Zurück in der Hölle von Sobibor

München - „Arbeitsjude“ statt SS-Helfer: Die Verteidiger von John Demjanjuk stellten den 82-Jährigen zu Prozessbeginn als Opfer dar. Die Überlebenden von Sobibor wiesen diesen Vergleich empört zurück.

Als der Angeklagte John Demjanjuk im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben wird, steht Thomas Blatt auf. Der 82-Jährige hat die Hölle von Sobibor überlebt - aber seine Mutter, sein Vater und sein zehnjähriger Bruder Henry waren sofort nach der Ankunft der Familie in dem Vernichtungslager im Juni 1943 vergast worden. Sie sollen unter den 27.900 Juden gewesen sein, zu deren Ermordung Demjanjuk Beihilfe geleistet haben soll.

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Mit geschlossenen Augen, bis zum Hals in eine blaue Decke gehüllt, lässt der 89-jährige Angeklagte das minutenlange Blitzlichtgewitter der Fotografen beim Prozessauftakt am Montag über sich ergehen. Auch Thomas Blatt zieht einen Fotoapparat aus der Tasche undmacht ein Bild von dem Mann, der seine Familie ins Gas getrieben haben könnte. Unstrittig ist, dass der gebürtige Ukrainer 1940 zur Roten Armee eingezogen worden und im Mai 1942, mit 22 Jahren, von der Wehrmacht gefangen genommen worden war. Er behauptet, bis kurz vor Kriegsende in einem Gefangenenlager gewesen zu sein - aber die Anklage wirft ihm vor, er habe sich von der SS im Ausbildungslager Trawniki als sogenannter Hilfswilliger zum Wachmann ausbilden lassen. Deutsche Kommandosprache, NS-Ideologie und das Zusammentreiben von Juden standen auf dem Stundenplan. Vom März bis September 1943 sei Demjanjuk beim Massenmord in Sobibor im Einsatz gewesen.

“Er soll der Welt sagen, was passiert ist!“

“Das ist einer der letzten Prozesse. Er soll der Welt sagen, was passiert ist in Sobibor!“, sagt Blatt. “Ein Wachmann in einer Todesfabrik war ein Mörder“, sagt der 82-Jährige, der als 15-Jähriger von einem SS-Mann zu seinem persönlichen Schuhputzjungen bestimmt worden war und nur so überlebt hatte.

Thomas Blatt hat die Hölle von Sobibor überlebt.

Aber ob Demjanjuk verurteilt werde, sei ihm egal. “Er soll nur die Wahrheit sagen!“ Doch Demjanjuk schweigt. Statt dessen provoziert sein Verteidiger Ulrich Busch die anwesenden Überlebenden und die 20 Familienangehörigen Ermordeter. Der Trawniki-Mann “steht auf gleicher Stufe wie Thomas Blatt“ und Jules Schelvis, sagt der Anwalt, und ein empörtes Raunen geht durch den Gerichtssaal. Die Trawniki hätten wie die sogenannten Arbeitsjuden in Sobibor für die SS gearbeitet, “um ihre Haut zu retten“, sagt Busch. Und er beantragt, Schwurgericht und Staatsanwälte wegen Befangenheit abzulehnen und den Prozess einzustellen, weil die SS-Männer von Sobibor 1965 als kleine Befehlsempfänger freigesprochen worden seien, während jetzt die zum Dienst gepressten Kriegsgefangenen vor Gericht gezerrt würden.

Überlebende weisen Vergleich empört zurück

Frühere Unterlassungen der deutschen Justiz seien kein Grund für eine Einstellung des Verfahrens - der Fehler dürfe “hier und heute nicht wiederholt werden“, hält Opferanwalt Cornelius Nestler entgegen und weist Buschs Vergleich empört zurück: “Die Trawniki mordeten, die Juden nicht!“, sagt er. Der 87-jährige Schelvis sagt nur: “Das ist Unsinn.“

Die beiden Pflichtverteidiger des mutmaßlichen Nazi-Verbrechers John Demjanjuk, Günther Maull (li.) und Ulrich Busch.

Aber solches sei man aus NS-Prozessen ja schon gewöhnt. Dann verteilt ein Sanitäter Wasser an die zumeist betagten Nebenkläger. Dass Demjanjuk in Sobibor und später im KZ Flossenbürg war, willdie Staatsanwaltschaft mit seinem SS-Dienstausweis, Verlegungslisten und Einträgen im KZ-Waffenbuch sowie mit Zeugenaussagen anderer ehemaliger Trawniki beweisen. Und wer in Sobibor war, habe beim Massenmord mitgewirkt.

Das Grauen der Todesfabrik wird in der Anklage fast unerträglich exakt geschildert. Die Waggons seien von SS- und Trawniki-Männern umstellt und gewaltsam entladen worden.

Fortwährende Misshandlungen

Ein SS-Mann sagte den Ankömmlingen laut Anklageschrift, sie würden zu Arbeitseinsätzen gebracht, müssten aber zuerst duschen. Mit Stöcken und Schusswaffen bewaffnete Angehörige der ukrainischen Wachmannschaft trieben die Juden dann demnach zu den angeblichen Duschen. Etwa 80 Personen wurden jeweils in eine Gaskammer gedrängt, die vier mal vier Meter groß gewesen sei.

Mit Motorabgasen seien die Opfer getötet worden. Insgesamt 250.000 Menschen wurden in Sobibor von etwa 25 SS-Leuten und 125 Trawniki ermordet. Thomas Blatt konnte bei einem Häftlingsaufstand im Oktober 1943 entkommen. “Die Leute vergessen. Demjanjuk muss sagen, wie das ausgesehen hat in Sobibor“, fordert Die Anklageschrift kann am Montag nicht mehr wie geplant verlesen werden.

Wegen des großen Andrangs an Journalisten und sonstigen Zuhörern sowie den strengen Sicherheitsvorkehrungen hat der Prozess schon mit einstündiger Verspätung begonnen. Zwischendurch muss er unterbrochen werden, damit Demjanjuk wegen Kopfschmerzen behandelt werden kann. Verhandlungsfähig ist der 89-Jährige aber, wie in einer langwierigen Diskussion zum Abschluss des ersten Tages festgestellt wird.

AP

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