Frau Merkel Bundeskanzlerin.

Bei Ehmkes Anekdoten gerät Hartmann ins Schwärmen

Sprachen Sie auch über den politischen Alltag?

Hartmann: Ehmke war ein toller Geschichtenerzähler: Er hat mir auch wunderbare Storys aus seiner Zeit als Kanzleramtsminister unter Willy Brandt erzählt: Als Brandt sich mal wieder zuhause im verdunkelten Schlafzimmer eingesperrt hatte - weil er ja depressive Anfälle gehabt haben soll, ich weiß es auch nicht genau - und er hat keinen zu sich vorgelassen. Und irgendwann ist Ehmke der Hut hochgegangen, und hat zu Ruth Brandt gesagt: 'Lass mich da rein!' und dann ist er ins Zimmer, hat die Vorhänge aufgemacht und gesagt: „Willy steh auf, wir müssen regieren!“ Der Satz ist ja zur Legende geworden und hat Brandt wohl tatsächlich aus dem Bett geholt. Ich saß bei solchen Geschichten immer da und habe große Augen gemacht. Er war ein guter Erzähler, der Horst. Wir haben dann darüber gesprochen, warum der Bundesliga-Part im Buch eben so nicht klappte, wie er sich das vorstellte. Und er meinte dann: „Aber so schlimm war‘s doch gar nicht!“ Meine Antwort darauf war: „Stimmt, es ist noch viel schlimmer!“

Damit war das Thema WM-Wahl-Roman aber erledigt, oder?

Hartmann: Ja wir haben uns darauf geeinigt, es sein zu lassen. Und waren gottfroh, dass dieser Kelch an uns vorüber gegangen ist.

Wann haben Sie sich zuletzt gesehen?

Hartmann: Das letzte Mal, als wir Kontakt hatten, ist schon etwas her. Zu meinem 60. Geburtstag hat er abgesagt, weil es ihm nicht gut ging. Es kam nur seine Frau Maria mit Bekannten aus Starnberg. Und ich habe dann auch nichts mehr gehört. Er lebte sehr zurückgezogen, das weiß ich. Er war nie auf einem Parteitag oder saß in irgendwelchen Talkrunden. In der SPD fehlte ihm der Stallgeruch.

„Es hat ja einen Grund, warum viele Martin Schulz hinterherlaufen“

Ehmke war ja durchaus als knorriger und zupackender Politiker bekannt. Vermissen Sie solche Typen in der Politik heutzutage ein bisschen?

Hartmann: Er war ja eine Generation, von der vor allem die Älteren immer wieder schwärmen. Obwohl sie politisch auf einer vollkommen anderen Schiene waren. Heute wird Wehner ja selbst von Konservativen vermisst (Herbert Wehner gestaltete in den 60er Jahren als SPD-Politiker die Geschicke Deutschlands maßgeblich mit. Er starb am 1990 im Alter von 83 Jahren, Anm. d. Red.). Weil es diese Figuren als solche kaum mehr gibt. Oberstes Gebot scheint „political Correctness“ zu sein. Die Parlaments-Diskussionen...o mei! Ich bin bei Gott kein politischer Anhänger von Gregor Gysi, aber er ist einer der wenigen, die den Bundestag beleben mit ihren Reden! Früher wurde Politik auf dem Marktplatz ausgetragen, da waren gute Redner gefragt. Ich will der Kanzlerin nicht zu nahe treten, aber bei ihren Regierungserklärungen döse ich regelmäßig weg. Es hat ja auch einen Grund, warum viele Martin Schulz hinterherlaufen. Er hat ja am Aschermittwoch nachgewiesen, wie man ein Festzelt füllt.

Schlagen wir den Bogen zur Bundesliga, Ihrer Paradedisziplin: Fehlen da so Typen wie Ehmke weniger?

Hartmann: Wenn ich mir die Interviews nach den Spielen ansehe: Das hat schon eine gewisse Ähnlichkeit mit der Politik. Da wird viel Luft verbreitet und wenig gesagt dabei. Es ist ja kein Zufall, dass Trappatonis „Flasche leer“-Rede und mein Interview mit Rudi Völler immer noch YouTube-Spitzenreiter sind.

„Selbst in der Bundesliga freuten sich viele über Uli‘s Rückkehr“

Und bei den Älteren? Stichwort Uli Hoeneß...

Hartmann: Uli hat ja nach seiner Wahl angekündigt, er werde nur drei Tage an der Säbener sein, und er werde sich zurücknehmen. Der Vorsatz hat sich Gott sei Dank genauso lang gehalten wie meine Silvestervorsätze. Selbst in der Bundesliga atmeten viele auf und freuten sich, dass wieder mehr Leben in der Bude herrscht. Ob das bei Bayern selbst auch so ist, stelle ich mal dahin. Diese Figuren, die Klartext reden und auch mal anecken, werden immer weniger. Überall sind Management, Gewinnmaximierung und Marketingwahn Trumpf. Asien scheint wichtiger als Niederbayern. Dabei kommen nach Adam Riese aber mehr Fans aus Landshut als aus Peking ins Stadion.

„Wer hat Sechzig beraten oder lässt sich dieser Verein nicht beraten?“

Wir haben in München ja noch einen anderen Verein. Haben Sie die letzten Wochen bei den Löwen verfolgt?

Hartmann: Ich habe vor Kurzem gesagt: “Bei Sechzig bin ich in der Ratlosigkeit angekommen.“ Der Zustand hält an. Wenn ich glauben darf, dass Herr Ismaik 50 oder mehr Millionen in den Verein gesteckt hat. Und der Verein steht immer noch kurz vor einem Abstiegsplatz. Da muss man sich fragen: „Wer hat diesen Verein beraten oder lässt sich dieser Verein nicht beraten?“

Ist es überhaupt noch der selbe Verein, von dem alle schwärmen?

Hartmann: Max Merkel hat vor langer Zeit gesagt: „Sechzig war ein Turnverein, ist der Turnverein und wird immer einer bleiben.“ Wobei das natürlich eine Beleidigung für viele Turnvereine wäre.

Herr Hartmann, vielen Dank für das Interview.

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