Junger kurdischer Musiker Baris

Er umklammerte seine Geige als er im Mittelmeer ertrank

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Der Junge mit der Geige: Baris Yazgi ertrank in der Ägais - und gibt den tausenden anonymen Ertrunkenen ein Gesicht.

Sein Leben endete, wie es begann: Mit einer Flucht. Als der junge kurdische Musiker Baris auf dem Weg in die EU im Mittelmeer ertrank, umklammerte er seine Geige. Tragisch: Er hatte Europa davor schon einmal erreicht gehabt.

Istanbul - Wie wichtig Baris Yazgi seine Geige war, zeigte sich am bedrückendsten bei seinem Tod: Der 22-jährige Kurde aus der Türkei ließ das Instrument nicht einmal los, als er im Mittelmeer ertrank. Baris Yazgi war unter 16 Toten, die am 26. April geborgen wurden, nachdem wieder ein Flüchtlingsboot in der Ägäis gekentert war. Anders als die vielen Flüchtlinge, die als namenlose Opfer in die Statistik eingehen, wurde dem jungen Musiker in seiner Heimat zumindest ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit zuteil. Die Zeitung „Hürriyet“ schrieb: „Bis zum letzten Atemzug klammerte er sich an seine Geige.“

Die Flucht, die Baris Yazgi das Leben kostete, war nicht seine erste. Einmal hatte er es sogar bis nach Europa geschafft. „Baris' Geschichte hat mit Flucht angefangen, und sie hat mit Flucht geendet“, sagt sein 32 Jahre alter Bruder Suat Yazgi.

Musik spielte bei den Yazgis eine schicksalhafte Rolle. Cengiz, einer der älteren Brüder, habe sich als erster Straßenmusiker getraut, kurdische Lieder auf der Istiklal Caddesi zu spielen, der berühmtesten Einkaufsmeile Istanbuls. Die Familie war nach Istanbul geflohen nachdem im Kurdenkonflikt Ende der 1990er Jahre ihr Dorf in der südosttürkischen Provinz Siirt zerstört worden war. 

„Die Geige wurde seine Lebensfreude“

Cengiz brachte es in Istanbul als Musiker zu einer gewissen Bekanntheit. Und er gab seine Liebe zur Musik an seinen kleinen Bruder Baris weiter: Er schenkte ihm seine erste Geige. „Die Geige wurde seine Lebensfreude“, sagt ein weiterer Bruder namens Fuat. „Sie hat seinem Leben eine Bedeutung gegeben.“

Suat Yazgi will die Geige seines toten Bruders reparieren lassen.

Fuat Yazgi war bereits 2001 nach Europa geflohen, nicht mit einem der Schlauchboote nach Griechenland, sondern mit einem großen Schiff nach Italien. Der 34-Jährige lebt schon lange im belgischen Gent, wo er als Koch arbeitet und in einer Einzimmerwohnung wohnt. Fuat sagt, er habe inzwischen die Zusage erhalten, dass er in Belgien eingebürgert werde. „Baris hat sich in der Türkei nicht mehr wohl gefühlt“, sagt Fuat. Sein kleiner Bruder habe sich zwar nicht politisch engagiert. „Aber du musst nicht politisch aktiv sein, um den Druck zu spüren.“

2016 stellte Baris seinen Asylantrag

Im Januar 2016 machte sich Baris das erste Mal auf den Weg zu seinem Bruder in Europa. Damals war der umstrittene Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei noch nicht in Kraft. Das Abkommen sieht vor, dass Flüchtlinge von den griechischen Inseln zurückgeschickt werden. Für Baris war der Weg Anfang vergangenen Jahres noch verhältnismäßig einfach. Er setzte von der westtürkischen Küste aus auf eine der griechischen Ägäis-Inseln über, gelangte nach Athen und schließlich mit dem Zug nach Belgien, wo er einen Asylantrag stellte.

Allerdings kam Baris in den Wirren der Flucht die Geige abhanden, die Cengiz ihm geschenkt hatte. Der Bruder schickte ihm Ersatz nach - mit der Post. „Baris war ganz aufgeregt“, sagt Fuat. „Ich musste ihn beruhigen und ihm versichern, Deine Geige kommt schon an.“ Als Baris wieder ein Instrument hatte, spielte er mit einer lokalen Musikinitiative namens „De Propere Fanfare“ in Gent. Die Weltmusik-Band hat nach Baris' Tod ein kurdisches Klagelied zum Gedenken an den Geiger einstudiert und auf Youtube veröffentlicht.

Bei einem Konzert in der Nachbarschaft lernte der Musiker Megan und Yves Peters kennen. „Er kam uns besuchen und aß manchmal zu Abend bei uns“, sagt Yves Peters. Seine Ehefrau Megan schrieb nach Baris' Tod auf Facebook, der junge Kurde habe sich schnell integriert gehabt. „Nachdem wir auch Musiker sind, haben wir uns sofort gut mit ihm verstanden. Baris kam und half uns, Gemüse zu pflanzen, er nahm an unseren Straßen-Grillfesten teil und verbrachte einfach Zeit bei uns und spielte uns Ständchen auf seiner Geige.“ Es sei deutlich gewesen, „dass er sein Leben anpacken und etwas daraus machen wollte“.

Fotos in der westeuropäischen Idylle

Yves Peters hat Fotos gemacht von Baris, als der Kurde mit dem dunklen Lockenkopf und dem verträumten Blick im Juni vergangenen Jahres auf einem Straßenfest im Viertel Geige spielte. Die Bilder zeigen eine westeuropäische Idylle: Die Nachbarschaft hatte Tische und Sonnenschirme aufgebaut, es gab Kaffee und Sekt, auf dem Bürgersteig spielten Mädchen in Badeanzug und Bikini. Doch auch wenn Baris freundlich aufgenommen wurde: Das Heimweh wurde immer stärker. Sein Bruder Fuat aus Gent sagt: „Er vermisste die Familie.“

Nach einem halben Jahr kehrte Baris daher zurück in die Türkei, er meldete sich ordnungsgemäß in Gent ab, sein Asylantrag verfiel. Das Datum seiner Ankunft in Istanbul: Der 15. Juli 2016. Wenige Stunden später begann der Putschversuch in der Türkei. Panzer rollten durch Istanbul, Soldaten besetzten die Bosporus-Brücke, Kampfjets donnerten im Tiefflug über die Stadt und brachten Fensterscheiben zum Bersten.

„Alle haben ihm abgeraten, noch einmal zu gehen“

„Er hat damals schlagartig bereut, dass er zurückgekommen ist“, sagt Suat in Istanbul. Nach Baris' Tod fand die Familie in seinen Sachen ein Busticket an die Ägäisküste, das auf den 17. Juli ausgestellt war. „Wir glauben, dass er sich da schon wieder auf den Weg machen wollte. Familie, Freunde, alle haben ihm abgeraten, noch einmal zu gehen.“ Danach sprach Baris nicht mehr über seine Fluchtpläne, die Familie wusste aber, dass er immer wieder in die Provinz Canakkale fuhr, von deren Küste aus die Schlauchboote Richtung Lesbos aufbrechen. Inzwischen war der Flüchtlingspakt in Kraft - „ein Abkommen auf Kosten von Menschenleben“, wie Fuat es nennt.

Geigenspiel in westlicher Idylle: Baris Yazgi im Juni 2016 bei einem Straßenfest in Gent.

In Istanbul schlug sich Baris in den kommenden Monaten als Musiker durch. „Wenn zum Beispiel jemand seiner Freundin einen Heiratsantrag machen wollte, konnte er Baris buchen, damit er ihn auf der Geige begleitet“, sagt Suat. Außerdem arbeitete Baris in einem Hotel an der Rezeption, um sein Englisch zu verbessern. „Am liebsten hätte er nur Straßenmusik gemacht und so sein Geld verdient.“ Baris wohnte mal bei seiner Familie, mal bei seinem Musiker-Bruder Cengiz. Dann war er plötzlich weg, und mit ihm eine seiner Geigen.

Suat ist Kellner im Soho-Haus, einem schicken Restaurant im Zentrum Istanbuls. Er war bei der Arbeit, als er auf seinem Handy die Nachricht las, dass ein Boot in der Ägäis gekentert sei. „In der Zeit saßen wir wie auf heißen Kohlen, weil wir wussten, dass er immer wieder nach Canakkale fährt“, sagt Suat. „Ich habe versucht, Baris anzurufen, habe ihn aber nicht erreicht.“ Im Messenger-Dienst Whatsapp sah er, dass Baris seit Stunden nicht mehr online war.

„Gab es da einen Jungen mit einer Geige?“

Cengiz habe daraufhin bei der zuständigen Polizeiwache an der Küste angerufen. „Cengiz fragte den Polizisten: „Gab es da einen Jungen mit einer Geige?“ Der Polizist fragte zurück: „Woher wissen Sie das? Wir haben eine Leiche gefunden mit einer Geige“. Die Mutter - die den Tod ihres Ehemannes drei Monate zuvor noch nicht verkraftet hatte - sei zusammengebrochen. „Sie klagt heute noch: Soll die Welt doch untergehen und ich mit ihr“, sagt Suat, dem selber die Tränen kommen, wenn er erzählt. „Baris war das Lieblingskind meiner Mutter.“

Suat versucht seitdem verzweifelt, die verantwortlichen Schlepper zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Ohne Erfolg: Der Staatsanwalt empfange ihn nicht und lasse ihn am Telefon abwimmeln, kritisiert er. Bei der Küstenwache habe man ihm erzählt: „Wir fangen die Menschenschmuggler zwar, aber dann werden sie freigelassen und wir sehen sie eine Woche später wieder. Die lachen uns ins Gesicht.“ Suat beklagt, die Behörden, aber auch die Menschen in Canakkale hätten sich an das illegale Geschäft der Schlepper gewöhnt - und an die sterbenden Flüchtlinge. „Das ist Mord. Aber niemand kümmert sich darum.“

Zwei schwangere Frauen überlebte als einzige

Zwei Frauen aus Afrika - eine davon schwanger - seien die einzigen Überlebenden aus dem Boot von Baris gewesen, sagt Suat. Sie hätten angegeben, 25 Menschen seien in dem überladenen Boot unterwegs gewesen. Einige der Toten wurden anscheinend nie geborgen.

„Unser einziger Trost ist, dass zumindest sein Leichnam gefunden wurde“, sagt Suat. Er selber habe die rituelle Waschung der Leiche seines Bruders vollzogen, dessen Hände noch im Tod in einem Klammergriff verharrt hätten. Er habe die Finger einzeln aufbiegen müssen. Fuat sagt: „Baris konnte schwimmen. Wir gehen davon aus, dass er seine Geige retten wollte.“

„Die Geige ist für uns wie ein Andenken“

Die Familie hat Baris in Istanbul begraben. Die Geige sei vom Meerwasser beschädigt worden, sagt Suat. „Cengiz wird sie reparieren lassen, damit Baris darin weiterlebt.“ Das Instrument soll auf jeden Fall in der Familie bleiben. „Die Geige ist für uns wie ein Andenken.“ Ein stilles Andenken soll sie allerdings nicht bleiben. Eine der beiden Schwestern von Baris wolle das Instrument nehmen, wenn es repariert ist, sagt Suat. „Sie will jetzt auch Geige lernen.“

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dpa

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